Noël Martin

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

11. Mai 2007

Ich lebe nicht, ich existiere nur! So beschreibt Noël Martin seine Lage. Seit Rechtsradikale den Mann aus Jamaica 1996 in Brandenburg überfielen, ist er vom Hals abwärts gelähmt. Selbständig und erfolgreich war er bis dahin im Baugewerbe tätig. Sein Beruf hatte ihn nach Mahlow südlich von Berlin geführt. Vor elf Jahren geschah es dann. Aus den Rufen „Nigger, Nigger!“ wurde eine Verfolgungsjagd. Schließlich warfen die Verfolger einen schweren Stein in Martins Auto. Er knallte gegen einen Baum - mit unvorstellbaren Folgen. Lähmend - im wahrsten Sinn des Wortes!

Fast elf Jahre ist das her. Die beiden Rechtsradikalen wurden zu acht und fünf Jahren Haft verurteilt. Heute sind sie wieder auf freiem Fuß. Noël Martin verlor seine Frau durch Krebs. Er selbst bleibt sein Leben lang gefangen. Eingesperrt in einem abgestorbenen Körper.

Ob er den Tätern vergeben habe, wird er gefragt. Seine Antwort: "Das steht mir nicht zu. Vergeben kann nur Gott." Nichts mehr selbst in die Hand nehmen zu können, gefüttert und gewaschen zu werden, empfindet er als würdelos. Deshalb will er jetzt sterben. Mit dem Schweizer Sterbehilfeverein Dignitas hat er darüber schon einen Vertrag.

Wer will ihm das vorwerfen? Statt eines Vorwurfs ist etwas anderes an der Zeit. Noel Martin soll wissen, dass seine Würde nicht verloren ist. Viele bewundern, wie er mit seinem Schicksal umgeht. Seine Geschichte hat er erzählt. Sogar nach Mahlow ist er noch einmal gekommen. Seine Würde hat er nie verloren. Auch in seiner Hilfsbedürftigkeit zeigt sich noch diese Würde.

Freilich möchte ich nicht, dass am Beispiel von Noel Martin das Verhalten der Organisation Dignitas gerechtfertigt wird. Mit dem biblischen Gebot "Du sollst nicht töten" ist die Tötung auf Verlangen wie die Beihilfe zur Selbsttötung unvereinbar. Unser Leben bleibt auch in aller Einschränkung und Behinderung ein Geschenk Gottes. Kein Töten dieser Welt ist mit der Menschenwürde vereinbar.

Ich bitte Noël Martin inständig, seinen Entschluss zu überdenken. Für viele Menschen ist er ein Vorbild. Er fördert die Begegnung zwischen Jugendlichen verschiedener Nationen und Hautfarben. Jugendgruppen aus Mahlow hat er zu sich nach Birmingham eingeladen. Junge Engländer hat er als Botschafter der Verständigung nach Brandenburg geschickt. Er hat gezeigt, wie Menschen verschiedener Herkunft zusammenleben können. Diesen Weg fortzusetzen erfordert Kraft. Ich bete darum, dass Noël Martin diese Kraft behält und nicht den Tod wählt.