Entgleisung

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

01. Juni 2007

Die Nachricht ist dramatisch. Aber der Kommentar ist unsäglich.

Die Nachricht: In Ostdeutschland wird der Frauenmangel immer größer. In manchen Regionen beträgt der Männerüberschuss schon mehr als ein Viertel. Junge Frauen gehen dorthin, wo sie mit ihren Qualifikationen gebraucht werden. Sie hoffen darauf, dort auch einen ähnlich gut ausgebildeten Partner zu finden. Die jungen Männer im Osten Deutschlands sind zum Teil schlechter ausgebildet. Man kennt das bisher nur aus dem Norden Schwedens und Finnlands, nahe dem Polarkreis. Dort wandern schon seit langem besonders junge Frauen ab; doch in Ostdeutschland ist es inzwischen viel dramatischer als dort.

Der Kommentar: Es handle sich um eine „schleichende Ausrottung der ländlichen Region“. So wird Ulf Preuß-Lausitz zitiert, Professor an der Technischen Universität in Berlin. So zu reden, ist inakzeptabel. Mit „Ausrottung“ bezeichnet man die gewaltsame Zerstörung von Leben. Durch das Abholzen des tropischen Regenwalds werden ganze Tierarten „ausgerottet“. Die Nazis wollten das europäische Judentum „ausrotten“. Wer rottet in diesem Fall aus? Ein solches Wort zu verwenden, ist eine Entgleisung.

Warum ich so empfindlich bin? Der Mann lehrt Erziehungswissenschaften. Er trägt Verantwortung für die Weitergabe von Werten. Werte aber werden durch Worte vermittelt. Wer erziehen will, muss seine Worte sorgfältig wählen. Preuß-Lausitz tritt übrigens dafür ein, dass in den Schulen Berlins und Brandenburgs eine Ethik ohne Gott unterrichtet wird. Ich hoffe, in  diesem Unterricht wird nicht so unverantwortlich geredet!

Junge Frauen, die in den Westen Deutschlands gehen, haben dazu übrigens ein gutes Recht. Sie suchen eine gute Zukunft – für sich und ihre Kinder. Wir sollten sie nicht wie „Republikflüchtlinge“ behandeln. So klingt es aber, wenn andere Kommentare sagen: „Sie verlassen das Land.“ Statt so zu reden, sollten wir gute Gründe dafür schaffen, dass sie bleiben. Attraktive Arbeitsplätze können ein solcher Grund sein. Attraktivere Männer aber auch.

Dazu müssen sich die jungen Männer wohl etwas einfallen lassen. Das fängt mit dem Schulabschluss an, den ein erschreckend hoher Anteil männlicher Jugendlicher im Osten derzeit nicht erreicht. Es geht mit der Ausbildung weiter, die zu oft auf der Strecke bleibt. Die jungen Männer müssen sich anstrengen, damit die jungen Frauen bleiben. Die Politik muss dabei helfen. Und die Wirtschaft auch. Es gibt viel zu tun!