Jugendliche in Palästina

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

20. April 2007

Ali ist fünfzehn Jahre alt. Er geht in Beit Jala zur Schule, im Westjordanland. Die christliche Schule liegt ganz nahe bei Bethlehem, dem Geburtsort Jesu. Sie trägt den Namen „Talitha Kumi“, zu deutsch: „Mädchen, steh auf!“ Jesus sagte das zu einem Kind, das andere für tot erklärt hatten; er aber holte es ins Leben zurück.

Im besetzten Gebiet der Palästinenser soll Talitha Kumi ein Ort des Lebens sein. Die Schule wurde von Deutschland aus gegründet. Heute nehmen wir von Berlin aus die Verantwortung für sie war. Ursprünglich war es eine reine Mädchenschule; heute können auch Jungen sie besuchen. Und viele wollen das. Die Zahl der Anmeldungen ist hoch; nicht alle können aufgenommen werden. Obwohl die Zahl der Christen in Israel wie in Palästina zurückgeht, ist die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler christlich.

Sie hatten selbst die Morgenandacht vorbereitet, an der wir teilnehmen konnten. Am vergangenen Samstag war das; mit einer Delegation der Evangelischen Kirche in Deutschland war ich dort zu Besuch. Schülerinnen und Schüler sprachen über die Wahrheit von Träumen. Sie redeten über ihre Zukunft.

Anschließend berichten uns Ali und einige Schülerinnen von dem, was sie vorhaben. Und davon, wie ihnen die Schule gefällt. Wie schwer es ist, durch die vielen Absperrungen hindurch die Schule zu erreichen und wieder nach Hause zu kommen. Freimütig und in makellosem Deutsch räumt Ali ein, Geschichte sei nicht sein Lieblingsfach, eher schon Mathematik. Nach seinen Berufsplänen befragt, erklärte er, er wolle gern Arzt werden. Denn sein Land brauche gute Ärzte.

Ein fünfzehnjähriger will seinem Land dienen. Daran, dass er viel Geld verdienen könne, denkt er nicht. Was sein Land braucht, interessiert ihn. Dass die Opfer von Gewalt verbunden werden, liegt ihm am Herzen. Seine Augen leuchten.

In Alis Augen sah ich die andere Seite der Wirklichkeit im Heiligen Land. Der Frieden ist für Palästinenser so wichtig wie für Israelis. Das Recht der Bürgerinnen und Bürger des Staates Israel auf ein von allen Nachbarn anerkanntes Staatsgebiet in sicheren Grenzen ist ein hohes, unantastbares Gut. Aber das Recht der Palästinenser darauf, in einem eigenen Staat mit ebenfalls anerkannten Grenzen zu leben und sich frei zu bewegen, ist es auch. Derzeit wird ihr Lebensraum eingeschnürt und ihr Bewegungsspielraum beschnitten. Ali kann davon berichten.

Hoffentlich kann er seinen Berufswunsch verwirklichen. In Freiheit und ohne Gewalt.