Statement beim Pressegespräch anlässlich der Eröffnung der Woche für das Leben 2007 in Bremen

Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

21. April 2007

„Mit Kindern in die Zukunft gehen“: Was so selbstverständlich klingt, ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Dennoch haben wir unsere Woche für das Leben in diesem Jahr unter dieses Motto gestellt. Wir wollen Mut machen, Kinder auf dem Weg des Erwachsenwerdens zu begleiten, ihnen Orientierungen zu geben und für ihre Erziehung und Bildung Sorge zu tragen.

Erziehung und Bildung scheinen derzeit wieder hoch im Kurs zu stehen: von der frühkindlichen Erziehung über die Verbesserung der Zustände an unseren Schulen bis hin zur universitären Ausbildung und den Herausforderungen des lebenslangen Lernens. Dennoch geraten ganz grundlegende Fragen des Kindeswohls, der Kindererziehung und der Erziehungsverantwortung der Eltern in den aktuellen Debatten um Elterngeld und Krippenplätze immer wieder in den Hintergrund. Fest steht: Kinder haben ein Recht auf Erziehung. Denn, wie Immanuel Kant es zugespitzt formulierte: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung.“ Durch Erziehung und Bildung lernen wir  uns selbst, unsere Mitmenschen und unsere Umwelt besser zu verstehen und uns in unserer Welt zurechtzufinden. Eine gute und liebevolle Erziehung, die wesentlich zur Persönlichkeitsentfaltung beiträgt, ist deshalb das Kostbarste, was Eltern ihren Kindern mit auf den Lebensweg geben können. 

Doch was so gut und selbstverständlich klingt, ist eine große Aufgabe. Viele Eltern empfinden heute Erziehung und Bildung sogar als etwas ausgesprochen Schwieriges, Kompliziertes und Herausforderndes. Das gilt längst nicht nur für solche dramatischen Problemsituationen wie die des kleinen Kevin, der im vergangenen Jahr auf so tragische Weise hier in Bremen zu Tode gekommen ist. Kinder auf eine Welt vorzubereiten, die so komplex und zugleich so schnelllebig ist, dass man selbst kaum das Tempo halten kann, ist für alle Eltern ein anspruchsvolles Unterfangen. Schließlich soll Erziehung Orientierung, eine Wertebasis, kurz: das Handwerkszeug für ein gelingendes Leben in der Gesellschaft vermitteln. Weil die äußeren Umstände heute so vielfältig sind wie die Lebensumstände der Familien und so verschieden wie die Kinder, dürfen Familien weder offen noch unterschwellig zu einem einheitlichen Modell gedrängt werden, sondern brauchen Spielräume. Dazu gehört auch, dass die Erziehungsleistung der Eltern in der Gesellschaft dieselbe Wertschätzung erhält wie die Erwerbsarbeit.

Tatsächlich gibt es viele Eltern, die verunsichert, ratlos und manchmal auch resigniert sind – gerade wenn es darum geht, Kindern Werte mit auf den Weg zu geben, die nicht so recht in das Bild dieser Gesellschaft passen wollen. Eltern fragen sich: Tun wir den Kindern wirklich etwas Gutes, wenn wir sie zu Rücksichtnahme, Ehrlichkeit, Verbindlichkeit erziehen – in einer Gesellschaft, in der oft eher die Rücksichtslosigkeit zu siegen und der Ehrliche der Dumme zu sein scheint?
Kinder zu erziehen, erscheint vielen Eltern deshalb wie der Versuch, jemanden kompetent und zielsicher durch eine Stadt zu führen, in der man sich selbst kaum zurechtfindet.

Die Erziehung ist aus vielen Gründen schwerer geworden. Kinder und Jugendliche werden heute in einem hohen Maß von Außen bestimmt. Es ist nicht leicht, dass die Eltern in der Familie stärker sind und bleiben. Es gibt viele kräftige und mächtige Miterzieher, die oft nur das eigene Interesse, aber nicht zuerst das Wohl des Kindes im Auge haben. Kinder und Jugendliche leben in einer vielgestaltigen, pluralen Welt. Sie bekommen viele Eindrücke und müssen diese verarbeiten und auch miteinander vernetzen. So haben Kinder oft schon recht früh bei allen Gemeinsamkeiten unterschiedliche Erfahrungen, die sie geprägt haben. So sind Kinder schon früh individueller ausgerichtet. Sie haben ihren eigenen Kopf. Sie sind nicht einfach Nummern. Darum ist die Rücksichtnahme auf den eigenen, ja manchmal auch eigenwilligen Weg von Kindern notwendig. Dies kostet mehr Kraft und mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit und mehr Bereitschaft, auch auf solche Eigenheiten von Kindern einzugehen. Manche können sich hier wirklich überfordert fühlen, aber Erziehung wird dadurch auch dem Menschen von Anfang an gerechter und macht auch am Ende mehr Freude.

Die Woche für das Leben 2007 bietet nicht für jeden den perfekten Stadtplan. Aber sie will wie ein Wegweiser bei der Orientierung helfen und Eltern und Erziehenden Mut machen: Es lohnt sich, Kindern Werte mit auf den Weg zu geben. Es lohnt sich, Kinder einfühlsam und mit immer wieder neuem Optimismus zu erziehen. Und nicht zuletzt lohnt es sich, die religiösen Fragen der Kinder wahrzunehmen und mit ihnen gemeinsam Antworten im Glauben zu suchen.

Niemand, und schon gar nicht heranwachsende Kinder mit ihren vielen Fragen nach dem Warum und Woher, könnend ohne Weltdeutung leben. Kinder haben ein Recht darauf, hoffnungsvolle und ermutigende Deutungen mit auf ihren Weg zu bekommen. Wer ihren Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu des Lebens und ihrer Suche nach Anhaltspunkten für ein gutes, gerechtes und sinnvolles Handeln die Antworten der Religionen vorenthält, nimmt ihnen die Chance, bewährte Grundlagen kennen zu lernen und sich mit diesen auseinanderzusetzen. Der christliche Glauben bietet Halt und Orientierung. Er bietet die unerlässliche, geistige und spirituelle Basis, gleichsam die „Wertegrundlage“, die bis heute unser gesellschaftliches Zusammenleben prägt. So hat die Weitergabe des Glaubens – wenigstens mittel- und langfristig – eine nicht zu unterschätzende gesamtgesellschaftliche Bedeutung.

Eltern stehen nicht alleine vor diesen Aufgaben. Die Woche für das Leben wollen wir auch nutzen, um auf die vielen Unterstützungsangebote hinzuweisen, die es gerade im Bereich der Kirchen gibt: Sei es der Kindergartenplatz in der kirchlichen Kindertagesstätte – insgesamt befinden sich rund 1,2 Millionen Plätze in rund 18.000 Einrichtungen in Trägerschaft der katholischen und der evangelischen Kirchen –, sei es die Krabbelgruppe im Gemeindezentrum, sei es der Elternkurs, die Erziehungsberatung, die Familienfreizeit, der Kindergottesdienst oder sei es auch nur so etwas vermeintlich Einfaches wie ein Faltblatt zum Thema Tischgebet, Advent oder Segensgesten in der Familie.

Wir wollen Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung unterstützen, indem wir uns für gute Rahmenbedingungen einsetzen und indem wir hilfreiche Angebote machen. Die Woche für das Leben 2007 ist in dieser Hinsicht eine Einladung, sich zu informieren, sich seine Gedanken zu machen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Dazu dienen die zahlreichen Veranstaltungen, die ab heute bis zum 28. April in allen Diözesen und Landeskirchen, in Gemeinden, kirchlichen Einrichtungen und Verbänden zum Thema „Mit Kindern in die Zukunft gehen“ stattfinden.

Unabhängig von unserer Woche für das Leben hat die ARD in der vergangenen Woche eine Themenwoche unter dem Motto „Kinder sind Zukunft“ durchgeführt. Besser hätte man es wohl gar nicht planen können. Kinder haben unsere ganze Aufmerksamkeit verdient, in allen Bereichen. So möchten wir an dieser Stelle auch den Verantwortlichen der ARD danken, dass sie sich auf ihre Weise mit vielen Berichten, Reportagen und Sendungen dem Thema gewidmet haben. Mit Kindern in die Zukunft gehen – das ist eine Aufgabe, die alle angeht, und zwar weit über die anstehende Woche für das Leben hinaus.


Hinweis:
Texte zum Ökumenischen Gottesdienst finden Sie am Samstag, 21.04.2007 ab 11:00 Uhr im Internet unter www.dbk.de.