„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

12. Oktober 2007

Menschen in blauen FDJ-Hemden auf dem Berliner Alexanderplatz! Da wird sich mancher die Augen gerieben haben. Er fühlte sich 18 Jahre zurückversetzt. Ging es etwa um Filmaufnahmen? Eine Fortsetzung von „Good bye, Lenin“ zum Beispiel? Nein, hier wurde kein Film gedreht. Vielmehr trafen sich DDR-Nostalgiker, um den 58. Gründungstag der DDR zu feiern. Republikgeburtstag hieß der 7. Oktober, weil sich im Jahr 1949 an diesem Tag die Provisorische Volkskammer konstituierte. Auch ein Erinnerungsdatum! Was gut war, muss auch gut genannt werden, fordern die DDR-Anhänger von heute. Vor allem aber muss Unrecht auch heute Unrecht genannt werden. Staatsversagen darf man ebenso verschweigen wie Staatskriminalität.

Wofür stand das blaue Synthetikhemd mit der aufgehenden Sonne am Arm wirklich? Wer in der DDR nicht zur FDJ, der sozialistischen Jugendorganisation gehörte, hatte schlechte Karten. Frei war die „Freie Deutsche Jugend“ allerdings keineswegs. Vielmehr verstand sie sich als „Kampfreserve der SED“. Sie sollte den Jugendlichen die marxistisch-leninistische Weltanschauung vermitteln. Man lernte in ihr Parolen wie „Die Partei hat immer Recht“ oder „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist!“

Die Würde des Einzelnen hatte dagegen keinen Wert. Wer sich der Mitgliedschaft in der FDJ widersetzte, sah sich blockiert. Auch bei hervorragenden schulischen Leistungen durfte er zumeist nicht studieren. Der Klassenstandpunkt sei nicht gefestigt, hieß es dann. Mit dieser Sprache unterdrückte der DDR-Staat Generationen junger Menschen. Junge Christen erlebten das ganz besonders. Mutig war es, wenn sie das Zeichen „Schwerter zu Pflugscharen“ trugen statt der aufgehenden Sonne. Meinungs- und Gewissensfreiheit standen damals zwar im Gesetz, praktiziert wurde jedoch das Gegenteil. Dagegen standen vor allem Menschen auf, die sich an den Grundsatz des Neuen Testaments hielten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Der 7. Oktober wurde zum letzten Mal im Jahr 1989 gefeiert. Vierzig Jahre DDR. Da war der Zerfall schon abzusehen. Zwei Tage später zeigten die gewaltlosen Demonstrationen, vor allem in Leipzig, den Wandel deutlich. Und Gorbatschow beschrieb, worum es ging: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Daran sollten sich auch die erinnern, die ihre FDJ-Hemden aus dem Schrank holen und damit auf den Alexanderplatz gehen. Das falsche Symbol am falschen Ort – und zur falschen Zeit! Übrigens: In der Zeit der DDR wäre die Demonstration der Neu-FDJler auf dem Alex nicht möglich gewesen.