Leben ohne Mauern

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

17. August 2007

An meinem 19. Geburtstag erlebte ich zum ersten Mal Willy Brandt. Er war damals Regierender Bürgermeister von Berlin. In der folgenden Nacht brach er seine Wahlkampftournee durch Deutschland ab und kehrte nach Berlin zurück. Man schrieb den 13. August 1961. Die Berliner Mauer wurde errichtet. Die Erschütterung über dieses Ereignis werde ich nie vergessen.

Beinahe drei Jahrzehnte lang stellte die Mauer aller Welt die Folgen des Kalten Kriegs vor Augen. Sie machte die Teilung Deutschlands unübersehbar. Am 9. November 1989 fiel sie; am folgenden Tag war ich in Berlin. Auch mein Jubel konnte an diesem Tag kein Ende finden. Die Tür zu einem Leben in Frieden und Freiheit war aufgestoßen. Ich war 47 Jahre alt und wusste: Ein neues Kapitel hat begonnen.

Doch was an der Mauer geschah, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Der Geist der Menschenverachtung wurde uns in diesen Tagen wieder durch Dokumente zum Schießbefehl vor Augen gestellt. Da heißt es in einer Anweisung unmissverständlich: „Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen!“

Die Diskussion über diese Dokumente ist nötig. Auch vorher ließ sich nicht daran zweifeln, dass die Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze politisch gewollt und gedeckt waren. Doch der Zynismus, mit dem hier über Menschenleben verfügt wurde, erschüttert immer wieder. Das muss auch so sein. Denn nur der wahrhaftige Blick zurück befähigt zum offenen Blick nach vorn. Nur so achten wir die Würde derer, die an der Mauer starben. Erst wenn das persönliche Schicksal jedes an der Mauer Gestorbenen uns in seiner Wucht trifft, wird die Erinnerung konkret.

In der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße liegt ein Mauertotenbuch. Seit zwei Jahren wird in Mittagsandachten jeweils an einen Toten erinnert. Ein Name wird genannt. Das Schicksal eines Menschen wird lebendig. Dem Vergessen wird gewehrt. Hoffnung wird wach.

Wer die Existenz des Schießbefehls leugnet, vergeht sich an den Toten. Wer so tut, als hätte es Sperrzäune und Schießanlagen nie gegeben, entzieht sich der Verantwortung. Zur Wahrhaftigkeit im Umgang mit der Geschichte gibt es keine Alternative. Sie ist der einzige Weg in die Zukunft. So kann aus Erinnerung Orientierung werden.