„Kirche darf keine Scheu vorm Anecken haben“

Interview des EKD-Ratsvorsitzenden mit der Leipziger Volkszeitung

04. November 2007

Leipzig/ Dresden. Am Sonntag begann in Dresden die 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber erhofft sich neue Reform-Impulse vom Kirchenparlament.

Frage: Ihr jüngstes Buch heißt „Position beziehen.“ Muss die Evangelische Kirche in Deutschland mehr anecken?

Wolfgang Huber: Die Kirche darf jedenfalls keine Scheu vor dem Anecken haben. Viele Menschen warten darauf, was die Kirche zu Grundfragen des Zusammenlebens von Menschen zu sagen hat. Dies schließt auch ein, dass Christen deutlich erkennbar sind und Auskunft geben über ihr Gottesverhältnis.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat die Kirche ermutigt, sich stärker in die Politik einzumischen. Nehmen sie die Aufforderung gern an?

Ja, auch deshalb, weil damit nicht gemeint ist, blind dem Zeitgeist zu folgen oder immer das zu sagen, was gerade der aktuellen Vorstellung von political correctness entspricht. Die Aufforderung war auch mit der Feststellung verbunden, dass die kirchliche Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhundert vom Auftrag der Kirche und dem Inhalt der christlichen Botschaft her zu geben ist.

Die EKD-Synode in Dresden will klären, wie man deutlicher evangelisch Kirche sein kann. Woran mangelt es?

Wir sind auf dem Weg in die Zukunft, angestoßen vom Impulspapier „Kirche der Freiheit“, verstärkt durch den Zukunftskongress in Wittenberg im Januar dieses Jahres. Die Synode in Dresden fügt sich in den Reformprozess ein. Gemeinsam denken wir darüber nach, wie dieser Weg in die Zukunft in evangelischer Freiheit und Verantwortung aussehen soll.

Ist die evangelische Profilsuche auch der Tatsache geschuldet, dass die Ökumene unter Papst Benedikt XVI. in einer Sackgasse steckt?

Die Situationsbeschreibung als Sackgasse machen wir uns nicht zu eigen. Es stimmt aber, dass die ökumenische Diskussionslage mitbestimmt ist durch Äußerungen des Vatikans, nach denen die evangelische Kirche nicht Kirche im eigentlichen Sinne sei. Darauf reagieren wir gelassen und selbstbewusst. Unser Konzept lautet, wir wollen evangelisch Kirche sein. Eine Kirche, die sich auf das Evangelium bezieht und den Aufbruch zur Freiheit eines Christenmenschen auch im 21. Jahrhundert zur Geltung bringt.

In Wittenberg zum Zukunftskongress wurde kritisiert, dass immer nur zwei protestantische Stimmen im Tagesgeschäft zu hören sind: Ihre und die der Bischöfin Margot Käßmann. Braucht es mehr Vielstimmigkeit?

Ich freue mich über jede Stimme aus dem Bereich unserer Kirche, die öffentlich Gehör findet. Aber die Tatsache, dass die zwei Personen, die aus der kirchlichen Leitungsebene besonders öffentlich wahrgenommen werden, ein Mann und eine Frau sind, zeigt ja auf ihre Weise auch ein besonderes Charakteristikum der evangelischen Kirche.

Die EKD-Leuchtfeuer werden zur EKD-Synode wieder hell flackern. Fürchten Sie manchmal ein Zerreden des Reformaufbruchs?

Nein, im Gegenteil: Wir befinden uns in einer Phase, in der einzelne Landeskirchen die Reformimpulse in konkrete Projekte umsetzen. Wir werden bei der EKD ein Projektbüro einrichten und eine Steuerungsgruppe installieren, die die Reformschritte koordinieren werden.

Wird die Dresdner Synode dazu beitragen, Reform-Kritiker zu beruhigen?

Es geht nicht um Beruhigung von Kritikern. Wir wollen den Impuls, der aus kritischen Rückfragen kommt, in konkrete Schritte umsetzen. Im Reformprozess sind unterschiedliche Akzente möglich. Kritische Rückfragen tragen ja dazu bei, auch Klärungen und Korrekturen herbeizuführen. Auch das ist im zurückliegenden Jahr bereits geschehen.

Der EKD-Kirchenamtspräsident Hermann Barth beklagt Wissenslücken in der Glaubenslehre. Viele Christen könnten kaum noch Auskunft geben. Sollte mehr über Inhalte statt über die Verpackung gestritten werden?

Das lässt sich nicht gegeneinander ausspielen. Damit wir die Menschen mit den Inhalten erreichen, müssen wir als Kirche präsent sein. Das gilt auch für öffentliche Institutionen, zuvorderst die Schulen, wo wir mit einem guten Religionsunterricht wahrgenommen werden wollen. Diese Präsenz ist Voraussetzung, damit christliche Bildung wieder eine neue Chance erhält.

Gestritten wird über eine Taufe in mehreren Schritten. Ein Christ auf Probe – was halten Sie davon?

Taufe in mehreren Schritten wird nicht diskutiert. Es geht um die Frage, wie man Menschen, die nicht getauft sind, sich aber der Kirche nahe fühlen, auf dem Weg zur Taufe vorbereitet. Darauf müssen wir reagieren, indem wir neben der Praxis der Kindertaufe auch verstärkt Angebote zur Vorbereitung auf Jugend- und Erwachsenen-Taufen in unserer Kirche entwickeln.

Viele Christen beschäftigt auch die Frage, wie viel Moscheen müssen sein. Sie haben dazu deutlich Position bezogen. Gibt es ein Maß des Zumutbaren?

Wir treten nachdrücklich dafür ein, dass die Religionsfreiheit für alle gilt. Zweifellos sind sichtbare Moscheen besser als das Freitagsgebet im Hinterhof. Aber es lässt sich nicht übersehen, dass es gerade jetzt viele Anlässe für den Eindruck gibt, dass mit Moscheebauten auch Machtansprüche an Bedeutung gewinnen. Es gibt auch Bauvorhaben, bei denen man von der Zahl der Angehörigen der Gemeinschaft nicht erkennen kann, warum eine so große Moschee gebaut werden muss.

Ist ein Dialog überhaupt möglich?

Ja, er ist möglich und nötig. Meine Empfehlung an die muslimischen Organisationen ist, dass sie sich auf die Diskussion einlassen und offen und transparent Auskunft über ihre Absichten geben. Das wird die Akzeptanz erhöhen. Wundern darf man sich über die Debatte allerdings nicht. Wir haben in Deutschland derzeit 159 Moscheen und 184 Bauvorhaben. Es gibt also mehr Bauvorhaben als bislang bestehende Moscheen. Dies muss Rückfragen auslösen; diese dürfen nicht tabuisiert werden.

Soziale Gerechtigkeit wird gerade groß geschrieben. Ist die Politik zu weit weg von den Menschen?

Es gibt Bereiche, in denen das knallharte Durchführen von Agenda 2010-Projekten die Lebenssituationen von Menschen ignoriert hat. Es ist erschreckend, wenn sich 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in diesem Land im Armutsbereich bewegen. 208 Euro Anteil für Kinder und Jugendliche, die bei Hartz IV gewährt werden, reichen für den Lebensunterhalt von Kindern nicht aus. Man sieht, dass das soziale Netz längst nicht für alle wirklich stabil ist.

In Dresden steht mit der Frauenkirche ein beeindruckendes Gotteshaus, manche sprechen gar vom St. Peter des Protestantismus. Wie wichtig sind Symbole für die evangelische Kirche?

Es ist eine bemerkenswerte Entwicklungen im Protestantismus, dass wir die große Bedeutung von Symbolen und Symbolbauten neu entdeckt haben. Die Dresdner Frauenkirche ist ein herausragender Symbolbau. Durch ihre bewegende Geschichte ist sie auch ein Symbol für Frieden und Versöhnung geworden. Viele Menschen spüren diesen besonderen Charakter. Ich freue mich darauf, wieder in der Frauenkirche zu sein.

Interview: Olaf Majer

Quelle: Leipziger Volkszeitung