Bischofswort

Wolfgang Huber

21. April 2007

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!

Vor einer Woche bin ich von einer Reise ins Heilige Land zurückgekommen. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat auf dieser Reise Israel und Palästina besucht.

Die bis zum Zerreißen gespannte Situation im Nahen Osten trat uns erneut vor Augen. Auf der einen Seite wird von Nachbarn wie von Teilen der Palästinenser selbst das Existenzrecht Israels bestritten. Nicht nur im Fall des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad verbindet sich das mit der Leugnung des Holocaust, mit einer massiven Bestreitung also des geschichtlichen Leids, das, im deutschen Namen verübt, unlöslich zur Identität des jüdischen Volkes wie des Staates Israel hinzugehört. Auf solche Angriffe können wir als evangelische Christen in Deutschland gar nicht anders reagieren als mit einem ebenso nachdrücklichen wie unzweifelhaften Eintreten für die Sicherheit und die Integrität Israels. Und die Terroranschläge, die Kinder wie Erwachsene, Frauen wie Männer aus dem Leben gerissen haben, können niemanden kalt lassen. Dass die Sicherheit und die Integrität Israels geschützt werden müssen, steht insofern außer Frage.

 Doch auf der anderen Seite sind die Sicherheitsanlagen, die Zäune und Mauern, die von Israel gegen die Palästinenser errichtet wurden, in erkennbarer Weise auch mit anderen Zielsetzungen verbunden als allein mit Sicherheitsinteressen. Würde man sie nur unter Gesichtspunkten der Sicherheit betrachten, so hätte es nahe gelegen, sie auf der sogenannten „Grünen Linie“ zu errichten, also auf der Grenze von 1967, die israelisches und palästinensisches Gebiet voneinander trennt. Das ist aber nicht der Fall. Diese Grenze verläuft vielmehr teilweise weit in palästinensischem Gebiet. Sie schneidet tief in dieses Gebiet ein und trennt ungefähr zehn Prozent davon ab. Sie schließt israelische Siedlungen ein und schafft Raum für deren Erweiterung. Sie schneidet palästinensische Orte von ihrer wirtschaftlichen Basis ab und trennt palästinensische Bauern von ihren Feldern. Palästinenser können sich nicht frei in die Schule, zur Arbeit oder zu ihren Angehörigen bewegen.

 Mauer und Zaun-Anlagen, Checkpoints und getrennte Straßennetze erschweren nicht nur den Übergang vom israelischen zum palästinensischen Teil des Heiligen Landes. Sie erschweren auch den Verkehr zwischen den palästinensischen Städten im Westjordanland. Das ist nur ein Aspekt der täglichen Demütigungen, die für Palästinenser mit dieser Situation verbunden sind.

„Diebstahl der Spontaneität“ – so hat ein Beobachter diese Lage beschrieben. Den Frieden fördern solche Maßnahmen auf Dauer nicht. Er kann nur entstehen, wo zwischen Israelis und Palästinensern Verständigung stattfindet und Vertrauen wächst.

Das ist ein langer Weg. Aber er ist nötig.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Bleiben Sie behütet!