Die schönsten Franzosen

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

27. Juli 2007

In diesen Wochen ermöglicht uns Berlin Begegnungen von ganz besonderer Art. „Die schönsten Franzosen“ sind in der Stadt zu Gast. Nun wird sich niemand zutrauen, unter den lebenden Franzosen die schönsten auszuwählen und nach Berlin zu schicken. Deshalb ist man in die Geschichte ausgewichen – und in die Kunst dazu. Es handelt sich um Gemälde, die aus dem Metropolitan Museum of Art in New York an die Neue Nationalgalerie ausgeliehen wurden. Nach der sensationellen MoMA-Ausstellung ist das ein neuer Höhepunkt.

Mich hat der Besuch der Ausstellung fasziniert. Mehrfach bin ich dort gewesen. Die Entwicklung der französischen Malerei vom frühen neunzehnten bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert tritt einem vor Augen. Das ist die Zeit eines gewaltigen Umbruchs. Der Realismus, der die Dinge so abbilden will, wie sie sind, steht am Anfang. Die Salonmalerei tritt dazwischen, verliebt in den schönen Schein. Der Impressionismus steht am Ende. Er kann durch die Kraft des Pinselstrichs einen Eindruck erzeugen, der über die Wirklichkeit weit hinausgeht.

Die Leidenschaft der Maler spricht aus solchen Bildern unmittelbar zu uns. Die Formen sind einmal von überscharfer Klarheit, ein anderes Mal absichtsvoll verschwommen. Auf dem einen Bild stehen die Farben in hartem Kontrast gegeneinander; bei einem anderen aber verschwimmen sie in zartesten Abstufungen. Was die schöpferische Kraft des Menschen vermag, lässt den Betrachter in tiefem Erstaunen zurück.

Die Kunst dieser Zeit ist zweckfrei; sie folgt keinem Auftrag. Christliche Motive sind selten. Umso mehr fallen sie ins Auge. Edouard Manet hat den gekreuzigten Christus gemalt. Sein Leiden ist für keinen Menschen zu ertragen; das kann man sehen. Die Seitenwunde Jesu ist nicht länger an der Seite; sie sitzt direkt am Herzen – so als sei der Gekreuzigte zusätzlich auch noch durch einen Stich ins Herz ums Leben gebracht worden. Zwei Engel umgeben ihn; aber sorgenvoller habe ich Engel noch nie abgebildet gesehen.

Das Gespräch zwischen Glaube und Kunst wird auch bei den „schönsten Franzosen“ vernehmbar. Es erstreckt sich hinein bis in die künstlerische Freiheit, die mit der Freiheit des Menschen vor Gott eng zusammengehört.