Anonyme Bestattungen

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

23. November 2007

Immer mehr Berliner werden anonym bestattet. Im Jahr 2006 wurde zum ersten Mal die Marke von 40 Prozent überschritten. Damit hat sich der Anteil anonymer Bestattungen seit 1992 fast verdoppelt. Anonyme Gräber sind billiger als  Grabstätten mit Grabstein und Namen. Außerdem wollen viele alte Menschen ihre Kinder nicht mit der Grabpflege belasten. Oft haben sie keine Angehörigen, denen sie das Grab anvertrauen wollen.

Hinter allen Statistiken stehen Menschen. Oft ist ihr Lebensweg dramatisch. Ein Beispiel hat mich besonders bewegt. Eine junge Frau hat mit 21 Jahren eine Tochter geboren. Nennen wir die Mutter Nadine und die Tochter Lara. Die Beziehung zu dem Vater des Mädchens war bereits vor der Geburt gescheitert. So war Nadine während der Schwangerschaft und bei der Geburt auf sich allein gestellt. Ihre Eltern unterstützten  sie nach Kräften.

Kurz nach der Geburt der kleine Lara erkrankt die junge Mutter an Leukämie und stirbt. Lara ist nun ein Waisenkind. Die noch jungen Großeltern erklären sich bereit, ihr Enkelkind bei sich aufzunehmen. Und sie wissen sich für die Beerdigung ihrer Tochter verantwortlich. Ein Grab mit Grabstein und Namen soll es sein. Die kleine Lara soll einen Ort haben, der ihrer Mutter Nadine gewidmet ist.

Für Nadines Beerdigung reicht das Geld allerdings nicht. Denn ihre Eltern haben nicht mehr als Hartz IV. Die Solidargemeinschaft muss einspringen. Die Beisetzung wird zur Sozialbestattung. Ein Grabstein mit dem Namen der Toten und eine wieder auffindbare Grabstätte sind dabei nicht vorgesehen.

Trotzdem gibt es heute für Nadine eine gepflegte Grabstätte mit einem Grabstein. Es fand sich jemand, der einsprang. Die Kosten wurden übernommen. Eine junge Mutter sollte nicht der Namenlosigkeit überlassen sein. Lara wird das Grab ihrer Mutter aufsuchen können.

Jesus hat den Menschen Gott nahe gebracht. Die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen gilt deshalb als Maßstab des christlichen Lebens. Jesus kannte auch das Wort, das der Prophet Jesaja überliefert: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“  Angesichts der Namenlosigkeit auf unseren Friedhöfen ist dieses Wort sehr aktuell. Gott kennt uns beim Namen. Er gibt uns nicht dem Vergessen preis. Es gehört zur Würde des Menschen, dass er einen Namen hat. Über den Tod hinaus.

Übermorgen ist Totensonntag. Laras Großeltern können an diesem Tag zusammen mit ihrer Enkeltochter das Grab von Nadine besuchen. Darüber bin ich froh.