Scientology

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

12. Januar 2007

Schließlich fallen die sieben Geißlein, so berichtet das Märchen, auf die Täuschung des Wolfs herein. Nachdem er Kreide gefressen und sich in einen Schafspelz gehüllt hat, öffnen sie ihm die Tür.

Erleben wir Ähnliches derzeit in Berlin? Morgen eröffnet ein nach Gewinn strebendes Wirtschaftsunternehmen in Charlottenburg seine „Hauptstadtrepräsentanz“. Der Schafspelz: „Scientology“, zu Deutsch Wissenschaftskunde. Die Kreide: „Kirche“, also vermeintlich eine christliche Religionsgemeinschaft. Von beidem kann aber keine Rede sein. Die Methoden haben mit Wissenschaft nichts zu tun – und die Lehre nichts mit Religion, erst recht nicht mit christlicher.

Ruhe zu bewahren, wäre auch für die sieben Geißlein der richtige Rat gewesen. Aber genau hinzuschauen auch. Nicht nur die Geschäftstüchtigkeit der Scientologen ist bekannt. Auch ihre Aggressivität ist vielfach belegt.

Die weltweit operierende Scientology-Organisation gibt sich weltstädtisch-offen. Weil sie auf Kultur und Politik Einfluss nehmen will, tritt sie verstärkt in den Hauptstädten Europas auf. Scientologen geben sich den Anschein wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit. Sie versprechen die Erlösung des Menschen mit Hilfe der Methoden ihres Gründers Ron Hubbard. Sie stilisieren sich als Kirche. Doch schon der Gründer erklärte unverblümt, durch die Selbstdarstellung als Religionsgemeinschaft solle nur „eine gute Gesellschaftsform“ geschaffen werden, „mit der die Gewinne transferiert werden können.“ Im Schafspelz einer Religionsgemeinschaft werden Menschen bedrängt und Geschäfte gemacht. Leute, die Religion zum Geschäftemachen missbrauchten, vertrieb Jesus aus dem Tempel. Er hielt ihnen vor, sie hätten den Ort des Gebets in eine Räuberhöhle verwandelt.

Unter Tarnnamen werden die Arbeit mit Drogenkranken und Hausaufgabenhilfen für Schülerinnen und Schüler angeboten. Und das in der Nähe von zwei Schulen. Unverstellter ist es schon, wenn angekündigt wird, man werde eine unverdorbene „Zivilisation ohne Geisteskrankheit“ herzustellen. Gemeint ist eine Gehirnwäsche, die den Menschen zur „perfekten Maschine“ macht. Die Freiheit ihrer Opfer brauchen Scientologen nicht zu berücksichtigen. Denn als „Menschen höherer Stufe“ können sie ihre Gesetze selbst bestimmen.

Das Bezirksamt Charlottenburg fordert dazu auf, sich zu melden, wenn man von Scientologen angesprochen wird. Richtig so. Auch die Pfarrämter stehen für Gespräche bereit. Auch im Schafspelz bleibt der Wolf ein Wolf. Wachsamkeit ist also geboten.