Der Sonntagsschutz ist eine Zukunftsfrage

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

16. November 2007

Manche sagen, es sei doch egal, an welchem Tag der Woche man frei hat. Hauptsache freie Zeit. Andere nehmen gern die Sonntagszuschläge mit; man kann das Geld brauchen. Aber wie sieht es in Familien aus, in denen der Vater am Dienstag, die Mutter am Donnerstag und das Kind am Wochenende frei hat? Wann finden Familien Zeit, miteinander zu reden? Wann sollen Freunde etwas zusammen unternehmen? Was wird aus dem gemeinsamen Gottesdienst?

„Du sollst den Feiertag heiligen!“ So heißt das dritte Gebot. Jesus hat es sehr eindeutig ausgelegt: „Der Sabbat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Er hat freilich nicht gesagt: „Der Sonntag ist um der Wirtschaft willen da.“

In Berlin kann man seit einem Jahr diesen Eindruck haben. Nur um wirtschaftlicher Interessen willen wurde die Sonntagsöffnung der Geschäfte erweitert. Weit mehr als in jedem anderen Bundesland. Zehn Sonn- und Feiertage werden dafür zur Verfügung gestellt. Darunter sind alle Adventssonntage. Für den, der noch schnell Weihnachtsgeschenke kaufen will, mag das eine Erleichterung sein. Für diejenigen, die am Sonntag arbeiten müssen, ist es eine zusätzliche Last.

So weit wie irgend möglich muss der Sonntag ein freier Tag bleiben. An ihm zeigt sich, wie wir mit unserem Leben umgehen. Zeit und Aufmerksamkeit füreinander zu haben, ist ein hohes Gut. Kaufen kann man es nicht. Aber man kann es bewahren: „Du sollst den Feiertag heiligen.“

In unserem Land stehen die Sonn- und Feiertage ausdrücklich unter dem Schutz der Verfassung. Der Staat achtet sie als Tage der Arbeitsruhe und der „seelischen Erhebung“. So heißt es etwas altmodisch, aber durchaus treffend im Grundgesetz.

Damit passt es nicht zusammen, wenn in Berlin jeder fünfte Sonntag verkaufsoffen sind. Im Dezember ist der Sonntag sogar nur noch ausnahmsweise geschützt. Das ist in Deutschland einmalig. Die Kirchen haben jetzt dagegen beim Bundesverfassungsgericht Verfassungsbeschwerde eingelegt. Leichten Herzens tun sie das nicht. Aber die Berliner Maßlosigkeit verstößt gegen die Religionsfreiheit.

Natürlich gibt es Arbeit, die für den Sonntag wichtig ist: Gottesdienste und kulturelle Veranstaltungen, Gaststätten und Verkehrsbetriebe sind Beispiele dafür. Natürlich muss die Krankenversorgung gewährleistet sein; und manche Betriebe arbeiten sowieso rund um die Uhr. Aber so weit es irgend geht, sollen die Menschen sagen können: „Gott sei Dank, es ist Sonntag!“