7. Tagung der 10. Synode der EKD vom 02. bis 05. November 2008 in Bremen
Eine Auswahl von Presseberichten zur Tagung
30. Oktober 2008
FAZ vom 7. November
Spekulationen über den EKD-Ratsvorsitz
von Reinhard Bingener
Wären Synoden ein Ort der Offenheit, hätte man als Schwerpunktthema nicht „Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel" gewählt, sondern: „Wer wird 2009 Nachfolger von Wolfgang Huber?" Während drinnen in der Bremer Messehalle die EKD-Synodalen Kundgebung um Kundgebung eine bessere Welt herbeidekretierten, war die Nachfolge Huber an den Bistrotischen das auf der EKD-Synode drängendste Thema. Bischöfe sprachen mit Bischöfen, Journalisten mit Bischöfen, Journalisten mit Journalisten - immer wurde über die wichtigste Personalie der evangelischen Kirche räsoniert.
An die Öffentlichkeit gelangten Spekulationen: An erster Stelle wird mittlerweile seit Jahr und Tag Margot Käßmann genannt. Wäre die Evangelische Kirche janusköpfig, wäre sie neben Huber schon jetzt das zweite Gesicht des Protestantismus; mit Ausnahme von Huber ist niemand anderes so bekannt wie Käßmann. Sie wäre die erste Frau an der Spitze der Kirche. So sicher, wie das in der römisch-katholischen Kirche ein Hindernis ist, so sicher ist das in der Evangelischen Kirche ihr Vorteil. Für Käßmann spricht auch, dass sie mit der Hannoverschen Kirche die größte Landeskirche Deutschlands hinter sich hat. Das macht ein paar Synodale bei der Abstimmung - aber viel wichtiger noch: Damit hat Margot Käßmann ein Landeskirchenamt im Rücken, das diesen Namen auch verdient. Denn ohne eine Entourage aus dem eigenen Landeskirchenamt ist ein Ratsvorsitzender im EKD-Kirchenamt in Hannover Kaiser ohne Land. Für Käßmann spricht auch, dass sie Lutheranerin ist und die wären nach langer Zeit jetzt wieder an der Reihe. Ob ihre Scheidung sie aufhalten kann? Nein. Ein ernsthaftes Argument gegen einen Kandidaten ist eine Scheidung in der EKD nicht - allenfalls ein Vorwand nach dem Motto: Für mich selbst ist es kein Hindernis, aber es könnte eines für andere sein, also ist es dann auch eines für mich.
Käßmann ließ lange jedes Interesse dementieren. Jetzt weist sie die Spekulationen nicht mehr rundweg ab. In Bremen war sie auffällig unauffällig, keine Wortmeldung im Plenum, kaum Präsenz an den Bistrotischen. Sie wird wissen: Zu harsch darf man den Spekulationen nicht entgegentreten, aber man darf unter Kirchenchristen auch den Willen zur Macht nicht zur Schau stellen.
Ihre Konkurrenten können darauf hoffen, dass Käßmann im Spekulationsmarathon bis nach Ulm im Oktober 2009 damit ein Problem bekommen könnte. Die Dauer hat schon manchen Aspiranten verschlissen. Zur Erinnerung: 1997 war Wolfgang Huber auch schon der Favorit - gewählt wurde dann der rheinische Präses Manfred Kock.
Neben Käßmann werden Badens Bischof Ulrich Fischer, Württembergs Bischof Otfried July, der Braunschweiger Bischof Friedrich Weber und Martin Hein, Bischof von Kurhessen Waldeck als mögliche Huber-Nachfolger genannt. Eine Männerriege also. Dabei muss es nicht bleiben, die Spekulationen schießen zum Teil insKraut. Die Liste aller genannten Kandidaten ist buchstäblich länger als die Liste derer, die nicht genannt werden. Auffällig ist: je kundiger die Beobachter, desto größer die Zurückhaltung in der Personalie des Ratsvorsitzenden.
Welt vom 7. November
Welche Zukunft hat Berlins evangelische Journalistenschule?
Von Matthias Kamann
Normalerweise vertragen sich deutsche Journalisten und die evangelische Kirche ganz gut. Es war daher ein Eklat, als in der vergangenen Woche plötzlich Redakteure großer Zeitungen einen offenen Protestbrief an den EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber und den für die evangelische Publizistik zuständigen Landesbischof Ulrich Fischer (Badische Landeskirche) schrieben. Die Redakteure, darunter Gunter Hofmann von der "Zeit" und Cordt Schnibben vom "Spiegel", warfen der Kirche vor, dass "die Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin behindert und diskreditiert wird - nicht etwa von kirchenfernen Kräften, sondern aus der Kirche selbst heraus".
Es geht um die vergleichsweise kleine kirchliche Journalistenschule, die vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) in Berlin betrieben wird und dort bisher mit der evangelischen Medienakademie für die journalistische Weiterbildung verbunden war. Beim GEP nun, das seit Jahren mit massiven Sparzwängen zu kämpfen hat, stellte man in den letzten Monaten fest, dass jene Weiterbildungsakademie seit Jahren nicht ausgelastet ist. Viele Kurse kamen nicht zustande, weil sich kaum Journalisten dafür angemeldet hatten. Drum verfiel man auf die Idee, jene Akademie aus dem Verbund mit der Berliner Journalistenschule herauszulösen und die journalistische Weiterbildung künftig dem Medienverband der Evangelischen Kirche im Rheinland zu übertragen, die in Düsseldorf ebenfalls eine solche Einrichtung und dafür auch Geld hat.
Bliebe also in Berlin die Journalistenschule für den Nachwuchs übrig, die das GEP weiterhin betreiben und bis 2013 mit 1,5 Millionen Euro bezuschussen will. Aber: Der bisherige Leiter der Journalistenschule, Pfarrer Klaus Möllering, hatte nur einen befristeten Vertrag, und weil er mit GEP-Direktor Jörg Bollmann nicht gerade im besten Einvernehmen stand, wird er nicht weiter beschäftigt, sondern geht in den Pfarrdienst zurück. Da sah es plötzlich so aus, als stehe nun die auf sich allein gestellte Journalistenschule ohne Leiter da und gerate unter die Räder. Zudem wurden die Umstrukturierungen und der Möllering-Abschied vom GEP strikt unter der Decke gehalten, kein Wort dazu fiel, als der aktuelle Absolventenjahrgang der Journalistenschule bei einer Feierstunde seine Zeugnisse bekam. Erst am folgenden Tag wurde die Sache bekannt. Die Autoren jenes Protestbriefes, die bisher als Mentoren die Journalistenschüler betreut und bei Redaktionspraktika beraten hatten, fühlten sich düpiert und sahen die Zukunft der Schule bedroht.
So stand Schadenbegrenzung an. Während der EKD-Synode in Bremen erläuterte GEP-Direktor Bollmann die Umstrukturierungen und bekräftigte, dass man die Journalistenschule in der bisherigen Form fortführen, finanziell faktisch besser stellen und ihr auch wieder einen fest angestellten Leiter geben wolle. Der soll in den kommenden Monaten gesucht werden. Bis dahin übernimmt der angesehene, freilich jetzt schon viel beschäftigte Thomas Schiller, Chefredakteur der evangelischen Nachrichtenagentur epd, die Leitung.
Lausitzer Rundschau vom 7. November
Abschluss der EKD-Synode
Kein rechtes Wort
Cottbus - Das rechte Wort zur rechten Zeit - unter diesem Titel veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland vor einiger Zeit eine Denkschrift, die sich mit der Außenwirkung kirchlicher Stellungnahmen beschäftigte. Leider war das offenbar Papierverschwendung. Die gerade in Bremen beendete EKD-Synode zeigt in aller Deutlichkeit, dass das kleine Taschenbuch in der Kirche selbst bislang noch nicht hinreichend gelesen wurde. Denn auf ihrer Tagung verabschiedeten die Kirchenparlamentarier eine Unzahl von Beschlüssen. Die Delegierten äußerten sich zum Klimawandel und zum Frauenhandel im tschechisch-bayerischen Grenzgebiet. Sie bezogen Stellung gegen den Elbeausbau, zur Finanzkrise und verfassten einen Wahlaufruf zur Europawahl. Doch eine derartige Inflation kirchlicher Stellungnahmen, Empfehlungen und Beschlüsse dürfte wohl am Ende gerade eines nicht bewirken: Eine stärkere öffentliche Wahrnehmung jener Themen, die den Protestanten wirklich wichtig sind.
Lausitzer Rundschau vom 7. November
Religionslehrerin aus Schleife verlässt das evangelische Kirchenparlament
Für Kerstin Hanusch war am Mittwochabend Schluss.
Zum letzten Mal nahm die Religionslehrerin aus Schleife an der EKD-Synode teil, der die Lausitzerin seit immerhin sechs Jahren angehörte. Zum letzten Mal ging es darum, mit den anderen 119 Delegierten aus den 23 Landeskirchen über eine „Kundgebung“ zu diskutieren, wie das Kirchenparlament der EKD besonders wichtige Beschlüsse nennt. In diesem Jahr stand der Klimaschutz ganz oben auf der Tagesordnung, doch auch über die weltweite Finanzkrise, die Christenverfolgung in Ländern wie Indien und China sowie die Bedeutung des Reformationstages hatten die Synodalen zu beraten.
„Mir war es immer wichtig, durch die Arbeit in der EKD-Synode einen Blick über den Tellerrand des heimischen Kirchturms zu werfen“, sagt die Lausitzerin, die sich wie die meisten übrigen Mitglieder der Synode ehrenamtlich für ihre Kirche engagierte. „Evangelische Kirche ist schließlich mehr als nur die kleine Kirchengemeinde vor Ort.“
Als Brückenbauerin wollte sie das in der Lausitz auch vermitteln: In Schleife und der ganzen umliegenden Region setzte sich Kerstin Hanusch dafür ein, dass die Themen und Beschlüsse des Kirchenparlaments auf Gemeindeabenden besprochen und vor Ort, in der Lausitz, umgesetzt wurden. „Wir haben ja nun gerade modernisiert, aber ich denke schon, dass das Thema Klimaschutz auch im Alltagsleben unserer Gemeinde eine Rolle spielen wird“, sagt Kerstin Hanusch, als sie zum letzten Mal den großen Plenarsaal des Bremer Maritim-Hotels verlassen hat, in dem die Synode zuvor über mehrere Tage hinweg diskutierte.
Auch nach Würzburg oder Dresden, nach Magdeburg und Berlin musste Kerstin Hanusch in den letzten Jahren fahren. Denn die Evangelische Kirche in Deutschland ist föderal verfasst. Und so wird von jeder Landeskirche irgendwann einmal die Bereitstellung eines Tagungsortes für das Kirchenparlament übernommen.
Nur die Kirche, die Kerstin Hanusch vor sechs Jahren in die EKD-Synode schickte, wird es nicht mehr sein. „Ich bin damals noch als Delegierte der Evangelischen Kirche der schlesischen Oberlausitz in die Synode gewählt worden“, sagt die Lausitzerin. Als ehrenamtliches Mitglied der Görlitzer Kirchenleitung engagierte sie sich für den Fusionsprozess, eine damals hoch umstrittene Entscheidung. „Ich glaube, dass wir das gut und richtig gemacht haben“, sagt Kerstin Hanusch heute. Mittlerweile habe sich der Zusammenschluss der Landeskirchen bewährt, und die Kritik dagegen sei weitgehend verstummt.
Allerdings wird Kerstin Hanusch der nächsten Wahlperiode der Synode nicht mehr angehören. Berufliche Belastung sei ein Grund dafür, dass sie sich bei ihrem kirchlichen Engagement künftig auf den Kreiskirchenrat und die eigene Gemeinde konzentrieren will. „Ich hoffe aber, dass meine Landeskirche auch in den kommenden Jahren jemanden aus unserer Region in die EKD-Synode wählt“, sagt Kerstin Hanusch. „Es wäre schön, wenn dort auch in Zukunft nicht nur Berliner säßen.“ Von Benjamin Lassiwe
Pressemitteilung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom 6. November
Anlässlich des Abschlusses der 7. Tagung der 10. EKD-Synode erklärt die Beauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften, Ingrid Fischbach MdB:
Das evangelische Kirchenparlament hat unter dem Titel "Klimawandel-Wasserwandel-Lebenswandel" in den letzten Tagen den verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung eingefordert. Auch wenn die Union sicherlich nicht alle Punkte des Resolutionsentwurfs zum Klimawandel so mittragen kann, wie sie gefordert wurden, ist es dennoch zu begrüßen, dass die Synode den Klimaschutz ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit stellt. Es ist gerechtfertigt, dass die Synode für den Klimaschutz Anstrengungen seitens der Politik und der Industrie aber auch ein Umdenken im Lebenswandel des einzelnen verlangt.
Es ist erfreulich, dass die Synode auch die Probleme der aktuellen Finanzkrise ausführlich thematisiert hat. Mutig hat sich das Kirchenparlament dabei nicht nur nach außen gewandt, sondern auch die EKD-Denkschrift "Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive" kontrovers diskutiert. Angesichts der angespannten Lage, die durch die internationale Finanzkrise weltweit entstanden ist, ist es wichtig, dass die Kirchen sich dieser Thematik weiterhin annehmen und auf verantwortungsvollem Handeln seitens der in Wirtschaft und Finanzwesen führenden Personen bestehen. Dies darf jedoch nur mit Augenmaß geschehen, ohne in simple Verurteilungsrhetorik gegenüber den vermeintlich Verantwortlichen der Krise zu verfallen. Die Synodalen haben dieses Augenmaß in differenzierten Äußerungen bewahrt. Ihre Forderung nach einer gerechten, solidarischen und nachhaltigen Neuordnung der Finanzmärkte ist vorbehaltslos zu unterstützen.
idea vom 6. November
Protest gegen Sexindustrie an deutsch-tschechischer Grenze
EKD-Kundgebung gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern
B r e m e n (idea) – Gegen die Sexindustrie und die Ausbeutung von Frauen und Kindern in der deutsch-tschechischen Grenzregion hat sich die EKD-Synode in Bremen in einer „Kundgebung“ gewandt.
Eine entsprechende Erklärung hatte die Synode der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder in Tschechien bereits in Mai angenommen. Darin machen die beiden Synoden auf ein Elend aufmerksam, das vielfach von der Öffentlichkeit und den Kirchen übersehen werde. Frauen und Kinder würden vom organisierten Verbrechen in die Sexindustrie geschleust. Sie lebten erniedrigt, missbraucht und versklavt, illegal und anonym, meist ohne eigene Schuld und ohne Hoffnung auf Entkommen.
Diese „abscheuliche Verletzung der Menschenrechte“ konzentriere sich insbesondere auf die Grenzregion von Tschechien und Deutschland, aber auch Österreichs. Eine deutsch-tschechische Kirchenkommission hat die Situation analysiert und Empfehlungen erarbeitet. Die beiden Kirchen fordern die nationalen Regierungen auf, die Täter strafrechtlich zu verfolgen. Außerdem sollte die Europäische Kommission den Kampf gegen den Menschenhandel tatkräftig weiterführen. Die Tagung der EKD-Synode ging am 5. November nach viertägiger Dauer zu Ende.
Weser-Kurier vom 6. November
Konsum-Beschränkung gegen die Klimakatastrophe
BREMEN. Die Welt im Bann der amerikanischen Präsidentenwahl. Auch an der 7. Tagung der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Congress Centrum auf der Bremer Bürgerweide ging das historische Ereignis nicht vorbei. Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der EKD: "Ich gratuliere Barack Obama."
Sein Erfolg bedeute Hoffnung auf Wandel in der Welt und neue Wege in den internationalen Beziehungen. Die Freude der Synodalen wird auch von der Partnerschaft der evangelischen Kirche zur amerikanischen United Church of Christ (UCC) getragen, aus der Obama kommt.
Am Schlusstag hatten die 120 Synodalen aus 23 evangelischen Landeskirchen ein randvolles Programm zu bewältigen. Sie verabschiedeten zahlreiche Beschlüsse, die im Plenum und in den einzelnen Arbeitsgruppen erarbeitet wurden. So auch die Kundgebung (öffentliche Erklärung) zum Schwerpunktthema "Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel". Der ursprüngliche Entwurf war vielen Synodalen zu unscharf ausgefallen und deshalb noch einmal überarbeitet worden.
Nun wird angesichts der drohenden Klimakatastrophe ganz konkret eine Reduktion der Treibhausgas-Emissionen um jährlich ein Prozent und von den reichen Industrienationen um insgesamt 80 bis 90 Prozent gefordert. Beim globalen Wasserkreislauf sei inzwischen davon auszugehen, dass der Mensch durch seine technisch-industrielle Machtentfaltung Gottes Schöpfung gefährde und die Verlässlichkeit der Naturkreisläufe außer Kraft setze.
Da der menschengemachte Klimawandel in vollem Gange sei, müsse jeder seinen persönlichen Lebenswandel ändern. Dazu gehöre, auf Reis, Zuckerrohr, Gemüse und viele Obstsorten zu verzichten, die unter hohem Wassereinsatz in anderen Regionen produziert und zu uns transportiert werden. Diese Beschränkung als Einsicht in globale Zusammenhänge sei "intelligente Liebe".
Als unmittelbaren Beitrag zum Umweltschutz bittet die Synode die Bundesregierung, den Ausbau der Mittelelbe vorerst zu stoppen und nach einem Gesamtkonzept in Abstimmung mit dem europäischen Nachbarn zu suchen. Als Ausgleich für die CO2-Verursachung durch die Bremer Tagung wird der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder in Tschechien Geld für Gebäude-Dämmungen zur Verfügung gestellt.
Auch zur internationalen Finanzkrise äußerte sich die Synode. Sie erwartet vom Staat strikte Regeln für die Finanzwirtschaft zur Sicherung wirtschaftlicher Stabilität, eines leistungsfähigen Sozialwesens, für Verbraucherschutz, Nachhaltigkeit und Ökologie. Zu den Rahmenbedingungen sollen gehören: Offenlegung aller Risiken, die auch nicht mehr außerhalb von Bilanzen platziert werden dürfen. Die Aufsicht der globalen Finanzmärkte einschließlich von Rating-Agenturen sei zu stärken, Steueroasen und weitgehend rechtsfreie Offshore-Finanzzentren trockenzulegen.
Laut Thomas Begrich, Finanz-Referent der EKD, ist die Kirche von der internationalen Finanzkrise nicht betroffen, weil sie mit Ausnahme der Oldenburgischen Landeskirche keine riskanten Geldanlagen getätigt habe.
HAZ vom 6. November
Neuer Sprecher für EKD
«Bremen:» Der Theologe und Journalist Reinhard Mawick (42) ist zum neuen Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) berufen worden. Das gab der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, am Mittwoch bekannt. Mawick folgt Christof Vetter (48) nach. Mawick war zuvor Journalist beim „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt“. Zuletzt arbeitete er beim evangelischen Magazin „Chrismon“.
FAZ vom 6. November
EKD fordert Tempolimit
"Am Atomausstieg festhalten" / Beschlüsse der Synode
bin. BREMEN, 5. November. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dringt darauf, als Maßnahme gegen die Erderwärmung "auf Autobahnen ein Tempolimit von höchstens 130 km/h einzuführen". In der einstimmig am Donnerstag in Bremen verabschiedeten Kundgebung zum Schwerpunktthema "Klimawandel, Wasserwandel, Lebenswandel" tritt das Kirchenparlament auch dafür ein, am Ausstieg aus der Atomenergie festzuhalten. Die EKD-Synode forderte, die evangelischen Landeskirchen sollten eigene Gebäude energiesparender betreiben. Die Kirche müsse auch sich selbst in die Pflicht nehmen, wenn sie sich dafür einsetze, "dass die Gesellschaft in all ihren Lebensbereichen umsteuert". Mit ihrer Kundgebung will die Synode der EKD der "Schöpfungsvergessenheit" wehren. Gott habe als Schöpfer dem Menschen als seinem Haushalter auf Erden eine besondere treuhänderische Verantwortung aufgetragen. In einem Beschluss forderte die Synode, eine wirksame Aufsicht über die Finanzmärkte zu etablieren. Maßlosigkeit und mangelnde Regulierung hätten eine schwere Krise heraufbeschworen. Man brauche einen "Staat, der stark genug ist, wirtschaftliche Stabilität zu fördern". In einem Entwurf für den Beschluss hatte es noch geheißen, zur Bewältigung der Finanzkrise brauche man "einen starken Staat, der wirtschaftliche Stabilität gewährleistet". Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Huber, sagte, er sehe keinen Anlass dafür, über die in Bremen geäußerte Forderung nach einem Widerruf der Unternehmer-Denkschrift zu diskutieren. Der Denkschrift halten einige Synodale entgegen, sie sei nicht kritisch genug gegenüber der Finanzwirtschaft.
Rheinischer Merkur vom 6. November
EKD-SYNODE / Die evangelische Kirche widerspricht mit politischen Forderungen ihrer eigenen Theologie. Eine Polemik
Bischöfe verheddern sich in der Ökonomie
VON WOLFGANG THIELMANN
Wolfgang Huber bemüht den Schriftsteller Tom Wolfe und seinen New-York-Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“, um die derzeitige Finanzkrise zu analysieren. Eine von Wolfes Hauptfiguren, der Wall-Street-Banker Sherman McCoy, verkörpert den „Master of the Universe“, den Prototypen des Gewinners, der aber im persönlichen Leben abstürzt, ein Mensch, der sich durch seine Taten definiert, durch Werkgerechtigkeit, wie Protestanten sagen würden, statt sein Vertrauen auf Gott zu setzen. Bischof Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), beschrieb vor der EKD-Synode in Bremen die Hintergründe des Desasters, das die Weltwirtschaft zu erschüttern beginnt, theologisch als Tanz ums Goldene Kalb, dessen Akteure der eigenen Gier zum Opfer fallen.
Tom Wolfes Roman allerdings kennt viele Charaktere. Darunter befindet sich auch ein Kirchenmann, Reverend Bacon. Er organisiert eine Demonstration gegen den – zu Unrecht, wie sich später herausstellt – angeklagten Banker. Mithilfe der Moral will er zu den Profiteuren der Krise gehören. Huber solche Absichten zu unterstellen wäre billig. Das Sujet warnt jedoch die Kirchen, sich genau zu überlegen, wie sie die Krise kommentieren.
Die Kompetenz der Kirchen liegt darin, Maßstäbe zu entwickeln, Gewissen zu bilden und Diskurse in Gang zu halten. Aber bei der Umsetzung praktischer Konsequenzen können sie keine größere Klugheit beanspruchen und stehen in Gefahr, politische Korrektheiten zu verstärken. Gier lässt sich leicht verurteilen, wenn man nicht genau sagt, wo sie beginnt.
Huber geißelte ein „Leben auf Pump“, das sich Geld und Umweltressourcen sozusagen von der nächsten Generation borgt und sich zu wenig um künftige Lebensgrundlagen kümmert. Und forderte einen Ausbau alternativer Energien, eine in den Kirchen wohlfeile Aussage. Strom aus Wind, Sonne und Biogas aber ist immer noch mehrfach teurer als konventionell erzeugter und macht bisher kein einziges Kohle- oder Gaskraftwerk überflüssig, weil der Wind bekanntlich weht, wo er will. Die Subventionen dafür sind ein Fass ohne Boden.
Die bisherigen Förderungszusagen aus Berlin für Solarstrom belaufen sich, so sagt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, schon jetzt auf 120 Milliarden Euro und belasten künftige Steuerzahler bis ins Jahr 2035. Eine Investition, die das Leben nachwachsender Generationen erleichtern sollte, beginnt Ausmaße anzunehmen, die das Gegenteil bewirken und künftige Ressourcen beängstigend aufzehren. Die Synode sagte Nein zu längeren Laufzeiten für Kernkraftwerke. Aber gerade eine Verlängerung würde Zeit bringen, um eine verlässlichere Mischung alternativer Energien zu entwickeln.
„Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln und dieses Handeln in einer nachhaltigen Weise an der nächsten Generation auszurichten“ – so richtig Hubers Forderung ist, so gut sie sich mit der Bibel begründen lässt, so direkt können die politischen Folgerungen dagegen verstoßen, die er und die Synode gezogen haben. Eine EKD-Synode mag sich gut fühlen, wenn sie politisch konkret wird. Damit profitiert sie von der Krise. Aber sie hilft nicht.
Rheinischer Merkur vom 6. November
Evangelisches Tagebuch
An der Bibel überprüft
VON BENJAMIN LASSIWE
Eine Hochzeit stand an im Herbst 1989 in der Annenkirche von Eisenach in Thüringen. In den Städten der DDR demonstrierten Zigtausende. In Eisenach wollte die Patentochter des Jenaer Theologieprofessors Klaus-Peter Hertzsch heiraten. Der Brautvater bat den Patenonkel, ein neues Lied für den Gottesdienst zu dichten. Er verfasste drei Strophen, die mit dem Satz begannen: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist.“ Gäste aus der ganzen DDR, aber auch aus der Bundesrepublik nahmen das hektografierte Liedblatt mit in ihre Gemeinden.
Der Text wurde ein Symbol für die Wendezeitund kam in letzter Minute ins damals gerade neu entstehende Evangelische Gesangbuch. Am vergangenen Freitag erhielt Klaus-Peter Hertzsch beim Reformationsempfang des Rates der EKD und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Anwesenheit von Bundespräsident Horst Köhler die neu geschaffene Martin-Luther-Medaille des Rates der EKD. Eine Auszeichnung für seine Liederdichtung wie für sein Lebenswerk. Als Studentenpfarrer in Jena betreute der Theologe von 1959 bis 1966 junge Leute, die sich, etwa nach dem Bau der Mauer, nicht freiwillig zur Nationalen Volksarmee melden wollten, wie es ihnen die DDR-Oberen unter Androhung der Exmatrikulation nahegelegt hatten. „Damals kamen zu einem Abend in der Studentengemeinde zwischen 150 und 200 junge Leute, die ihren Platz in der Gesellschaft finden wollten.“ Mit Gottes Wort fanden sie trotz aller Bedrohungen des Sozialismus Vertrauen für den Lebensweg.
1968 wurde Hertzsch Professor für Praktische Theologie in Jena. Als Mitglied der thüringischen Landessynode gehörte er seit 1977 der Synode des Kirchenbundes der DDR an. Natürlich stand er im Visier der DDR-Behörden. Zahllose thüringische Pfarrer hat er ausgebildet und geprägt. „Das wichtigste Erbe der Kirche in der DDR ist wohl, dass wir es immer wie Paulus gehalten haben: Wir haben ständig alles von der Bibel her überprüft.“
Heute vermisst er den Zusammenhalt unter Christen in der ehemaligen DDR:„Die Gesellschaft wird immer individualistischer.“ Gegenseitige Hilfe und das Einstehen für den Nächsten träten dahinter zurück. „Ich sehe darin durchaus auch eine Herausforderung für die Gemeinden.“ Einen neuen Weg, dem sie vertrauen sollen. Zum Brautpaar von 1989 hat Klaus-Peter Hertzsch keinen Kontakt mehr. Er hat von einer Krise gehört. „Welches Ende die Krise nahm, ist mir nicht bekannt.“ Doch das Hochzeitsgeschenk des Theologieprofessors ist mittlerweile das beliebteste Lied des 20. Jahrhunderts im Evangelischen Gesangbuch. Offenbar vertrauen Deutschlands Protestanten gerne neuen Wegen, auf die der Herr sie weist. Zumindest singen sie davon.
idea vom 5. November EKD erhält neuen Pressesprecher Reinhard Mawick wird Nachfolger von Christof Vetter B r e m e n (idea) – Die EKD erhält eine neue „Stimme“: Neuer Pressesprecher wird der 42-jährige Reinhard Mawick (Frankfurt am Main). Der Journalist und Theologe ist beim evangelischen Monatsmagazin chrismon als Redakteur beschäftigt. Er tritt im kommenden Jahr im EKD-Kirchenamt in Hannover die Nachfolge von Oberkirchenrat Christof Vetter (48) an, der seit sechseinhalb Jahren als Pressesprecher amtierte und seinen Dienst zum 31. Dezember beendet. Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber (Berlin), gab den Wechsel am 5. November vor der EKD-Synode in Bremen bekannt. Er dankte Vetter vor Journalisten für seinen oft aufopferungsvollen Dienst. Ebenso würdigte Synodenpräses Barbara Rinke (Nordhausen) sein Wirken. Mawick war 1997 nach seinem Theologiestudium während der Pfarrerausbildung in die Redaktion des damaligen Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts in Hamburg eingetreten. Als die Wochenzeitung eingestellt wurde, arbeitete er beim Nachfolgemagazin chrismon weiter. Er hat dort auch Bücher und CDs produziert. Mawick ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.
idea vom 5. November
P O R T R Ä T
Fromm und engagiert im Kanzleramt
Seit Oktober ist Hermann Gröhe Staatsminister bei der Bundeskanzlerin
Helmut Matthies
Wenn zu Beginn des Tages Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundeskanzleramt zur „Morgenlage“ bittet, gehört seit 1. Oktober zum engeren Führungskreis auch ein engagierter Protestant, der den Evangelikalen nahe steht, sich aber nicht gerne „in Schubladen stecken“ lässt: Hermann Gröhe, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Neuss am Rhein. Der Jurist und Vater von vier Kindern ist mit 47 Jahren Staatsminister bei der Bundeskanzlerin geworden. Nun ist er vor allem verantwortlich für die Beziehungen des Bundes zu den Ländern.
Von Anfang an Politik & Glaube
Politik und Glaube begleiteten ihn von Anfang an. Seine Eltern waren 1958 aus Leipzig in den Westen geflüchtet. Kindergottesdienst und später die Gemeindejugendarbeit waren in der Familie selbstverständlich. Ganz besonders prägte ihn jedoch die Schwester seines Vaters, die eine evangelische Kommunität in Franken leitete. Im Kontakt mit ihr und den übrigen Schwestern, so Gröhe, sei ihm klar geworden, dass es beim Christsein nicht um ein abstraktes Ja zum Glaubensbekenntnis, sondern um eine lebendige Gottesbeziehung geht. An seinem 10. Geburtstag schenkte ihm die Tante ein Neues Testament, das aus Anlass der Einweihung der Erlöserkirche 1898 in Jerusalem gedruckt wurde. Gröhe, der sich seit Jahren in der Politik wie in der EKD intensiv um die Beziehungen Deutschlands zum Heiligen Land kümmert, sieht darin keinen bloßen Zufall. Sein Weg in die Politik begann früh. Mit 14 trat er in die Schüler Union ein. Drei Jahre später bat er seinen Pfarrer um Rat, als es um eine Kandidatur für den Landesvorsitz im Rheinland ging – und erfuhr eine ihm wichtige Ermutigung für diesen Weg. Von 1989 bis 1994 war er Bundesvorsitzender der CDU/CSU-Nachwuchsorganisation, der Jungen Union. Im Gottesdienst aus Anlass des letzten von ihm geleiteten JU-Bundeskongresses predigte Ulrich Parzany, damals Generalsekretär des CVJM. Bibelschmuggel in die CSSR
Seit 14 Jahren ist Gröhe bereits im Bundestag. Als erster sorgte er dafür, dass das Thema Christenverfolgung auf die Tagesordnung des Parlaments kam, war er doch von 1998 bis 2005 Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. Auch hier gibt es biografische Spuren: Anfang der 80er Jahre war er beim Schmuggeln von Bibeln in die damalige kommunistische Tschechoslowakei erwischt worden. Unter massiver Polizeibegleitung setzte er die Reise fort. Seine Herzensanliegen in der EKD sind „das einladende Glaubenszeugnis und glaubwürdige Weltverantwortung“. Wem die christliche Prägung Deutschlands wichtig sei, der muss – so Gröhe – für eine missionarische Volkskirche eintreten und sich um leere Kirchen Sorgen machen – nicht aber um ein paar neue Moscheen. 1997 wurde er in das höchste Leitungsgremium der EKD – den Rat – gewählt. Bei seiner Wiederwahl 2003 erhielt er im ersten Wahlgang die höchste Stimmenzahl aller “Laien“: 100 von 144 Stimmen – nachdem er ein paar Monate zuvor bei der Wahl zum Präses der Synode mit achtbarem Ergebnis gescheitert war. In der EKD hat Gröhe zu einem besseren Kontakt zu den Evangelikalen beigetragen. In Berlin gehört er zu jenen Politikern, die jedes Jahr junge Leute zu den „Tagen der Begegnung“ unter der Schirmherrschaft des Bundestagspräsidenten einladen, um gemeinsam über die „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ nachzudenken und zum politischen Engagement zu ermutigen.
Segen durch Handauflegung
Ihm selbst ist die Begleitung durch die Heimatgemeinde wichtig. Beim Gottesdienst am 4. Oktober – am Ende der ersten Woche im neuen Amt – bittet der Pfarrer Hermann Gröhe im Rahmen der Fürbitte nach vorn. Unter Handauflegung wird ihm ein biblisches Segenswort zugesprochen und für seine neue Verantwortung gebetet. Was für ein Start!
epd vom 5. November
Spielmacher und Torjäger in einer Person
Von Rainer Clos und Thomas Schiller (epd)
Bremen (epd). Wenn die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in einem Jahr einen Nachfolger für ihren Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber finden muss, gibt es kein klar definiertes Stellenprofil. Alle, die in den vergangenen Jahrzehnten den höchsten Posten im deutschen Protestantismus innehatten, prägten die Amtszeit durch ihre Persönlichkeit. In der "Ahnengalerie" begegnet man autoritären Kirchenleitern wie Otto Dibelius (1949-1961), Brückenbauern wie Kurt Scharf (1961-1967), Universitätstheologen wie Eduard Lohse (1979-1985) und pastoralen Vermittlern wie Manfred Kock (1997-2003).
Kocks Nachfolger Huber vereint als Ratsvorsitzender wissenschaftliche Theologie mit beharrlichem Veränderungswillen und einer starken öffentlichen Präsenz. Von den Medien wird Huber als das Gesicht der evangelischen Kirche wahrgenommen. Außer ihm ist so häufig präsent in Presse, Funk und Fernsehen nur die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann.
Der stellvertretende Ratsvorsitzende, Bischof Christoph Kähler, ist außerhalb seiner Thüringer Landeskirche kaum in den Schlagzeilen, findet das aber in Ordnung: "Es ist gut, dass in der bundesweiten Medien-Öffentlichkeit ein bis zwei Personen für die evangelische Kirche stehen." Dies sei ein Gebot der Personalisierung in der Mediengesellschaft und nütze auch der Institution Kirche. Käßmann sei damit aber nicht zwingend die Huber-Nachfolgerin, wie in diesen Tagen einige Zeitungen andeuten.
Kähler mag sich nicht an Spekulationen beteiligen, die auch auf den Fluren der EKD-Synode in Bremen über die Frage "Wer kommt nach Huber?" angestellt worden sind. Als weitere Kandidaten werden in Medien auch die Bischöfe Jochen Bohl (Sachsen), Martin Hein (Kurhessen-Waldeck), Frank Otfried July (Württemberg) und Friedrich Weber (Braunschweig) genannt, ebenso Ulrich Fischer aus Baden. Ob solche Namensnennungen einen Einfluss auf die EKD-Synode haben, ist äußerst fraglich. Das Kirchenparlament war schon häufiger für Überraschungen gut. Im Herbst 2009 wird in Ulm gewählt.
Huber ist dann 67 Jahre alt, wenn seine Amtszeit als Ratsvorsitzender endet. Er tritt nicht mehr an. Fragen nach Abschiedsgefühlen hat Huber in Bremen abgewehrt: "Der Rat bleibt ja noch Jahr im Amt." Die Liste der abzuarbeitenden Punkte auf seiner Reformagenda ist lang. So sehr sich Stellvertreter Kähler zurückhält, eins ist für den Thüringer Bischof für die Zeit nach Huber klar: "Zum Reformprozess gibt es keine Alternative."
Im epd-Gespräch beschreibt Kähler Kriterien, die für die Wahl wichtig sind: theologisches Fundament, Vermittlung im Rat, Führung sind ebenso gefragt wie die Fähigkeit, für Zusammenhalt zu sorgen. Menschen und Argumente integrieren müsse der neue Mann oder die neue Frau an der EKD-Spitze. Wichtig ist aus Sicht von Kähler auch die Infrastruktur. Neben der Unterstützung aus der EKD-Zentrale in Hannover brauche ein Ratsvorsitzender in seiner Heimatkirche "ein Landeskirchenamt, das diesen Namen verdient" - also auf alle Fragen des Alltagsgeschäfts schnell und kompetent zuarbeiten kann, damit der Ratsvorsitzende für den öffentlichen Disput thematisch gerüstet ist. Der Thüringer Bischof greift zur Fußball-Methaper: "Er muss den Sololauf aufs Tor beherrschen und zugleich als Kapitän lange Bälle ins Team verteilen können."
epd vom 5. November
Evangelischer Auslandsbischof sieht Anzeichen für liberalere USA
Bremen (epd). Der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte, hat sich erfreut über die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten geäußert. In der Wahlentscheidung zeige sich eine Verschiebung der kulturell-religiösen Lage in den USA, die er für sehr gut halte, sagte Schindehütte am Mittwoch dem epd am Rande der EKD-Synode in Bremen. Obama sei lange Zeit in der United Church of Christ engagiert gewesen, die "mit großer Offenheit und Toleranz agiert".
Schindehütte hob die engen Beziehung der United Church of Christ zur EKD und der Union Evangelischer Kirchen (UEK) hervor. Die US-Kirche stehe für ein offenes und liberales Christentum, was den deutschen Verhältnissen sehr nahe komme. In der Amtszeit George W. Bushs habe dessen enge Verbindung zu den US-Evangelikalen hingegen oft zu einer religiösen Überhöhung politischer Fragen geführt.
Konkret erwartet Schindehütte vom neuen US-Präsidenten eine stärkere Hinwendung zum Ausland. "Er scheint stärker auf eine internationale Politik zu setzen", sagte er.
Glaube Aktuell vom 5. November
Protestanten suchen neuen Vordenker
Hubers Amtszeit endet 2009
Von Michael Evers
(Bremen/dpa) - Die evangelische Kirche ist im Umbruch: Mittelfristig sagen die Prognosen schrumpfende Mitgliederzahlen und damit sinkende Steuereinnahmen voraus. Und mit dem klassischen Sonntagsgottesdienst alleine lassen sich die Menschen kaum mehr an die Kirche binden. Mit einem Paukenschlag hatte der Chef der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber (66) daher vor zwei Jahren elementare Reformen gefordert und bestehende Strukturen infrage gestellt. Gegen so manchen Zweifel überzeugte der Berliner Bischof den Kirchenapparat vom notwendigen Wandel und brachte ihn auf Reformkurs. In einem Jahr endet Hubers Amtszeit als EKD-Chef. Die Suche nach einer künftigen Führungsperson für die evangelische Kirche mit ihren rund 25 Millionen Mitgliedern hat begonnen.
Nicht nur innerhalb der Kirche bemüht Huber sich um einen klaren Kurs, auch nach außen hin hat der Bischof sich zu einem Aushängeschild der Kirche entwickelt. Für die Medien ist er ein gefragter Ansprechpartner, wenn es darum geht, protestantische Positionen in wenigen Sätzen auf den Punkt zu bringen oder die moralische Stimme der Kirche in gesellschaftlichen Fragen zu erheben. Als mögliche Nachfolgerin des telegenen Hubers wird das zweite Schwergewicht der evangelischen Kirche, Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann (50), seit längerem an erster Stelle genannt. Aber auch der Kasseler Bischof Martin Hein, seinen Stuttgarter Kollegen Frank Otfried July oder Bischof Jochen Bohl aus Dresden gelten immer mal wieder als mögliche Kandidaten.
Käßmann ist wie Huber in den Medien präsent und auch in Talkshows ein gern gesehener Gast. Sympathisch und ehrgeizig vertritt sie kirchliche Anliegen. Die bei ihrer Wahl jüngste deutsche Bischöfin hat Zweifler längst verstummen lassen und ist weit über ihre Landeskirche hinaus beliebt. Eine Krebserkrankung und die Scheidung ihrer Ehe, für die sie hinter den Kulissen Kritik einstecken musste, hat die Bischöfin überwunden. «Ich bin glücklich und voll ausgelastet in Hannover», sagt sie mit Blick auf ihre Zukunft. «Die Wahl trifft die Synode im kommenden Jahr», kommentiert sie Spekulationen um das EKD-Spitzenamt.
Vor dem innerkirchlichen Sondierungsprozess will auch keiner der anderen möglichen Huber-Nachfolger nach vorne preschen. «Es geht um das Austarieren von strukturellen Befindlichkeiten und von innerkirchlichen Tendenzen», erklärt Bischof Hein. «Das ist ein Prozess, der braucht Zeit.» Derzeit laufen in den Landeskirchen die Wahlen für die Vertreter der künftigen EKD-Synode. Diese wählt dann im Oktober 2009 in Ulm den neuen Rat der EKD, der dann nach einer Sitzung hinter verschlossenen Türen die künftige Führungsperson benennt. Danach stimmt die Synode über den Vorschlag ab - konkurrierende Kandidaten gab es dank intensiver Vorabstimmung bisher nicht.
epd vom 5. November
Evangelische Kirche will Tempolimit zum Klimaschutz
Synode beschließt EKD-Haushalt 2009 - Beratungen über Finanzkrise
Bremen (epd). Zum Klimaschutz empfiehlt die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Tempo 130 auf Autobahnen. Über klimaschonende Mobilität müsse die Freisetzung von Treibhausgasen verringert werden, fordert das Kirchenparlament in einem Zehn-Punkte Appell, der am Mittwoch in Bremen einstimmig beschlossen wurde. Die Synode verabschiedete am Schlusstag zudem den EKD-Haushalt 2009 sowie einige Kirchengesetze. Über eine Stellungnahme zur Finanzmarktkrise dauerten die Beratungen am Nachmittag an.
In der einstimmig gebilligten "Kundgebung" bekräftigt die EKD-Synode ihre Absage an die Kernenergie. Am Atom-Ausstieg müsse festgehalten, der Vertrieb von Technologien für Kernenergie in Europa und weltweit gestoppt werden. Zum Problem der atomaren Abfälle heißt es in der Kundgebung, nach den negativen Erfahrungen von Asse und Morsleben sei die Endlagersuche auf alternative Standorte auszuweiten. Vorrangig seien erneuerbare Energien zu fördern. So lange Kernkraftwerke in Betrieb sind, müssten Studien zur Sicherheit für die Restlaufzeit und für die Endlagerung unterstützt werden.
Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber sagte zur Bilanz der letzten Synodentagung in dieser Legislaturperiode, die Fortführung des kirchlichen Reformprozesses "Kirche im Aufbruch" sei in der Synode akzeptiert. Mit dem Klimabeschluss, der sich an den Einzelnen, die Politik und die Kirche selbst richtet, sei die "Schaukelpolitik" zwischen Individual- und Sozialethik vermieden worden.
Mehr schöpfungsgerechtes Handeln erwartet das Kirchenparlament auch von den Landeskirchen und Kirchengemeinden. Die Landeskirchen sollen sich für eine Verringerung der CO2-Emissionen um 25 Prozent bis 2015 - gemessen am Jahr 2005 - einsetzen. Notwendig seien flächendeckend Programme zum Umwelt- und Energiemanagement. Für alle kirchliche Einrichtungen sollte die Initiative "Grüner Gockel" eingeführt und eine effiziente Energienutzung angestrebt werden.
Auf internationaler Ebene braucht es der Synode zufolge Instrumente, die das Menschenrecht auf Zugang zu Wasser festschreiben. "Grundsätzlich muss mit Wasser sorgsam umgegangen werden", wird empfohlen. In dem Umwelt-Appell tritt die EKD-Synode zudem für den Erhalt der biologischen Vielfalt ein. Für das globale ökologische Gleichgewicht und das Wohlergehen künftiger Generationen sei die biologische Vielfalt entscheidend.
Der EKD-Etat sieht Einnahmen und Ausgaben in Höhe von rund 171 Millionen Euro vor und entspricht dem Volumen des laufenden Jahres. Größter Einzelposten ist die kirchliche Entwicklungshilfe mit 45,5 Millionen Euro. Mit knapp 13 Millionen Euro werden die deutschen evangelischen Auslandsgemeinden unterstützt. Die Ausgaben für Öffentlichkeitsarbeit und Publizistik der EKD betragen ebenfalls 13 Millionen Euro. Die Mittel stammen aus Umlagen und Zuweisungen der 23 Landeskirchen.
idea vom 5. November
EKD-Ratsvorsitzender gratuliert Obama
Hoffnung auf neue Wege in der Innen- und Außenpolitik.
B r e m e n (idea) – Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber (Berlin), hat US-Senator Barack Obama (Chicago) herzlich zu seinem überzeugenden Wahlsieg bei der Präsidentschaftswahl gratuliert.
Von der Wahl gehe das Signal aus, dass die US-Bürger offensichtlich den Wandel wollten, sagte Huber am 5. November vor Journalisten bei der EKD-Synode in Bremen. Er knüpfe seine Hoffnung daran, dass in der inneren und äußeren Politik der USA neue Wege beschritten würden.
Huber wies ferner darauf hin, dass mit Obama am 20. Januar ein Protestant in das Weiße Haus einziehe, der einer Kirche angehöre, die mit der EKD und einigen Landeskirchen partnerschaftlich verbunden ist – die reformiert geprägten Vereinigten Kirche Christi (United Church of Christ).
Pressemitteilung von Bündnis90/Die Grünen vom 5. November
Evangelische Kirche wird zur Klimaschützerin
Zum Beschluss der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland erklären Claudia Roth und Reinhard Bütikofer, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
"Wir begrüßen den Beschluss der Synode zum Thema Schöpfungsverantwortung. Besonders beeindruckend ist, dass die Kirche selber beispielhaft vorangeht und ihre CO2-Emissionen bis 2015 um 25% senken will. Die Parteien mit dem "C" im Namen sollten aufhorchen, wenn die evangelische Kirche sich eindeutig zum Atomausstieg, zum Tempolimit und zum Erhalt der biologischen Vielfalt bekennt."
idea vom 5. November
Breite Unterstützung für verfolgte Christen im Irak
SPD-Generalsekretär Hubertus Heil für Aufnahme von Flüchtlingen in der EU
B r e m e n (idea) – Die Initiative zur Aufnahme eines Kontingents verfolgter christlicher Flüchtlinge aus dem Irak in der EU und Deutschland findet breite politische Unterstützung. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sagte am 4. November bei einem Empfang seiner Partei während der EKD-Synode in Bremen zu, sich dafür einzusetzen, „dass wir hier vorankommen“.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), der für eine Aufnahme religiös Verfolgter aus dem Irak eintritt, vertrete eine vernünftige Position, sagte Heil. Zuvor hatte bereits während der Synode der Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK), der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Rachel (Berlin), zur Solidarität mit verfolgten Christen im Irak aufgerufen: „Deutschland darf nicht wegschauen, wenn der Irak systematisch von Christen entvölkert wird.“ Auch der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber (Berlin), hat mehrfach die Aufnahme von Kontingentflüchtlingen durch die Europäische Union (EU) angemahnt. In seinem Bericht vor der EKD-Synode sagte er, er verstehe nicht, dass die Entscheidung der EU immer weiter verschoben werde: „Bestimmte Formen des politischen Schacherns vertragen sich nicht mit dem Eintreten für Humanität.“ Von Verfolgung im Nordirak sind vor allem chaldäische, syrisch-orthodoxe und assyrische Christen betroffen. In den vergangenen Wochen wurden in Mossul 14 Christen ermordet; daraufhin flüchteten über 1.500 Familien. Fast drei Viertel der irakischen Christen sind seit dem Einmarsch alliierter Truppen im März 2003 vor Entführungen, Plünderungen und Mord geflohen. Insgesamt leben noch rund 450.000 Christen im Irak. Von den 26,7 Millionen Einwohnern des Landes sind 95 Prozent Muslime.
Unverständnis über Berliner SPD
Der SPD-Generalsekretär stellte sich auch hinter die Forderungen beider großer Kirchen zum Religionsunterricht und den erweiterten Ladenöffnungszeiten in Berlin. Er vertrete hier eine andere Position als die Parteifreunde im rot-roten Senat. In Berlin kämpfen die Kirchen für ein Wahlpflichtfach Religion. Dort ist das Fach Ethik verpflichtend, der Religionsunterricht aber ein freiwilliges Wahlfach. Die Ladenöffnungszeiten am Sonntag werden gegen den Widerstand der Kirchen ausgeweitet. Mit scharfen Worten verurteilte Bischof Huber, der an der Spitze der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz steht, die Haltung des Senats. In einer Welt, die allenthalben nach Werteorientierung rufe, biete der Religionsunterricht eine große Chance, schon früh mit der Vermittlung zu beginnen. Zur Haltung des Berliner Senats sagte Huber: „Ich verstehe es nicht.“ Die Bundeshauptstadt müsse auch eine Gesamtverantwortung wahrnehmen „und nicht nur Kiez-Politik betreiben“.
Christenverfolgung durch SED aufarbeiten
Scharfe Kritik übte Huber auch an der SED-Nachfolgepartei Die Linke. Sie habe die Vergangenheit der SED im Blick auf die Unterdrückung der Christen nie aufgearbeitet. Manche hätten in der DDR „bis ins Physische“ gelitten, so Huber. Wenn man zu Recht heute für verfolgte Christen im Irak eintrete, dürfe man nicht verschweigen, dass es auch Christenverfolgung im eigenen Land gegeben habe. Dies aufzuarbeiten, sei auch fast 20 Jahre nach dem Mauerfall eine ungelöste Aufgabe.
Hessen: Gewissensentscheidung in Dialog einbringen
Heil und Huber gingen auch auf die Gewissensentscheidung ein, auf die sich die vier SPD-Abweichler in Hessen berufen, die die Bildung eines rot-grünen Minderheitsregierung unter Duldung der Linkspartei verhindert haben. Nach Heils Ansicht dürfen sich nicht nur die Abweichler auf ihr Gewissen berufen, sondern auch die Unterstützer der Regierungspläne von Andrea Ypsilanti. Huber sagte, aus evangelischer Überzeugung sollten sich Menschen, die sich auf ihr Gewissen berufen, dies mit Vernunft begründen und zum Dialog bereit sein.
SPD-Politiker zur Spätabtreibung
Der SPD-Generalsekretär sagte seine Unterstützung auch einem Vorstoß der SPD-Bundestagsabgeordneten Kerstin Griese zur Neuregelung der Spätabtreibung zu. Sie möchte die Beratung über das Leben mit einem behinderten Kind gesetzlich vorschreiben. Ebenso soll es Pflicht des Arztes sein, Kontakte zu Selbsthilfegruppen, Behindertenverbänden und Beratungsstellen zu vermitteln und auf den Anspruch auf psychosoziale Beratung hinzuweisen. Ebenfalls tritt sie für eine dreitägige Bedenkzeit vor einem Schwangerschaftsabbruch ein. Abtreibungen bis kurz vor der Geburt sind derzeit zulässig, wenn bei vorgeburtlichen Untersuchungen eine schwere Behinderung festgestellt wird. In Deutschland gibt es nach Schätzungen jährlich rund 2.500 Abtreibungen nach der 12. Schwangerschaftswoche, davon rund 200 nach der 23. Woche – also zu einem Zeitpunkt, an dem das Kind außerhalb des Mutterleibs bereits lebensfähig ist.
Domradio Köln vom 5. November
EKD-Synode: Am Atomausstieg festhalten!
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) beendet heute ihre Synodentagung in Bremen. Zum Abschluss wollen die 120 Synodalen eine Resolution zum Klimaschutz verabschieden. In dem Textentwurf werden unter anderem ein Festhalten am Atomausstieg und ein freiwilliges Tempolimit für kirchliche Mitarbeiter empfohlen. Auch werden die Bürger zu einem bescheideneren Lebensstil und weniger Konsum aufgerufen. Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Huber, und andere Kirchenrepräsentanten riefen Unternehmer zum verantwortlichen Handeln auf und verlangten, dass der Staat der Marktwirtschaft Regeln setzt.
epd vom 5. November
Evangelische Kirche dringt auf Tempolimit zum Klimaschutz
Bremen (epd). Zum Klimaschutz empfiehlt die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Tempo 130 auf Autobahnen. Über klimaschonende Mobilität müsse die Freisetzung von Treibhausgasen verringert werden, fordert das Kirchenparlament in einem Zehn-Punkte Appell, der am Mittwoch in Bremen beschlossen wurde. Darin bekräftigt die EKD-Synode ihre Absage an die Kernenergie. Am Atom-Ausstieg müsse festgehalten, der Vertrieb von Technologien für Kernenergie in Europa und weltweit gestoppt werden. Die Synode, die am Mittwoch zu Ende geht, hatte das Schwerpunktthema "Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel" behandelt.
Zur Problematik der atomaren Abfällen heißt es in der Kundgebung, nach den negativen Erfahrungen von Asse und Morsleben sei die Endlagersuche auf alternative Standorte auszuweiten. Vorrangig seinen erneuerbare Energien zu fördern. Solange Kernkraftwerke in Betrieb sind, müssten Studien zur Sicherheit für die Restlaufzeit und für die Endlagerung unterstützt werden.
Mehr schöpfungsgerechtes Handeln erwartet das Kirchenparlament auch von den Landeskirchen und Kirchengemeinden. Die Landeskirchen sollen sich für eine Verringerung der CO2-Emissionen um 25 Prozent bis 2015 - gemessen am Jahr 2005 - einsetzen. Notwendig seien flächendeckend Programme zum Umwelt- und Energiemanagement. Für alle kirchliche Einrichtungen sollte die Initiative "Grüner Gockel" eingeführt und eine effiziente Energienutzung angestrebt werden.
Auf internationaler Ebene braucht es der Synode zufolge Instrumente, die das Menschenrecht auf Zugang zu Wasser festschreiben. "Grundsätzlich muss mit Wasser sorgsam umgegangen werden", wird empfohlen. In dem Umwelt-Appell tritt die EKD-Synode zudem für den Erhalt der biologischen Vielfalt ein. Für das globale ökologische Gleichgewicht und das Wohlergehen künftiger Generationen sei die biologische Vielfalt entscheidend.
idea vom 5. November
Klimaschutz: Allianzvorsitzender würdigt Engagement der EKD-Synode
Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Jürgen Werth: Bei Bewahrung der Schöpfung verfolgen Allianz und EKD ähnliche Ziele.
B r e m e n (idea) – Bei der Bewahrung der Schöpfung verfolgen die Evangelische Allianz und die EKD-Synode ähnliche Ziele. Das sagte der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Jürgen Werth (Wetzlar), am Rande der Bremer Tagung des Kirchenparlaments gegenüber idea.
Die Synode, an der der Allianzvorsitzende als Gast teilnimmt, beschäftigt sich mit dem Schwerpunktthema „Klimawandel – Wasserwandel – Lebenswandel“. Werth verwies darauf, dass sich die evangelikale Micha-Initiative für ähnliche Ziele einsetze. Ferner habe er den Eindruck gewonnen, dass das Schwerpunktthema der EKD-Synode theologisch gut aufgearbeitet werde. Besonders beeindruckt habe ihn der „4-D-Lebenswandel“, der im Entwurf zu einer „Kundgebung“ der EKD-Synode angeführt wird: Dank, Demut, Denken und Dienst.
Werth – im Hauptberuf Direktor von ERF Medien (Evangeliums-Rundfunk) – würdigte auch die Jugendstudie, die die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej) auf der Synode vorstellte. Sie stellt fest, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland heuten so gut wie nie zuvor aufwüchsen. Fast 82 Prozent lebten in der Familie mit beiden Elternteilen; annähernd 75 Prozent hätten Geschwister. Nie sei das Bildungsniveau so hoch gewesen. Doch dürfe man auch nicht verschweigen, dass mehr als 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche in Armut leben. Die Deutsche Evangelische Allianz repräsentiert rund 1,3 Millionen Evangelikale aus Landes- und Freikirchen.
HAZ vom 5. November
Die Kirche hütet ihr Geld – meist konservativ
Von Michael B. Berger
«Bremen.» Eher gelange ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes, hat Jesus von Nazareth gesagt. Doch dieser spitze Satz des Stifters der christlichen Religion ist von der Kirchengeschichte mehrfach relativiert worden – wie auch die jüngste Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) belegt: Die christlichen Kirchen in Deutschland gehören nicht zu den Armen. Und trotz der dramatischen Finanzkrise stehen die evangelischen Kirchen finanziell noch relativ gut im Futter, wie die Einbringung des EKD-Haushaltes in Bremen gestern zeigte.
EKD-Ratsmitglied Klaus Winterhoff rechnet für das laufende Jahr sogar mit einem Plus bei der Kirchensteuer, das wie im Vorjahr bei 8,5 Prozent liegen dürfte – allerdings sind hier die realen Folgen der Finanzkrise nicht berücksichtigt. Das Plus resultiere derzeit aus der relativ geringen Arbeitslosigkeit, hieß es gestern in Bremen. Die Oldenburger Kirche, die infolge der Pleite der amerikanischen Lehman-Bank Anlagenverluste von 4,3 Millionen Euro befürchtet, bleibt wohl ein Einzelfall in der protestantischen Kirchenlandschaft.
Winterhoff betonte, dass die EKD nicht vom Anlagengeschäft lebe – und ihr Geld sehr konservativ anlege, wie es der alte Senator Buddenbrock aus dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann verlangt hat: „Mache gute Geschäfte des Tags, aber nur solche, bei denen du nachts gut schlafen kannst!“ Mit dieser Anlagepolitik dürfte die EKD auf der Linie ihres Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber liegen, der zur Eröffnung der Synode vor einer „Vergötzung des Geldes“ und einer „quasi-religiösen Leistungsideologie“ gewarnt hatte.
Trotz dieser deutlichen Worte musste Huber sich gleich zu Beginn der Synode in Bremen einen „Kuschelkurs mit den Neoliberalen“ vorhalten lassen. Der sich als „Befreiungstheologe“ verstehende Theologieprofessor Ulrich Duchrow verteilte während der Tagung Flugblätter, die die EKD aufforderten, einen „Irrweg“ zu verlassen und den „Friedensschluss mit dem Kapital“ aufzukündigen. So verschleiere die jüngst verfasste EKD-Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ den herrschenden Neoliberalismus, indem dieser zur „Sozialen Marktwirtschaft“ verklärt werde.
Die EKD gebe sich dem „neoliberalen Mainstream“ hin, meinten Duchrow und ein Kreis linker Theologieprofessoren, zu denen sich der ehemalige Gewerkschafter Detlef Hensche gesellt hat. Doch ob die zum Teil schon betagten Systemkritiker bis Pfingsten die EKD zur Umkehr bewegen, ist fraglich, obwohl die Systemdebatte plötzlich auch im Saal geführt wurde. Der Kölner Synodale Uwe Becker meinte, das „Vokabular eines antiquierten Feudalismus“ in der Denkschrift zu entdecken, die seit dieser Fundamentalkritik einen besonders hohen Aufmerksamkeitswert erzielt hat.
Der Synodale Robert Leicht hielt den Kritikern des angeblich neoliberalen Systems entgegen, dass man bei einer Steuer- und Abgabenquote von 50 Prozent doch keinesfalls von „Raubtierkapitalismus“ sprechen könne: „Ich höre bei solchen Debatten immer als ersten Satz: Von Ökonomie habe ich eigentlich keine Ahnung – und dann kommt trotzdem das aber.“
FAZ vom 5. November
Auf Tuchfühlung mit Managern
Auf der Bremer Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland herrscht Streit über eine Denkschrift zum unternehmerischen Handeln. Dem Ratsvorsitzenden Huber haben die Kritiker aber wenig entgegenzusetzen.
Von Reinhard Bingener
bremen, 4. November. Die Konstellation ist delikat: Im Bremer Messesaal verteidigt Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Unternehmer-Denkschrift seiner Kirche gegen Kritik aus den eigenen Reihen. Vor dem Saal verteilt ein Mann mit dichtem weißem Haar einen Aufruf an die Synodalen, die Denkschrift zu widerrufen. Der Mann, Ulrich Duchrow, greift seine Kirche an: Sie habe in der Denkschrift "Frieden mit dem Kapital" gemacht, stehe nicht auf Seiten derer, die jetzt, in der Krise, ihre Arbeitsplätze verlieren würden.
"Kirchenpolitik durch Polemik?" - dagegen hatte sich Wolfgang Huber 1976 mit einem gleichnamigen Aufsatz gewandt, dessen Mitverfasser ebenjener Ulrich Duchrow war. Huber und Duchrow, deren Überzeugungen nun über Kreuz liegen, dachten, schrieben und stritten Schulter an Schulter für eine evangelische Kirche, die ihre - vermeintliche oder wirkliche - obrigkeitshörige Tradition abstreifen müsse. Beide lehrten Systematische Theologie in Heidelberg. Dann trennten sich ihre Wege: Huber wurde zunächst Bischof in Berlin, dann als Ratsvorsitzender der EKD Stimme des deutschen Protestantismus. Duchrow betreibt mittlerweile eine Anti-Globalisierungs-Homepage.
Wolfgang Huber weiß, dass die im Juli veröffentlichte Denkschrift "Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive" auch für viele mit Sitz in der EKDSynode hart am Rande des Erträglichen schrammt. Nach Hubers Ratsbericht beschwert sich zunächst eine junge Delegierte aus Leipzig. Sie wirft dem Rat der EKD vor, die Kirche habe sich in der Denkschrift zum "Anwalt eines neoliberalen Systems" gemacht. Einen Synodalen erinnert der Tonfall an "antiquierten Feudalismus", an die Präsentation von Friedrich Merz' Buch "Mehr Kapitalismus wagen" mitten in der Finanzkrise. Eine Kundgebung der Synode wird gefordert.
Huber wird zu verhindern wissen, dass es dazu kommt. Er ist angetreten, um der EKD ein erkennbares "Profil" zu geben. Der Protestantismus soll nicht länger durch eine Unzahl untereinander widersprüchlicher Papiere, Stellungnahmen und Kundgaben durch das Raster der öffentlichen Aufmerksamkeit fallen. Sollte das Kirchenparlament des deutschen Protestantismus von der Unternehmer-Denkschrift abrücken, widerspräche das seinem Interesse. Schon bei der Abfassung der Denkschrift war um klare Aussagen lange gerungen worden; der Grat zwischen Verschwiemelung und Abgewogenheit war schon vor Beginn der Synode schmal gewesen.
In Bremen tritt man also zur Verteidigung der Denkschrift an, wobei sich der Ratsvorsitzende zunächst im Hintergrund hält. Der Synodale Robert Leicht, ehemals Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit", gibt zu bedenken, dass man in Anbetracht der deutschen Staatsquote doch nicht von einem "neoliberalistischen System" sprechen könne. Dann nimmt sich der stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD, Thüringens Bischof Christoph Kähler, die junge Delegierte aus Leipzig vor. Er erinnere sich an das Stadtbild Leipzigs im Jahr 1990 - ob sie sich das wiederwünsche. Daraufhin sehen einige Synodalen durch Kähler den geschwisterlichen Geist einer Kirchensynode verletzt, eine Aussprache in kleinerem Kreis wird nötig werden. Doch das betrifft nur die Form, in der Sache versickert nach und nach der Widerspruch aus der Synode. Zu einfach war ihre Kritik gestrickt. Und viele Bischöfe wissen aus ihren eigenen Landeskirchen, wie widerspenstigen Synodalen beizukommen ist.
Ein Synodaler hatte sich an der Formulierung in der Denkschrift gestört, Arbeitnehmer sollten nicht nur Mittel zum Zweck sein. "Der Mensch darf nie Mittel zum Zweck sein!", empört er sich. Er erhält von Wolfgang Huber eine Einführung in Kants Ethik. Das ist Hubers Stärke: Er hat alle Themen sofort präsent, philosophische, politische, kirchliche. Argumentiert Huber ungenau, tut man gut daran, Kalkül dahinter zu vermuten, wie das Beispiel Managergehälter zeigt: Huber will verhindern, dass aus der Kirche Stimmen nach einer gesetzlichen Begrenzung der Gehälter laut werden. Das stünde in Widerspruch zur EKD-Denkschrift und würde die Kirche dem Verdacht aussetzen, ein Hort des Ressentiments zu sein. Und so hat Huber zwar seine Tonlage verschärft, sachlich aber ist er kein Jota von der Linie der Denkschrift abgewichen und bringt die evangelische Kirche bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit den Prinzipien Freiheit und Verantwortung in Verbindung - eine Gehälterbegrenzung würde da schlecht ins Bild passen. Huber will erreichen, dass seine Kirche wieder mit Wirtschaftseliten die Tuchfühlung aufnimmt, die sie nach dem Krieg verloren hatte. In den politischen Eliten ist die EKD ohnehin gut vernetzt: In Bremen freut man sich, dass Hermann Gröhe, Synodaler und EKD-Ratsmitglied, Staatsminister im Kanzleramt geworden ist.
Als Schwerpunktthema in Bremen hatten sich die Synodalen "Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel" gewünscht. Die von der letzten Synode begangenen Klimasünden sind schon mit guten Werken gesühnt worden: In Hermannstadt hat die EKD 7500 Bäume gepflanzt, und auch diese Synode wird "klimaneutral" sein. Zudem werden in einem Entwurf Kirchenmitarbeiter dazu aufgerufen, nicht schneller als 120 Stundenkilometer zu fahren. Es ist die letzte, die siebte Tagung dieser Synodalperiode. Nach und nach werden die Synoden der einzelnen evangelischen Landeskirchen hundert EKD-Synodale für die nächsten sechs Jahre benennen. Diese werden dann zusammen mit der Kirchenkonferenz das Leitungsgremium, den Rat der EKD, wählen. Der neue Rat darf dann weitere zwanzig Synodale benennen. Manche Synodale fühlen sich in diesem Geflecht nicht mehr wohl. Sie werfen dem Rat "ein bisschen Bastapolitik" vor. Aber sie wissen selbst, dass das weniger eine Anklage gegen die Stärke des Ratsvorsitzenden ist, sondern eher eine Klage über die eigene Schwäche.
Welt vom 5. November
Kirchenfürsten kanzeln Kritiker ab
Von Matthias Kamann
Bei der EKD-Synode in Bremen werden Widersprüche abgebügelt und falsche Themen gesetzt - Mitgliederschwund nicht zu stoppen
Bremen - Es stimmt nicht, dass es Rituale nur bei Katholiken gäbe. Auch Protestanten haben welche. Eines geht so: Wenn alljährlich im November die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zusammentritt, wird zunächst ein Ventil geöffnet, um Dampf abzulassen. Entweder attackieren die 120 Kirchenparlamentarier Texte der Vorbereitungsausschüsse oder werfen dem 15-köpfigen Rat der EKD und dessen Vorsitzenden Bischof Wolfgang Huber überzogene Machtansprüche vor.
Aktuell in Bremen dienten als Anlässe die Unternehmer-Denkschrift des Rates, die "neoliberal" sei, sowie die im Reformprozess eingerichteten "Kompetenzzentren" zu Mission oder Predigtkultur, die zum Zentralismus führten.
Sodann geht Huber ans Mikrofon, weist die Kritik zurück, schulmeistert einzelne Synodale, beschwört das geschwisterliche Miteinander und erklärt, dass die vom Rat angestoßenen Reformschritte alternativlos seien - was umgehend dadurch bewiesen wird, dass kein Synodaler zu widersprechen weiß. Danach geht alles seinen Gang. "Formal zwar", brachte ein Synodaler in Bremen die Verhältnisse auf den Punkt, "hat die Synode die Richtlinienkompetenz, aber die ist wegen Untätigkeit der Synode faktisch auf den Rat übergegangen." Vorbei die Zeiten, in denen der in der Synode versammelte Laienprotestantismus von sich aus ein intellektuelles und theologisches Profil entwickelte, wie es zwischen 1985 und 2003 etwa Jürgen Schmude als Synoden-Präses gelang. Einige Wegweisungsprobleme sind der jetzigen Synode auch bei ihrem Schwerpunkthema anzumerken: "Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel". Der Entwurf für die heute zu beschließende "Kundgebung" - so heißen Resolutionen der Synode - schwankt bei dem gut abgehangenen Thema zwischen der Wiederholung von Klimawarnungen und eher vagen Vorschlägen für einen bescheideneren Lebensstil aus christlicher Verantwortung. Zwar versuchten die Synodalen dem Entwurf mehr Schärfe zu geben, indem sie über härtere Forderungen beim Energiesparen diskutierten oder eine stärkere Betonung individueller Verhaltensänderungen. Doch dürfte es etwas überraschen, wenn eine Synoden-Resolution zum Klimaschutz die Deutschen zusammenzucken lässt.
Dabei hätten die Synodalen bei einem anderen Dauerbrennerthema weit größere Diskussionen auslösen können: der Bildung. Nicht nur wegen des Booms evangelischer Schulen, sondern vor allem, weil in Bremen eine Studie der evangelischen Jugendarbeit vorgestellt wurde, die eingefahrene Bahnen verlässt. Die Studie "Lebensträume - Lebensräume" sieht Jugendliche nicht als Problemgruppe, die möglichst schnell qualifiziert werden muss. Stattdessen wird das Interesse der Jugendlichen an nicht zweckgebundenem, an freilaufend experimentierendem Handeln genauso ernst genommen wie ihre ästhetische und mediale Prägung. Dem müssten die Kirchen eine selbstverständliche Heimat geben, ohne es sofort missionarisch zu instrumentalisieren. So kritisieren die Autoren, dass in manchen kirchlichen Gruppen jugendliche Lebensformen "theoretisch, praktisch und ästhetisch unterbelichtet werden, in glücksversessenen charismatischen Lobpreisszenen, in harmoniesüchtigen Kuschelgruppen, in den Gutmensch-Szenarien christlicher Events".
Naturgemäß weniger anregend ging es zu, als gestern die Haushaltsplanung der EKD vorgestellt wurde. Trotz eines Zuwachses bei den Kirchensteuereinnahmen - um 6,5 Prozent 2006 und 8,5 Prozent 2007 - hält die EKD an ihrem Konsolidierungskurs fest und will 2009 mit 171,1 Millionen Euro noch etwas weniger ausgeben als 2008. Von der aktuellen Finanzkrise erwartet man keine unmittelbaren Auswirkungen, der Millionenverlust in der Oldenburgischen Landeskirche ist laut Ratsmitglied Klaus Winterhoff der einzige erkennbare Fall. Allerdings erwartet man bei einer Rezession einen Rückgang des Steuer- und Spendenaufkommens. Insgesamt nehmen alle EKD-Gliedkirchen zusammen rund 9,9 Milliarden Euro jährlich ein. Verkraften müssen sie, dass der Mitgliederschwund in keiner Weise gestoppt ist. Die Zahl der Kircheneintritte ging 2006 gegenüber 2005 sogar um einige Tausend zurück und beträgt gerade einmal die Hälfte der Kirchenaustritte. Diese sind von 119 561 im Jahr 2005 auf 121 598 im Folgejahr gestiegen.
General-Anzeiger Bonn vom 5. November
Evangelischer Entwicklungsdienst geht nach Berlin
Für Bonn bedeutet Umzug einen Wegfall von rund 200 Arbeitsplätzen
Von K. Rüdiger Durth
Bremen/Bonn. Die "Konferenz für Friedensarbeit der EKD" wird am 1. Januar 2009 in Bonn ihre Arbeit aufnehmen und in der Endenicher Straße 41 ihre Büros beziehen. Das hat die in Bremen tagende Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Dienstag beschlossen. Die Geschäftsstelle wird zehn bis elf Mitarbeiter umfassen und über einen Jahresetat von zunächst von rund 700 000 Euro verfügen.
Grünes Licht gab die Synode auch für den Umzug des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) von Bonn nach Berlin. Für Bonn bedeutet das ein Wegfall von rund 200 Arbeitsplätzen. Neu ist, dass der EED nach 2013 wegen der am Rhein ansässigen Entwicklungshilfeeinrichtungen ein Verbindungsbüro aufrecht erhalten will. Wie viel Mitarbeiter das Büro haben wird, ist noch offen.
Die neue "Konferenz für Friedensarbeit der EKD" soll "keine Entschädigung" für den EED-Wegzug sein, wird von der EKD betont. Vielmehr will man neben der Evangelischen Militärseelsorge die Friedensarbeit der Kirche auch organisatorisch stärken. Der Friedenskonferenz sollen künftig neben den klassischen Friedens- und Versöhnungsdiensten auch der EED, die Evangelische Militärseelsorge und die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg angehören.
Ihr zugeordnet wird ein Arbeitsausschuss sowie eine Geschäftsstelle, die von dem Evangelischen Arbeitskreis zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer (EAK) und der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) getragen wird.
Der EAK ist für die rund 25 000 evangelischen Zivildienstleistenden pro Jahr zuständig, und der AGDF gehören 35 Verbände an. Geschäftsführer der neuen Konferenz werden Günter Knebel vom EAK und Jan Gildemeister von der AGDF.
Wie Günther Knebel am Dienstag gegenüber dem General-Anzeiger betonte, erhofft man sich von der Neuordnung eine erhebliche Intensivierung der kirchlichen Friedensarbeit. Damit gewinne der Frieden innerhalb der EKD eine "neue, kräftige Stimme".
Innerhalb der Evangelischen Kirche geht man davon aus, dass die "Konferenz für Friedensarbeit der EKD" kräftig wächst. Für den Standort Bonn der neuen Konferenz hat sich vor allem der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, eingesetzt.
HAZ vom 4. November
In den Schuhen des Schnelldenkers
Von Michael B. Berger
«Bremen. »Fragen nach seinem Gefühlshaushalt mag Bischof Wolfgang Huber überhaupt nicht gern. Auch wenn die Bremer Tagung des Kirchenparlaments der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die letzte reguläre ist, bevor sich im Frühjahr in Würzburg eine neue Synode konstituiert, um die Weichen für die Neuwahl des EKD-Ratsvorsitzenden in exakt einem Jahr zu stellen.
Also keine Wehmutsgefühle? Huber wehrt ab, die Frage komme zu früh. „Der Rat bleibt ja noch ein Jahr im Amt.“ Da habe er ja noch viel zu gestalten, für „Kontinuität und Nachhaltigkeit“ zu sorgen, brummt der 66-jährige Berliner Bischof. Obwohl der ehemalige Professor sonst nie um eine pointierte Antwort verlegen ist. Aber in den Gängen der Synode, die im Saal des Kongresszentrums äußerst blumig über den Klimawandel diskutiert, wird die Frage schon gestellt: Wer kommt nach Huber?
Manche der alten Synodalen können sich noch gar nicht vorstellen, wer auf Huber folgen kann, der sowohl bei „Anne Will“ als auch in einer Kirchenkonferenz blitzschnell klarmachen kann, was Sache ist. „War früher der Katholik Kardinal Lehmann bei Medienleuten die erste Adresse, ist es doch heute der Protestant Huber“, meint etwa Peter Hahne, selbst Medienmann und seit 24 Jahren Mitglied der Synode der EKD. Huber habe schon ein sehr großes Format – „mindestens Schuhgröße 46“.
Margot Käßmann, die Bischöfin aus Hannover, hat wesentlich zierlichere Füße. Doch wird auffallend oft sie genannt, wenn es um die Nachfolge Hubers geht – allerdings stets mit dem Zusatz, dass sie schon wollen müsse. Derzeit signalisiert die Hannoveranerin aber, dass sie sehr zufrieden sei mit dem, was sie ist: Bischöfin in Hannover. Die Frage, ob es in der EKD überhaupt ein Leben nach Huber gebe, kontert der Bischof der Rheinischen Kirche, Präses Nikolaus Schneider, mit einem Lachen – und einem „aber ja doch, es muss nicht immer ein intellektueller Überflieger sein“. Die Kirche habe „sehr gute Männer wie Frauen“, sagt Schneider. Der 61-jährige Bischof aus Düsseldorf wie auch der Reformierte Peter Bukowski halten es für undenkbar, dass Huber bei der Wahl 2009 in Ulm noch einmal als Ratsvorsitzender antritt, wie „Die Welt“ mutmaßte.
Theoretisch wäre dies möglich, auch wenn Huber aus Altersgründen im nächsten Jahr nicht mehr Bischof der Berliner Kirche sein wird. Die Bindung an eine konkrete Kirche benötigt aber jeder Ratsvorsitzende. Als mögliche Aspiranten auf den Huber-Posten werden noch der Bischof der Kirche von Kurhessen-Waldeck, der 1954 geborene Martin Hein, genannt wie auch der gleichaltrige Frank Otfried July aus Stuttgart. Denkbar wäre auch ein Bischof, der aus dem Osten kommt. Doch klammheimlich rechnen viele damit, dass Margot Käßmann noch weichgeklopft wird. Dass sie jetzt nicht wolle, sei doch die beste Voraussetzung für das Amt.
FAZ vom 4. November
EKD-Synode berät über Klima-Resolution
bin. BREMEN, 3. November. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) will den Klimaschutz als ein bestimmendes politisches Thema erhalten. Es bestehe die Gefahr, dass durch die Finanzmarktkrise abermals der Blick auf notwendige Anstrengungen beim Klimaschutz verstellt werde, hieß es am Montag auf der EKD-Synode, die noch bis zum Mittwoch in Bremen tagt. Zum Schwerpunkt hatte sich die Synode das Thema "Klimawandel, Wasserwandel, Lebenswandel" bestimmt. Die Synode berät über einen Resolutionsentwurf, der zehn konkrete Forderungen zur Bewahrung der Schöpfung enthält. Die langjährige Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Zahrnt, sagte in ihrem Fachreferat, die Umweltprobleme seien nicht Ergebnis eines Marktversagens, sondern eines Politikversagens. Frau Zahrnt forderte von den Kirchen ein klareres Eintreten gegen Naturzerstörung. Im Resolutionsentwurf werden die Einrichtungen der evangelischen Kirche auf Energiesparen verpflichtet. Dem Kirchenparlament wurde auch die positive Evaluierung des Supplements "chrismon" vorgelegt, das von der EKD finanziert wird. Die nächste Synode wird über den Fortbestand der Gratis-Zeitschrift über 2010 hinaus entscheiden.
FAZ vom 4. November
Bußprediger
Kehret um und tut Buße! Die Botschaft der Kirchen an die Sünder ist unveränderlich. Aktuell ist aber immer die Frage, wie sie zeitgemäß an den Mann und die Frau zu bringen sei. Die EKD hat dafür unter anderem das Medium YouTube entdeckt, das sie neuerdings mit Luther-Comics auf Videoclips zur Glaubensvermittlung nutzt. Schon älter ist ihre Verbundenheit mit Umweltschützern, deren weltliche Bußpredigten den geistlichen immer ähnlicher werden. Von der Umweltlobbyistin Zahrnt ließ sich die EKD-Synode in Bremen jetzt dazu anspornen, dem Klimawandel mit Forderungen nach einem Zivilisationswandel zu begegnen. Ausdrücklich lobte Frau Zahrnt, dass die Kirche in ihrer Klima-Resolution den Schöpfungsbezug herausstelle. Es fragt sich allerdings, welchen Bezug die Kirche noch zur Schöpfung hat, wenn nun auch sie den Klimawandel für menschengemacht hält - und seine Korrektur für technisch möglich. Der Appell zur Umkehr bleibt gewiss richtig. Doch gerade Protestanten sollten hellhörig werden, wenn er im allzu zeitgemäßen Gewand eines Ablasshandels mit CO2-Zertifikaten daherkommt. Dt.
SZ vom 4. November
Pastoren sollen höchstens 120 fahren
Bremen - Angesichts des dramatischen Klimawandels fordert die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) konsequentes Handeln. Der Kundgebungsentwurf, den die 120 Kirchenparlamentarier der EKD-Synode in Bremen diskutierten, tritt für den endgültigen Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie-Nutzung ein, weil die Frage der Endlagerung nicht zufriedenstellen geklärt sei. Sie fordert ein Tempolimit und die Förderung des öffentlichen Personen-Nahverkehrs. Die evangelische Kirche soll außerdem für die gerechte Verteilung des Wassers in den wasserarmen Regionen der Welt eintreten. Evangelische Pastoren will die Synode auffordern, künftig auf der Autobahn freiwillig nicht schneller als 120 Stundenkilometer zu fahren.
"Die beschleunigte Klimaerwärmung ist von uns Menschen verursacht und stellt eine ernsthafte Bedrohung an allen Orten der Welt dar", heißt es in dem Kundgebungsentwurf. Die Folgen der Erderwärmung seien zunehmende Verteilungskonflikte um Böden, Wasser und Nahrung. Noch aber bestehe die Möglichkeit, die Bedrohung "durch konsequentes Handeln zu mildern". Der Klimawandel erfordere "einen neuen Lebenswandel", heißt es weiter in dem Entwurf. Ziel sei ein "zukunftsfähiger Lebenswandel", den der Kundgebungsentwurf "4-D-Lebenswandel" nennt; er orientiere sich an den Kategorien "Dank, Demut, Denken und Dienst".
SZ vom 4. November
Erst die Arbeit, dann das Kapital
Die traditionelle Sozialethik der Kirchen ist wieder gefragt, lässt aber viele Fragen offen
Von Matthias Drobinski
Die weltweite Finanzkrise, die Banker erblassen lässt und Regierungen ratlos macht, hat ungewöhnliche Nebenwirkungen: Eine mittelmäßig spannende Denkschrift über unternehmerisches Handeln erregt die Synode der evangelischen Kirche, ebenso die ein wenig zottelbärtig daherkommende Kritik, der Protestantismus sei zu unternehmerfreundlich. Das Buch eines ehemaligen Sozialethik-Professors und jetzigen katholischen Erzbischofs findet größte Aufmerksamkeit, weil der Mann Marx heißt, wenn auch Reinhard, und weil er sein Buch "Das Kapital" genannt hat.
Vor zwei Jahren wären Denkschrift und Buch im allgemeinen Wortgetümmel des kirchlichen und politischen Betriebs verschwunden. Die evangelische Sozialethik, die katholische Soziallehre galten den meisten Ökonomen und vielen Politikern als gut gemeint, aber doch überholt im Zeitalter der globalen Konkurrenz, der Aktien- und Immobilienspekulationen. Jetzt erwartet die allseits verunsicherte Welt, dass die Kirchen nun eine Art geistig-moralisches Rettungspaket schnüren. Die Kirchen sollten diese Aufgabe in einer Mischung aus Demut und Entschiedenheit annehmen.
Mit Entschiedenheit, weil sie tatsächlich ein Angebot in der Krise haben. Die katholische Soziallehre und die evangelische Sozialethik entspringen einem konservativen Denkmodell; dass dies heute als links gilt, ist eine Ironie der Geschichte. Beide Modelle gehen von einer Wirtschaft aus, die kapitalistisch und nicht sozialistisch organisiert ist, in der das Eigentum dem Eigentümer aber nicht zur beliebigen Verwendung gegeben ist. Sie sagen ja zum Erfolg, aber sie stellen das Kapital in den Dienst der Gemeinschaft; es soll fair bezahlte Arbeit schaffen und den fairen weltweiten Warenaustausch ermöglichen. Papst Johannes Paul II. hat dafür die Formel geprägt: Die Arbeit steht vor dem Kapital. Die christliche Sozialethik ist eine Ethik, die die Schwachen schützt und die Starken begrenzt. In den vergangenen Jahren galt das als hinderlich für die wirtschaftliche Entwicklung, jetzt, da die Starken von gestern die Schwachen von heute sind, steigt der Wert solcher Haltungen.
Wie entschieden die Kirchen diese Position vertreten, ist aber noch nicht so recht abzusehen. Sie haben das ja selber nur noch mit einer gewissen Verschüchterung getan, fast schon entschuldigend. Nun hat der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber starke Worte gegen die Gier und gegen den quasireligiösen Irrglauben gefunden, der Markt werde schon alles zum Besten regeln, wenn man ihn nur lässt - und damit zunächst seinen Kritikern den Wind aus den Segeln genommen. Dauerhafte Kraft gewinnt die Sozialethik dadurch noch nicht. Doch die wird sie brauchen, soll sie eine Rolle in der anstehenden Debatte spielen, wie viel Regelung und wie viel Freiheit eine soziale Marktwirtschaft braucht.
Daher sollte die Demut der Kirchen kommen: Ja, sie müssen um des Glaubens willen kapitalismuskritisch sein. Zu sagen, was nun geschehen soll, fällt ihnen aber nicht leichter als den Parteien, Verbänden, Gewerkschaften. Auch das zeigt die in Bremen tagende Synode der Protestanten, deren Schwerpunktthema "Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel" nur eine Variante der Kapitalismusdebatte ist. Mit aller Entschiedenheit tritt der dort verhandelte Kundgebungsentwurf für die Rettung der Welt ein und schlägt einen "4-D-Lebenswandel" vor, "orientiert an Dank, Demut, Denken und Dienst". Es ist eine alliterierende Erbauungsrhetorik, die Synodale im Hochgefühl nach Hause fahren, den Rest der Welt aber ratlos lässt. Alles ist irgendwie richtig, man wünscht sich die bessere Welt. Doch die Menschen in den Industrieländern werden bescheidener leben müssen, sollen Arbeit, Kapital und Ressourcen global einigermaßen fair aufgeteilt werden. Dies wird harte politische Konflikte bedeuten - das aber traut die Synode sich nicht so laut zu sagen.
Tagesspiegel vom 4. November
Protestanten suchen Huber-Nachfolger Synode
Hannoversche Bischöfin Käßmann Favoritin für das Amt der EKD-Ratsvorsitzenden
Von Claudia Keller, Bremen
Die freie Liebe war gestern, heute geht es um die „intelligente Liebe“. Auf diesen Punkt könnte man die Debatte bringen, die am Montag in Bremen im Plenum der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geführt wurde. Auf der Tagesordnung stand nicht etwa die Paarbeziehung im Strudel der Zeiten, sondern das Schwerpunktthema „Klimawandel, Wasserwandel, Lebenswandel“. Statt des unregulierten, sozusagen freien Umgangs mit Rohstoffen und Energiequellen forderten die Kirchenparlamentarier einen grundsätzlichen Lebenswandel, der im Zeichen der „intelligenten Liebe“ stehen solle.
„Intelligente Liebe meint eine Liebe zur Schöpfung, die bereit ist, sich nicht allein in romantisierenden Gefühlen zu ergehen, sondern nachzudenken, Zusammenhänge aufzudecken und mutig und widerstandsfähig zu handeln“, heißt es im Kundgebungsentwurf, der am Mittwoch verabschiedet werden soll.
„Intelligent lieben“ könnte man auch als Motto über das inoffizielle Schwerpunktthema der Synode setzen: die Suche nach einem Nachfolger für Bischof Wolfgang Huber im Amt des EKD-Ratsvorsitzenden. Was wäre eine intelligente, eine kluge Wahl? Wer kann die Kirche am besten nach außen vertreten? Wer nach innen gestalten? In Bremen tagt das oberste evangelische Kirchenparlament zum letzten Mal in dieser Zusammensetzung. Im Mai nächsten Jahres kommt eine neue Synode zur konstituierenden Sitzung zusammen; im November wählt die neue Synode einen neuen Rat und einen neuen Ratsvorsitzenden.
Bischof Huber tritt nicht mehr an, da er die Altersgrenze von 65 Jahren erreicht hat. Im Frühjahr gibt er auch sein Amt als Berliner Landesbischof ab. „Die breite Mehrheit dieser Synode wünscht sich Margot Käßmann zur nächsten Ratsvorsitzenden“, sagt Kerstin Griese, SPD-Familienpolitikerin und Mitglied im Kirchenparlament. Käßmann vertrete sehr authentisch und engagiert den deutschen Protestantismus. Doch die 50-jährige Bischöfin der Hannoverschen Landeskirche hält sich selbst bedeckt. Sie werde auf der Synode sehr bedrängt, sich für das Spitzenamt nächstes Jahr bereitzuhalten, sagt Käßmann. Es gebe Argumente, die dafür sprächen. Andererseits, nach Krankheit und Scheidung genieße sie das Leben gerade sehr, so wie es ist, sagt sie. Die Arbeit als Bischöfin in Hannover mache ihr großen Spaß, warum sich noch ein weiteres Amt aufladen? „Ich mache es von der Synode in einem Jahr abhängig“, sagt sie schließlich. „Wenn die mich wollen, dann werde ich das wohl machen.“
Andere Personen, die ins Spiel gebracht werden, sind in der breiten Öffentlichkeit unbekannt. Zum Beispiel Bischof Frank Otfried July von der Württembergischen Landeskirche. Aber July sei bislang nicht als großer Gestalter hervorgetreten, weshalb manche Zweifel haben, ob er der Richtige an der EKD-Spitze wäre.
Andere rühmen Martin Hein, ein fundierter Theologe und Bischof der Landeskirche Kurhessen-Waldeck. Auch der Dresdner Bischof Jochen Bohl wird genannt. Andere Kirchenobere wie der beliebte Präses der rheinischen Kirche, Nikolaus Schneider, gelten mit über 60 Jahren bereits als zu alt. Die nächste Synode wird sehr viele neue Mitglieder haben, viele jetzige Synodale treten aus Altersgründen nicht mehr an.
Könnte sein, dass die Neuen nach Jahren mit Bischof Huber an der Spitze jemanden favorisieren, den man nicht aus Talkshows kennt. Das würde gegen Margot Käßmann sprechen. Klar ist, dass in den oberen Gremien der evangelischen Kirche ein Generationswechsel ansteht. Auch das innerkirchliche Klima wird also nicht dasselbe bleiben. Die evangelische Kirche hat in Deutschland 25,1 Millionen Mitglieder in 23 Landeskirchen.
Hamburger Abendblatt vom 4. November
Evangelische Kirche sucht Wege in die Zukunft
Video-Clips statt Predigt von der Kanzel
Bremen - Früher war es für die Kirche einfacher: In gut gefüllten Gotteshäusern verkündete sie ihre Botschaft und ihr Wort hatte in der Gesellschaft Gewicht. Angesichts schrumpfender Gemeinden und der fortschreitenden Säkularisierung ringt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf ihrer Synode in Bremen derzeit um Wege, sich auch künftig Gehör zu verschaffen. Neben Strukturreformen zur Schärfung des protestantischen Profils rückt das Internet als Kommunikationsweg der Zukunft in den Fokus. Über das Web 2.0 will die Kirche künftig ein Massenpublikum erreichen und scheut sich nicht, EKD-Chef Bischof Wolfgang Huber in einem Video-Clip für YouTube mit Luther als Comic-Figur auftreten zu lassen.
Während der von Huber in Managersprache angestoßene Reformprozess mit Taufquoten und Qualitätschecks für Pfarrer an der Basis noch für Bauchgrimmen sorgt, denken EKD-Strategen weiter: „Agenda-Setting“, „Themenmanagement“ und die Schaffung von „Online-Communities“ lauten Vorhaben der Zukunft. Um wahrgenommen zu werden, will die Kirche über die Medien ein Millionenpublikum erreichen. „Ohne Online-Strategie gehen Themenkampagnen bereits heutzutage und zunehmend in den kommenden Jahren ins Leere, weil immer mehr Menschen ausschließlich online anzutreffen sind“, konstatiert die EKD in einem Reformbericht. „Die evangelische Kirche muss jetzt handeln, um die Entwicklung zur nächsten Internet-Stufe, dem sogenannten Web 2.0 nicht zu verpassen.“
Zwar sieht die Kirche sich mit ihrem Onlineportal ekd.de mit einer Reichweite von einer Million Menschen bereits auf dem richtigen Weg, viele der Nutzer aber sind der Kirche ohnehin bereits eng verbunden. Um auch kirchenferne Menschen zeitgemäß anzusprechen, wurden daher die zweieinhalb Minuten langen Comic-Clips zu wichtigen Stichworten des Glaubens konzipiert, die künftig auch auf dem Handy zu sehen sein sollen. Wie EKD-Medienreferent Udo Hahn erklärte, sei es notwendig, „bei der Vermittlung von Glaubensinhalten stets neue Wege zu gehen und sich aller medialen Möglichkeiten zu bedienen“. Die Videoclips seien ein „innovatives und zeitgemäßes Format“, das trotz seiner Kürze geeignet sei, „Glaubensfragen kompetent aufzubereiten“.
Dennoch: Auch auf herkömmlichem Wege erreicht die Kirche nach wie vor Menschen, die es nicht in den Gottesdienst schaffen. Zu einem Klassiker hat sich in seiner fast 30-jährigen Geschichte der ZDF-Fernsehgottesdienst entwickelt. 23,8 Millionen Zuschauer gab es 2007 bei den 28 evangelischen TV-Gottesdiensten. Und trotz rückläufiger Auflagen bei den Kirchenzeitungen landete die Kirche auch im Printbereich einen Erfolg. Das als Tageszeitungsbeilage konzipierte evangelische Magazin chrismon erreicht in 2008 inzwischen 1,02 Millionen - nach Umfragen eher kirchenferne - Leser, was mehr sind, als die Kirche sich erhofft hatte.
Trotz aller Heilssuche in Massenmedien und Internet will die Kirche auch an ihren ureigensten Kompetenzen feilen: Gottesdienste und Predigten sollen besser werden. In Hildesheim ist ein Kompetenzzentrum zur Qualität von Gottesdiensten und in Wittenberg ein weiteres zur Stärkung der evangelischen Predigtkultur geplant.
Nordwest-Zeitung vom 4. November
„Mehr Geld gegen Hunger nötig“
EKD-SYNODE Oldenburger Bischof mahnt zu mehr Solidarität mit den Armen
IN BREMEN NAHM JAN JANSSEN ERSTMALS AN DER KIRCHENKONFERENZ TEIL. ER WURDE ALS JÜNGSTES MITGLIED FREUNDLICH AUFGENOMMEN.
VON JÜRGEN WESTERHOFF
OLDENBURG/BREMEN - Zu mehr Solidarität mit armen und hungernden Menschen auf der Welt hat der Oldenburger Bischof Jan Janssen aufgerufen. Am Rande der bis Mittwoch in Bremen tagenden Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erinnerte Janssen im Gespräch mit dieser Zeitung daran, wie schnell es der Politik gelungen sei, ein milliardenschweres Finanzierungspaket zur Bewältigung der globalen Finanzkrise zu schnüren. In diesem Zusammenhang müsse die Frage gestellt werden, warum es nicht auch ein entsprechend wirksames Programm gegen die weltweite Hungerkrise gebe.
Die Zahl der Hungernden sei unter anderem wegen des knapper werdenden Wassers weltweit auf eine Milliarde angestiegen. Janssen: „Wir müssen aufpassen, dass das Schöpfungsgut Wasser nicht zu einem reinen Wirtschaftsgut verkommt.“
Janssen hatte bis Montag an der EKD-Synode teilgenommen. Dort wurde unter anderem ein Zehn-Punkte-Plan für mehr Umweltschutz vorbereitet. Darin wird auch ein dauerhafter Atomausstieg und ein Tempolimit gefordert. Im Vorgriff auf eine erwartete gesetzliche Regelung sollen evangelische Pastoren künftig freiwillig nicht schneller als Tempo 120 auf der Autobahn fahren.
Der Tag mit dem Schwerpunktthema „Klimawandel – Wasserwandel – Lebenswandel“ hatte mit einer Bibelarbeit des brasilianischen Kirchenpräsidenten Walter Altmann begonnen. Altmann betonte, es müsse einen „heiligen Zorn“ hervorrufen, wenn zur Bekämpfung der Armut und für den Klimaschutz nur zögerlich Gelder bereit gestellt würden.
Am Sonnabend hatte Oldenburgs Bischof Janssen erstmals an der Kirchenkonferenz der EKD teilgenommen – und war als jüngstes Mitglied des Leitungsgremiums besonders herzlich begrüßt worden. Janssen: „Das hat gut getan. Auch, weil es viel Solidarität angesichts unserer finanziellen Anlageverluste gegeben hat.“
Reutlinger General-Anzeiger vom 4. November
Forderungen der EKD-Synode
Auf ureigene Aufgabe setzen
VON BARBARA FORRO
Ein Tempolimit von 120 km/h auf den Autobahnen, den Ausstoß von Treibhausgasen verringern, Energien nachhaltig nutzen und aus der Atomkraft aussteigen: Nein, diese Forderungen stammen aktuell nicht von Greenpeace, sondern von der Evangelischen Kirche. Sie beruft sich dabei auf die Bewahrung der Schöpfung und fordert auf, auch in Zeiten einer weltweiten Finanzkrise den Klimawandel dennoch nicht hintenanzustellen.
Hatte das Wort der Kirche früher unangefochten Gewicht in der Gesellschaft, wird heute offenbar versucht, sich mit allen Mitteln Gehör zu verschaffen; seien es Video-Clips auf Youtube oder Forderungen, denen die Mehrheit wohl zustimmen mag. Wer ist schon gegen Umweltschutz? Es scheint ein fast schon verzweifelter Versuch, in der medialen Vielfalt wahrgenommen zu werden, indem man sich zu ebenfalls so vielen Themen wie möglich äußert.
In einer weltweiten Krise aber, während der Menschen um ihre Jobs bangen, Angst um ihr Erspartes oder vor einer drohenden Rezession haben, wäre es jedoch besser, wenn die Kirche auf ihre ureigene Aufgabe setzen würde: für soziale Gerechtigkeit einzutreten, für die Menschen und ihre Ängste ein offenes Ohr zu haben, sie zu beruhigen. Eine solch klare, unverschnörkelte Botschaft wird auch in Zeiten des medialen Überangebots gehört - wenn man sich nur auf seine Stärken besinnt.
Mannheimer Morgen vom 4. November
EKD-Synode: Dauerhafter Atomausstieg zum Schutz der Umwelt gefordert
Pfarrer sollen nur 120 fahren
Bremen. Angesichts der dramatischen Folgen des Klimawandels hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein konsequentes Handeln für den Schutz der Umwelt angemahnt. Auf ihrer Synode in Bremen bereitete die Kirche gestern einen Zehn-Punkte-Plan für mehr Umweltschutz vor. Gefordert werden unter anderem ein dauerhafter Atomausstieg und ein Tempolimit. Der Umweltappell richtet sich an Politik und Industrie, verlangt aber auch von der Kirchenorganisation konkrete Schritte. Zur Bewahrung der Schöpfung wird jeder Einzelne zu einem grundlegenden Lebenswandel mit einer Beschränkung des persönlichen Konsums aufgerufen.
Eindringlich beschreibt der kirchliche Resolutionsentwurf die Umweltzerstörung: "Die meisten von uns wissen: Der von Menschenhand mitverursachte Klimawandel bedroht alle Lebensgrundlagen." Die Folgen seien zunehmende Verteilungskonflikte um Böden, Wasser und Nahrung. Unter anderem wegen der knapper werdenden Ressource Wasser sei die Zahl der Hungernden weltweit auf über eine Milliarde angestiegen. Flüchtlingsströme und die Gefahr von Kriegen nehmen zu. "Von den Folgen des Klimawandels sind vornehmlich nicht die Verursacher, also die Industriestaaten, sondern insbesondere die armen Länder, vor allem in Afrika südlich der Sahara, betroffen."
Der Zehn-Punkte-Plan der Kirche verlangt von der Bundesregierung, am Atomausstieg wegen der ungelösten Endlagerproblematik festzuhalten. "Kernenergie ist kein verantwortlicher Beitrag zum Klimaschutz und behindert den notwendigen Umbau der Energieversorgung", heißt es. Dem Vertrieb der Atomtechnik solle weltweit eine Absage erteilt und der Ausstieg aus klimaschädlichen Energien vorangetrieben werden. Kirchenintern soll die "Grüner-Gockel"-Initiative zur Nutzung erneuerbarer Energien in Kirchengebäuden ausgebaut werden.
Mit Rad oder Bahn
Nach dem Willen der Kirche sollen Pastoren sich künftig freiwillig mit Tempo 120 auf der Autobahn begnügen - im Vorgriff auf ein generell gefordertes Geschwindigkeitslimit. Per Fahrrad oder Bahn sollen die Kirchenbeschäftigten im Übrigen dem Klimaschutz dienen. Ihr Umweltengagement sieht die EKD auch als Eintreten für die Schöpfung Gottes gerechtfertigt.
Allzu "blumig" und "in der Sprache matt und vorsichtig" klingt manchen Kirchenparlamentariern in Bremen der Resolutionsentwurf noch, bis zur Verabschiedung morgen werden weitere "klare Forderungen" verlangt.
Berliner Morgenpost vom 4. November
Evangelische Kirche fordert dauerhaften Atomausstieg
Angesichts der dramatischen Folgen des Klimawandels hat die Evangelische Kirche in Deutschland konsequentes Handeln für den Schutz der Umwelt angemahnt. Auf ihrer Synode in Bremen bereitete die Kirche gestern einen Zehn-Punkte- Plan für mehr Umweltschutz vor. Gefordert werden unter anderem ein dauerhafter Atomausstieg und ein Tempolimit.
Focus-Online vom 3. November
Klimawandel
Parallelen zwischen Finanzkrise und Klimawandel
Laut der Ehrenvorsitzenden des Naturschutzbundes BUND gibt es Parallelen zwischen der Finanzkrise und dem Klimawandel. So wie das wirtschaftliche Leben auf Pump zum Crash führt, so führt auch ökologisches Leben auf Pump in einen Crash. Deshalb forderte sie zu einem Umdenken auf um den Klimawandel, wie die Finanzkrise zu bekämpfen.
Einen „Kirchenwandel“ hat die Ehrenvorsitzende des Naturschutzbundes BUND, Angelika Zahrnt, von der Evangelischen Kirche verlangt. Auf der Jahrestagung der Synode in Bremen forderte sie am Montag eine umfassende Strategie für umweltbewusstes Handeln. Mit dem Wandel des Einzelnen sei es nicht getan, sagte Zahrnt, die zum Schwerpunktthema der Synode „Klimawandel, Wasserwandel, Lebenswandel“ eine Einführung gab.
Finanzkrise und Klimathematik hätten Gemeinsamkeiten, sagte die BUND-Ehrenvorsitzende. Wirtschaften auf Pump führe in den Finanzcrash. Die Menschen überzögen ihr ökologisches Konto, was zum Klimawandel führe. Anders als die Finanzprobleme lasse sich der Klimawandel aber auch mit Milliarden Euro nicht rückgängig machen. Nötig seien nun grundlegende Reformen.
Es sei richtig, gerade jetzt über Klimaschutz zu reden, „wo alle nur über die Wirtschaftskrise reden“, sagte Zahrnt. Dringende finanzielle Probleme dürften die wichtigsten ökologischen Probleme der Zeit nicht verdrängen. Sie betonte die Notwendigkeit, dass Maßnahmen wie das von der Bundesregierung geplante Konjunkturprogramm mit Anliegen des Klimaschutzes und mit sozialen Anliegen verbunden werden.
Die Synode ist das Kirchenparlament, das Angelegenheiten berät und beschließt, die die EKD betreffen. Die 117 Synodalen aus 23 Landeskirchen tagen bis zum (kommenden) Mittwoch in Bremen. Dann wollen sie eine Art Resolution zum Schwerpunktthema beschließen. Am (morgigen) Dienstag steht zunächst der Haushalt der EKD auf der Tagesordnung.
Schleswig-Holsteinische Zeitung vom 3. November
"Gerechtigkeit statt Habgier"
Von Bernjamin Lassiwe
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) verlangt Konsequenzen aus der Finanzkrise. Statt Habgier und "Vergötzung des Geldes" seien Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit gefordert, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber zum Auftakt der EKD-Synode in Bremen.
Ganz im Zeichen der weltweiten Finanzkrise steht die diesjährige Tagung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die gestern mit einem Gottesdienst im Bremer Dom eröffnet wurde. Während sich die Kirchenparlamentarier eigentlich das Thema "Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel" gegeben hatten, warnte der Ratsvorsitzende der EKD, Berlins Bischof Wolfgang Huber, in seinem Ratsbericht vor den Folgen eines "Lebens auf Pump". Im Bereich der Staatsfinanzen, der Energieressourcen und im Finanzwesen werde das Erbe künftiger Generationen verspielt.
"Wir halten die Frage, wie sich ein milliardenschwerer Schutzschild für die Banken zur Einsatzbereitschaft unserer Gesellschaft für Hartz-IV-Empfänger verhält, nicht für illegitim", so Huber. "Eine soziale Marktwirtschaft, die diesen Namen verdient, braucht politisch gewährleistete Rahmenbedingungen, die die soziale Verträglichkeit ebenso wie die ökologische Verträglichkeit wirtschaftlichen Handelns sicherstellen." An die Stelle einer Vergötzung des Geldes und der Gier nach Gewinn müsse soziale Gerechtigkeit treten. "Im rücksichtslosen Run auf die höchste Rendite haben sich inzwischen die Sicherungsseile gegenseitiger Kredite zu einem Strick verknotet, der Volkswirtschaften und Einzelexistenzen mit sich in die Tiefe reißt", sagte Huber.
"Gerade jetzt müssen wir die Verpflichtung dazu geltend machen, dass öffentliche Verantwortungsträger sich auch öffentlich ihrer Verantwortung stellen". Huber forderte zudem eine Begrenzung von Managergehältern. "Dass sich der Graben zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft wie weltweit vertieft, widerspricht der ethischen Orientierung des christlichen Glaubens."
Eine Gruppe pensionierter Theologen um die ehemaligen Professoren Ulrich Duchrow und Frank Crüsemann warf der EKD vor, in ihrer kürzlich veröffentlichten Denkschrift "Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive" eine "Anpassung an die herrschenden Mächte" und eine Unterstützung eines "neoliberalen Kapitalismus" betrieben zu haben.
Auf der Synode wurde diese Kritik von zahlreichen Delegierten erneuert. Sie forderten Synodale ein neues Nachdenken über die soziale Marktwirtschaft. "Es darf nicht wahr sein, dass die Filialleiterin einer Friseurkette in Berlin nur 6 Euro 50 pro Stunde erhält, und davon noch regelmäßig neue Kleider kaufen muss", sagte ein Delegierter. Und die SPD-Bundestagsabgeordnete und Synodale Kerstin Griese schlug den Delegierten vor, während der noch bis Mittwoch andauernden Tagung eine Resolution zur Finanzkrise zu verabschieden.
Heute wollen sich die Synodalen mit dem eigentlichen Schwerpunktthema Klimawandel auseinandersetzen.
Domradio Köln vom 3. November
Streitkultur
EKD-Synode wirft Huber „Kuschelkurs mit den Neoliberalen“ vor
"Mir ist warm geworden", bekennt Bischof Wolfgang Huber. Das bekundete Wohlgefühl hat gewiss auch mit der Hitze des Gefechts zu tun, in dem sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Sonntagabend in Bremen wiederfindet. Eingehend und ungewöhnlich heftig debattiert die EKD-Synode über die gegenwärtige Finanzmarktkrise und die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft - eine Auseinandersetzung, mit der sich die deutschen Protestanten in diesen Tagen in der Mitte der Gesellschaft wiederfinden.
Deutlicher Widerspruch regt sich in den Reihen des Kirchenparlaments dabei vor allem gegen die EKD-Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ vom Juli 2008. Das Papier sei zu unternehmerfreundlich, muss sich Ratschef Huber anhören, es verdecke nur mühsam die unterschiedlichen Auffassungen seiner Autoren. Vom „Kuschelkurs mit den Neoliberalen“ ist gar die Rede, der Kölner Synodale Uwe Becker geißelt das „Vokabular eines antiquierten Feudalismus“, der die Sorgen und Nöte der Arbeitnehmer nicht mehr im Blick habe.
Doch es wird noch schärfer. Die Ratserklärung habe ein schönes Reich-Gottes-Szenario ausgebreitet, bemerkt die Leipziger Jugenddelegierte Anna Maria Busch ironisch: „Da liegt der Löwe bei den Lämmern - schön wär's.“ Die Kirche mache sich vielmehr zum Anwalt eines „neoliberalen Kapitalismus“. Da platzt dem stellvertretenden EKD-Ratschef Christoph Kähler der Kragen: Er frage sich, so der Thüringer Bischof, ob Busch das Leipzig vor 1989 erlebt habe. Die junge Sächsin wiederum fühlt sich durch die Warnung vor „sozialistischen Experimenten“ gründlich missverstanden.
Obwohl der synodale Hitzespiegel nun auf das Niveau von Börsensälen zu steigen scheint, ist noch Platz für Gegenargumente, etwa dass die Denkschrift ja lange vor der Eskalation auf den Finanzmärkten entstanden sei - und dass man sie nur im Zusammenhang mit anderen EKD-Papieren sehen könne, etwa zur viel beachteten Armutsdenkschrift „Gerechte Teilhabe“ von 2006. Unterstützung findet Huber auch in Robert Leicht, der sonst nicht zu seinen besten Freunden zählt. Der Protestantismus habe sich mit Recht den Unternehmern zugewandt, so der „Zeit“-Journalist.
Der Ratschef hat indes noch an einer weiteren Fieberfront zu kämpfen: Ein Alleingang des EKD-Leitungsgremiums sei die Denkschrift gewesen, monieren zahlreiche Redner, die Synode sei düpiert worden.
Elisabeth Lingner nennt es „ein bisschen Basta-Politik“. Erst als ihr Kollege Hans-Peter Strenge mit geübtem norddeutschem Charme auf die Richtlinienkompetenz des Kirchenparlaments verweist, lockert sich die Stimmung etwas, und Huber gesteht zu: „Es ist unstrittig, dass auch die Synode im Namen unserer Kirche sprechen kann.“
Managergehälter, Mindestlöhne, Maß und Ziel in der Wirtschaft: Der Gesprächsstoff wird den 117 Delegierten aus den 23 Landeskirchen nicht ausgehen - auch wenn die am Mittwoch endende Bremer Tagung unter dem Motto „Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel“ und damit die christliche Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung im Zentrum der Beratung steht. Den Klimasturz, den die Wirtschaftsordnung im öffentlichen Bewusstsein erlebt, spontan zum Hauptthema zu machen, dafür will sich das Kirchenparlament dann doch nicht erwärmen.
Weser-Kurier vom 3. November
Andacht unter besonderem Schutz
Innenminister und hochrangige Kirchleute im Dom / 10. Synode mit Gottesdienst eröffnet
Von Rose Gerdts-Schiffler
BREMEN. Er hätte die Landesbischöfin Margot Käßmann auf dem Weg zum Dom nicht so aufdringlich angehen sollen: Ein Fan der bekannten Kirchenfrau zog gestern Morgen das Misstrauen der Sicherheitsleute beim Eröffnungs-Gottesdienst der 7. Tagung der 10. Synode der Evangelischen Kirche auf sich. Stück für Stück musste der Mann daraufhin den Inhalt seiner Umhängetaschen auf dem Boden ausbreiten.
Wohl selten hatten im Dom so viele Kameramänner und -frauen mit ihrer Ausrüstung Position bezogen. Auch der letzte Winkel des Doms schien durch die vielen Scheinwerfer ausgeleuchtet. "Waren die Decke und die Säulen schon immer so schön angemalt?", wollte eine ältere Dame verwundert von ihrem Nachbarn wissen. Dieser nickte. Selten waren aber auch zu einem Gottesdienst so viele Bewaffnete erschienen. Tatsächlich herrschte im und vor dem Dom aus Sicht der Polizei Ausnahmezustand. Grund war die Teilnahme eines Politikers, der zu den am meisten gefährdeten Menschen in Deutschland gehört - Innenminister Wolfgang Schäuble.
Wochenlang hatte sich die Bremer Polizei auf das Ereignis, an dem auch viele hochrangige Kirchenleute teilnahmen, vorbereitet. Als besonders prekär galt dabei der öffentliche Gottesdienst im Dom. Wollten die Organisatoren doch bewusst auf so unschöne Szenen verzichten, Gläubige auf dem Weg zur Andacht nach Waffen oder Sprengstoff abzusuchen. Dafür standen alle paar Meter Sicherheitsleute des Bundeskriminalamtes für den Fall der Fälle parat. Einige Personenschützer hielten sich auch im Gottesdienst immer direkt bei Schäuble auf. Auch die Bremer Polizei hatte trotz eines übervollen Wochenendes mit Freimarkt und Bundesligaspiel viele Kräfte aus der Kripo, der Schutzpolizei, der Bereitschaftspolizei und der Verkehrspolizei aufgefahren. Auch die Spezialeinsatzgruppe hielt sich bereit.
Margot Käßmann gab vor der Kirche Kurzinterviews. Sie hoffe, sagte die Landesbischöfin, dass von der Synode "ein kleiner Akzent" zu dem großen Thema Klimawandel ausgehen werde. Der aus Hannover angereiste Pastor Jan von Campenhausen wiederum wollte gern mit Worten zur Hoffnung und Zukunft der Kirche wieder nach Hause fahren. Für den ehemaligen Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche, Louis-Ferdinand von Zobeltitz, stellte der gestrige Eröffnungs-Gottesdienst eine Möglichkeit zur inneren Sammlung dar. "Auf einer Synode herrscht nämlich eher eine kongressähnliche Atmosphäre."
Dom-Predigerin Ingrid Witte warnte die Gemeindeglieder und Besucher, dass das letzte Lied wohl nur mit einer Strophe gesungen werden könne. "Alles hat seine Zeit", lautete passend das vom Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche Renke Brahms häufig bemühte Motiv in seiner Rede. Doch während Brahms die geistlichen und philosophischen Aspekte meinte, ging es der Pastorin um die engen Zeitvorgaben an diesem besonderen Tag.
Nicht alle hatten für die Einschränkungen Verständnis. Eine Bremerin, die etwas verspätet den Dom betreten hatte und von einem Beamten argwöhnisch kontrolliert worden war, schimpfte leise: "Was soll das hier ? Das ist schließlich meine Kirche."
Weser-Kurier vom 3. November
Staat soll einschreiten
BREMEN (DPA·ROG). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat Auswüchse des Wirtschaftssystems scharf kritisiert und ein Einschreiten des Staates gegen Gewinnmaximierung gefordert. Wirtschaftsbosse müssten in die ethische und rechtliche Verantwortung genommen werden; Politiker sollten für Rahmenbedingungen sorgen, die zerstörerisches Handeln aus Gewinnsucht wirksam verhinderten, sagte der EKD-Vorsitzende Wolfgang Huber zum Start der EKD-Synode gestern in Bremen.
Managergehälter müssten begrenzt werden, forderte Huber. Der Staat müsse sich die Frage gefallen lassen, wie sich ein milliardenschweres Schutzschild für die Banken zur Einsatzbereitschaft unserer Gesellschaft für Hartz IV-Empfänger verhalte. "Eine soziale Marktwirtschaft, die diesen Namen verdient, braucht politisch gewährleistete Rahmenbedingungen, welche die soziale Verträglichkeit ebenso wie die ökologische Verträglichkeit wirtschaftlichen Handelns sicherstellen."
Eine Woche vor dem nächsten Atommülltransport nach Gorleben bekräftigte die Evangelische Kirche ihre ablehnende Haltung zur Kernkraft. "Eine weitere Nutzung der Atomenergie bei gleichzeitigem Offenhalten der Endlagerproblematik ist kein Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung", erklärte der EKD-Chef. Die Kirche trete daher für die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien und Energiesparen ein. Schwerpunktthema der bis Mittwoch dauernden Synode ist der Klimawandel.
Für im Irak verfolgte Christen forderte Huber zügige Hilfe. Trotz der nötigen Abstimmung in der EU und zwischen den Bundesländern dürfe Hilfe zulasten von Flüchtlingen nicht weiter verschleppt werden, sagte Huber im Beisein von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU).
Der Staat sei darauf angewiesen, dass die Kirche sich in gesellschaftliche Diskussionen einbringe, erklärte Schäuble vor der Synode. Es sei wichtig, dass die Kirche sich nicht "in ein religiöses Ghetto zurückzieht". An die Adresse aller 16 Bundesländer sagte der Minister, dass es gut sei, Religionsunterricht an den staatlichen Schulen im Lehrplan zu haben. Muslime und Islamvertreter rief Schäuble auf, sich wie die Kirchen und das Judentum in die gesellschaftliche und politische Diskussion einzubringen.
Unter den wachsamen Augen zahlreicher Personenschützer und Polizisten hatte gestern Morgen der Eröffnungsgottesdienst zur 7. Tagung der 10. Synode im Dom begonnen. Unter den Besuchern war unter anderem Innenminister Schäuble. Ihm vor allem galten die hohen Sicherheitsvorkehrungen, dennoch mussten sich die Gläubigen keinen persönlichen Kontrollen unterziehen. Die Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann, drückte ihre Hoffnung aus, dass von der Synode ein Akzent ausgeht, der die Diskussionen um den Klimawandel verändern wird.
Die EKD-Synode hat 120 Mitglieder. Das Kirchenparlament arbeitet an einer Resolution zum Klimawandel und debattiert außerdem über den angelaufenen Reformprozess, mit dem die Kirche den schrumpfenden Finanzen und Mitgliederzahlen begegnen will.
Domradio Köln vom 3. November
„Heiliger Zorn“
EKD-Synode: Klimaschutz darf nicht am Geld scheitern
Die Sorge um den Schutz des Klimas beschäftigt die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Angesichts der internationalen Finanzspekulation müsse es einen "heiligen Zorn" hervorrufen, wenn nur zögernd und sehr wenig Gelder zur Bekämpfung von Armut und zum Klimaschutz zur Verfügung gestellt würden, sagte Präsident Walter Altmann von der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien am Montag vor dem Kirchenparlament in Bremen. Altmann stellte insbesondere einen engen Zusammenhang zwischen Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit sowie weltweitem Frieden heraus.
In dem Kirchenparlament wird über einen Resolutionsentwurf zum Schwerpunktthema „Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel“ beraten, der zehn konkrete Forderungen zur Bewahrung der Schöpfung enthält. In seiner Bibelarbeit kritisierte Kirchenpräsident Altmann vor den 120 EKD-Synodalen, unter dem ungehemmten Kapitalfluss der Finanzspekulation habe die Menschheit schmerzlich gelitten. Es bestehe die Gefahr, dass die Finanzkrise die Probleme des Klimawandels und der Konflikte um Wasser auf der Prioritätenskala weiter nach unten schöben. Damit könne sich die Kirche nicht abfinden. Die Folgen des Klimawandels auf die Biosphäre und Landwirtschaft würden von Experten höher eingestuft als die Kosten der Finanzkrise.
Konflikte um Wasser bedrohten schon heute den Frieden, warnte Altmann, der auch Vorsitzender des Zentralausschusses des Weltkirchenrates ist. Als Beispiel nannte er die Nahost-Region.
Zwischen Israelis und Palästinensern gebe es immer wieder Auseinandersetzungen um die knappen Wasserressourcen. Der Frieden in der Region sei gefährdet wegen der Wasserknappheit und der ungerechten Verteilung des Zugangs zum Wasser. Dass soziale und ökologische Gerechtigkeit untrennbar zusammengehörten, sei aber eine Lehre aus der Klimadebatte.
Bild vom 3. November
Evangelische Kirche fordert energisches Handeln gegen Klimawandel
Angesichts der dramatischen Folgen des Klimawandels hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) konsequentes Handeln für den Schutz der Umwelt angemahnt. Auf ihrer Synode in Bremen startete das Kirchenparlament eine Debatte über einen markanten Appell an Politik und Industrie. Unter anderem wegen der knapper werdenden Ressource Wasser sei die Zahl der Hungerndenweltweit auf über eine Milliarde angestiegen. Künftig drohten Kriege um die Verteilung der Lebensgrundlagen der Menschen. Zur Bewahrung der Schöpfung sei jeder einzelne zu einem grundlegenden Lebenswandel aufgerufen.
HAZ vom 3. November
Huber geißelt Schulden
Von Michael B. Berger
«Bremen. »Die aktuelle Finanzkrise hat auch den Beginn der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geprägt. Der Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber warnte eindringlich vor einer Fortsetzung des „Lebens auf Pump“. Die „dramatischen Folgen“ eines solchen Lebens sehe man etwa „in der Aufhäufung von Staatsschulden, die allein in Deutschland die Grenze von 1,5 Billionen Euro weit überschritten hat“, sagte Huber. Die aktuelle Finanzkrise bezeichnete der Bischof als „Jahrhundertkatastrophe“, der mit einem Neuaufbau „nachhaltiger“ Finanzmärkte begegnet werden müsse.
Nachhaltigkeit ist das Thema der Kirchenversammlung, die bis Mittwoch in Bremen unter dem Motto „Klima-, Wasser-, Lebenswandel“ tagt. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte im Grußwort der Bundesregierung, in der Finanzkrise habe sich das „Wolfsgesicht“ des Menschen gezeigt, dessen Gier nach immer größerem Reichtum die Grundlagen der Gesellschaft aushöhle. Schäuble beschrieb das Rettungspaket der Regierung als alternativlos. Huber bezeichnete die Frage als berechtigt, „wie sich ein milliardenschwerer Schutzschild für die Banken zur Einsatzbereitschaft unserer Gesellschaft für Hartz-IV-Empfänger verhält“. Nötig seien jetzt neue Rahmenbedingungen, „die derart zerstörerisches Handeln aus Gewinnsucht wirksam verhindern“.
Ein weiteres Beispiel für verantwortungslose Debatten sieht Huber in der angesichts des Klimawandels entfachten Frage, ob man nicht neue Kernkraftwerke brauche. „Für mich ist nicht nachvollziehbar, wie man diese Position vertreten will, ohne eine überzeugende Antwort auf die Endlagerfrage zu geben.“ Ein Beispiel für die ungelöste Endlagerfrage ist für Huber der Schacht Asse bei Wolfenbüttel, wo kontaminierte Salzlauge austritt und niemand „verlässlich sagen kann, woher die Lauge stammt“. Auch zum geplanten Atomendlager Gorleben gibt es nach Hubers Worten ungeklärte Fragen. Der Berliner Bischof sprach sich dafür aus, die Suche nach einem geeigneten Endlager für hochradioaktive Abfälle „national zu öffnen“, das heißt auf andere Bundesländer auszuweiten, und beim geplanten Atomausstieg zu bleiben. „Eine Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken löst nicht das Problem, sondern verschärft es, weil dadurch die Menge der radioaktiven Abfälle anwächst, die endgelagert werden müssen“, sagte Huber.
Einen Teil seiner Rede widmete der EKD-Ratsvorsitzende bedrängten Christen im Irak. In Mossul, der drittgrößten Stadt des Landes, gebe es derzeit regelrechte Tötungskampagnen. „Bestimmte Formen des politischen Schacherns vertragen sich nicht mit Eintreten für Humanität“, sagte Huber angesichts der Tatsache, dass sich bislang weder die Europäische Union noch die Bundesländer auf die Aufnahme von Flüchtlingskontingenten einigen konnten.
HAZ vom 3. November
Wohlfeil
EKD-Synode
In Zeiten der Finanzkrise klingen alte christliche Sinnsprüche wohlfeil, zumal die Bibel voll von Warnungen vor der Gewinnsucht oder der Habgier ist. Der Versuchung, der weltweiten Finanzkrise eine kleine geistlich-moralische Ertüchtigungspredigt hinterherzuschleudern, ist gestern auch Deutschlands erster Protestant, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, gefolgt. Dies fiel ihm umso leichter, als es in der evangelischen Kirche mitunter putzige Scharmützel über die Frage gibt, ob die Protestanten sich nicht schärfer mit dem Neoliberalismus auseinandersetzen müssten.
Solche wenig weiterführenden Systemdebatten flammten gestern Abend auch in Bremen auf – ein verstecktes Aufbegehren der Synodalen gegen den wort- und geistgewaltigen EKD-Ratsvorsitzenden Huber. Doch in der Finanzkrise ist die Kirche auch nicht klüger als andere Institutionen, was sich etwa am Missgeschick der Oldenburgischen Landeskirche zeigt, die gutgläubig gleich mehrere Millionen versenkte. Hierüber indes war in Bremen nichts zu hören.
Dass die Synode sich an Huber reibt, ist kein Wunder – zu sehr ragt der Bischof aus der Schar seiner „Mitbrüder und -schwestern“ heraus, zu klar artikuliert und auch begründet gibt er den Ton an. Überraschend deutlich hat Huber in Bremen den Kurs der EKD in der Frage pro oder kontra Kernenergie vorgegeben – eine der wenigen Fragen, in denen CDU und SPD im kommenden Bundestagswahlkampf wirklich über Kreuz liegen könnten. Michael B. Berger
FAZ vom 3. November
Huber verteidigt EKD-Papier zum Unternehmertum
Für die Aufnahme irakischer Christen / Synode in Bremen
bin. BREMEN, 2. November. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Berliner Bischof Wolfgang Huber, hat eine "quasireligiöse Leistungsideologie" und rücksichtslosen "Run auf die höchste Rendite" als Gründe der Turbulenzen auf den Finanzmärkten benannt. "Gier" habe den "Tanz um das Goldene Kalb" noch beschleunigt und die "Vergötzung des Geldes" verstärkt, sagte Huber am Sonntag zur Eröffnung der EKD-Synode in Bremen, die von diesem Sonntag an bis zum Mittwoch tagt.
Huber forderte die Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen, um "zerstörerisches Handeln aus Gewinnsucht" zu verhindern. Huber sprach sich aber gegen eine Begrenzung der Managerbezüge per Gesetz aus. Eine Begrenzung hatte der Leiter der bremischen Landeskirche, Brahms, am Morgen in seiner Eröffnungspredigt gefordert. Huber sagte, die Finanzkrise dürfe nicht dazu führen, dass man die rechtsstaatliche Ordnung außer Kraft setze, in der eine Gehaltsbegrenzung durch Gesetz nicht vorgesehen sei. Huber bekräftigte, dass er schon lange Augenmaß bei der Festsetzung von Managergehältern fordere. Sollten Unternehmen sich unter den staatlichen Rettungsschirm begeben, sei eine Gehaltsbegrenzung durch den Staat für diese Unternehmen aber richtig.
Der Ratsvorsitzende verteidigte die im Juli erschiene EKD-Denkschrift "Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive", die eine freiwillige Begrenzung der Spitzengehälter fordert. Das vor Zuspitzung der Finanzkrise veröffentlichte Papier war als wirtschaftsfreundlicher Kurswechsel der EKD aufgenommen worden und innerhalb der Kirche in die Kritik geraten - bis hin zu Aufforderungen zum Widerruf. Huber sagte, die Denkschrift sei "weitsichtiger, als die Kritiker denken, und auch weitsichtiger als diese selbst." In der Aussprache griffen Synodale das Papier abermals an. Es verleugne strukturelle Ungleichgewichte, fahre einen "Kuschelkurs mit dem neoliberalen Wirtschaftssystem" und nähre die Illusion, "der Löwe liege bei den Lämmern." Andere Synodale verteidigten die Denkschrift.
Abermals rief Huber Deutschland und die EU zur Aufnahme irakischer Flüchtlinge auf. Der Darlegung der irakischen Regierung, die Sicherheitslage der Christen habe sich gebessert, widersprächen Berichte über eine "Tötungskampagne" etwa in der Stadt Mossul, aus der in den letzten Wochen Tausende Christen hätten fliehen müssen. Durch Mord und Bedrohung werde der Irak systematisch von Christen entvölkert. Auch andere religiöse Minderheiten benötigten Hilfe; es gebe keine Zweifel, dass im Irak und weltweit - Huber nannte Indien und Iran - Christen zur Zeit mehr als alle anderen verfolgt würden. Huber sagte, er habe kein Verständnis dafür, dass an die Stelle notwendiger Abstimmung innerhalb der EU "politisches Schachern" getreten sei. So werde Hilfe verschleppt. Die Bundesregierung solle noch in diesem Jahr die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland auf den Weg bringen.
Welt vom 3. November
Im Chor der Mehrheit
Matthias Kamann
Beide großen Kirchen beweisen beim Umgang mit der gegenwärtigen Finanzkrise bemerkenswerte Besonnenheit. Obwohl es in der evangelischen wie der katholischen Kirche – übrigens vor allem bei den Älteren – durchaus christsozialistische Strömungen mit antikapitalistischen Neigungen gibt, halten die Kirchenleitungen an differenzierter Bewertung fest. Weder der führende katholische Sozialethiker, der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, noch der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber verstehen sich zur Verdammung des Unternehmertums oder der sozialen Marktwirtschaft. Umgekehrt hat Huber gestern auf der EKD-Synode in Bremen die im Frühjahr veröffentlichte EKD-Denkschrift zum Unternehmertum mit ihrem deutlichen Lob der Privatinitiative ausdrücklich gegen Kritik verteidigt.
Dass die Kirchen eine Regulierung der Finanzmärkte, solidarisches Wirtschaften und eine Begrenzung von Managergehältern fordern, versteht sich, ist aus ihrer Sicht nur konsequent und widerspricht im Übrigen auch kaum den Positionen der überwältigenden Mehrheit im Deutschen Bundestag. Die Kirchen stehen hier in der Mitte einer Gesellschaft, die bei aller Verunsicherung und Skepsis ja nicht daran denkt, die Marktwirtschaft über Bord zu werfen.
Gleichwohl sollten die Kirchen noch deutlicher als bisher machen, dass aus ihrer Botschaft nicht nur ein Reigen von Vorschriften resultiert, sondern auch und vor allem das Angebot zur Entspannung. Der Glaube gehört zu jenen Kräften, die Menschen darin bestärken, sich von überzogenen ökonomischen Erwartungen und Zwängen nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Das Christentum ist nicht antikapitalistisch, sondern gelassen gegenüber dem Kapitalismus, weil es nicht zu viel von ihm erwarten muss.
Welt vom 3. November
Kirche prangert Gier und Vergötzung des Geldes an
Von Matthias Kamann
Bremen - Vor "Gier" und einer "Vergötzung des Geldes" hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, angesichts der Finanzkrise gewarnt. Zu Beginn der diesjährigen EKD-Synode in Bremen sagte Huber, nach "dieser Jahrhundertkatastrophe" müssten die Finanzmärkte "aus dem Geist der Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit neu geordnet und gestaltet werden". Huber begrüßte die staatliche Forderung nach einer Begrenzung von Managergehältern bei jenen Firmen, die das Rettungspaket der Regierung in Anspruch nehmen, und erneuerte seinen Appell, dass auch die lebensfähigen Unternehmen "aus Gründen der Gerechtigkeit und der Verantwortung für ihre Mitarbeiter" Zuwächse bei Vorstandsbezügen von sich aus begrenzen sollten. Zudem halte die evangelische Kirche "die Frage nicht für illegitim, wie sich ein milliardenschwerer Schutzschild für die Banken zur Einsatzbereitschaft unserer Gesellschaft für Hartz-IV-Empfänger verhält".
Trotz seiner Schärfe im Ton blieb Huber in der Sache insofern moderat, als er sich Verstaatlichungsforderungen enthielt und die im Frühjahr veröffentlichte EKD-Denkschrift über "Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive" verteidigte. In dieser Denkschrift hatte die EKD bei aller Kritik an Regulierungsdefiziten - und Hellsicht für die Finanzmarktgefahren - das freie Wirtschaften risikobereiter Individuen begrüßt. An diesem Lob des Unternehmertums entzündete sich nach Ausbruch der Finanzkrise heftige Kritik zunächst im linkskatholischen Milieu, das dann evangelische Kreise ansteckte. Unter älteren Pfarrern und Theologieprofessoren kursiert ein Aufruf, in dem die EKD zum Widerruf jener Denkschrift aufgefordert wird. Dieser Kritik, über die auch auf dieser Synode debattiert werden dürfte, erteilte Huber eine klare Absage: "Wir sind fest davon überzeugt, dass unternehmerisches Handeln und individuelle Initiative durch nichts zu ersetzen sind." Ebenfalls moderat äußerte sich Huber in der Debatte über die Atomkraft. Zwar stellte er sich ausdrücklich hinter frühere Synoden-Beschlüsse, am Atomausstieg festzuhalten, was er vor allem mit der Endlagerfrage begründete, doch verstand er sich nicht dazu, ein schnelleres oder sofortiges Abschalten der Atomkraftwerke zu fordern. Im Übrigen bekräftigte Huber, dass das diesjährige Synoden-Thema - Klimaschutz - nicht als zweitrangig gegenüber aktuellen ökonomischen Problemen gesehen werden dürfe.
Die Synode, die in dieser Zusammensetzung zum letzten Mal tagt, dauert noch bis Mittwoch. Im kommenden Mai konstituiert sich dann eine neue EKD-Synode, die im November 2009 den Ratsvorsitzenden neu wählen wird.
FR vom 3. November
Bischof Wolfgang Huber
Tanz ums Goldene Kalb
VON ECKHARD STENGEL
Bremen. Angesichts der Finanzkrise hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, die "Gier nach Geld" kritisiert. Bei der Eröffnung der EKD-Synode am Sonntag in Bremen verlangte Huber wirksame Rahmenbedingungen gegen ein "zerstörerisches Handeln aus Gewinnsucht".
Den Investmentbankern warf Huber vor, ihre Gier nach Geld habe den "Tanz um das Goldene Kalb" beschleunigt. Die Kirche sei den Armen verpflichtet. Es sei legitim zu fragen, wie sich der Milliarden-Schutzschild für Banken "zur Einsatzbereitschaft unserer Gesellschaft für Hartz-IV-Empfänger verhält".
Auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), Gast beim Kirchenparlament, kritisierte, die "Gier nach immer größerem Reichtum" höhle die Basis menschlichen Zusammenlebens aus und erfordere "regelnde und ausgleichende Mechanismen".
Vor der Presse plädierte der Bischof erneut dafür, Managergehälter zu begrenzen. Huber widersprach aber der Forderung kircheninterner Kritiker, die EKD-Denkschrift vom Juli über "Unternehmerisches Handeln" zu widerrufen. Die Kritiker werfen der EKD vor, den "neoliberalen Kapitalismus" zu legitimieren und als Soziale Marktwirtschaft zu beschönigen. Huber sagte dazu, Unternehmer-Initiative sei durch nichts zu ersetzen, müsse allerdings reguliert und sozial eingebettet werden. Ihm fehle "jedes Verständnis" dafür, dass die Kritiker das Papier nicht im nötigen Zusammenhang mit einer EKD-Denkschrift über gerechte Teilhabe sähen.
Der Bischof rügte, dass sich der Militäreinsatz in Afghanistan zu lange nur auf Terror-Abwehr konzentriert habe und der zivile Aufbau dahinter zurückgetreten sei. Dennoch gebe es hier manche Fortschritte; deshalb dürfe sich die internationale Gemeinschaft nicht kurzfristig zurückziehen.
Wegen der Morde und Vertreibung von Christen im Irak appellierte Huber an die Bundesregierung, noch 2008 ein Programm zur Aufnahme irakischer Flüchtlinge auf den Weg zu bringen. Die Hilfe dürfe nicht weiter verschleppt werden. "Bestimmte Formen des politischen Schacherns vertragen sich nicht mit dem Eintreten für Humanität." Bei Asylverfahren für Iraner sei zu berücksichtigen, dass ihnen bei Abkehr vom Islam der Tod drohe.
Der Themenschwerpunkt der Tagung liegt auf "Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel". Dazu will die Synode am Mittwoch eine "Kundgebung" für einen besseren Schutz der Schöpfung verabschieden. Huber wandte sich gegen längere Atomreaktor-Laufzeiten: Dadurch werde noch mehr Abfall erzeugt, deren Entsorgung ungeklärt sei. Die Endlager-Suche dürfe sich nicht auf Gorleben beschränken.
SZ vom 3. November
"Kirche stützt Kapitalismus"
Theologen fordern Rücknahme von EKD-Denkschrift
Von Matthias Drobinski
Bremen - Die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) streitet über ihre Haltung zum Kapitalismus und zur sozialen Marktwirtschaft. Zu Beginn der EKD-Synode, der Tagung des Kirchenparlaments in Bremen, forderte eine Gruppe um den Heidelberger Theologieprofessor Ulrich Duchrow, die Rücknahme der im Juli veröffentlichten Denkschrift "Unternehmerisches Handeln aus evangelischer Perspektive"; sie demonstrierten für dieses Anliegen vor dem Bremer Dom. Die Schrift legitimiere den "neoliberalen Kapitalismus", die evangelische Kirche stehe damit nicht mehr an der Seite "der vom herrschenden System ausgeschlossenen und verarmten Weltbevölkerung". Mehrere Delegierte schlossen sich der Kritik an. Der EKD-Ratsvorsitzende und Berliner Bischof Wolfgang Huber widersprach dem: Der Text habe "geradezu prophetisch" die weltweite Spekulation kritisiert, sich aber für eine soziale Marktwirtschaft ausgesprochen, nicht für eine Planwirtschaft.
Huber, der in den achtziger Jahren in Heidelberg Professor für Sozialethik war, fordert eine Neuordnung der Finanzmärkte nach der "Jahrhundertkatastrophe", wie die EKD die weltweite Finanzkrise nennt. "Es ist Zeit dafür, den selbstgemachten Götzen den Abschied zu geben", sagte er zum Auftakt der Synode. Der "Abschied von der Vergötzung des Geldes" befreie den Menschen. Er kritisierte ein "an kurzfristiger Renditemaximierung orientiertes Verhalten"; für Christen seien "Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit entscheidende Maßstäbe". Der Ratsvorsitzende warnte vor einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, vor einer steigenden Staatsverschuldung, vor dem übermäßigen Verbrauch von Rohstoffen und Energie und vor einem Finanzwesen, das auf Kosten künftiger Generationen funktioniere. Vor Journalisten trat er für die Begrenzung der Managergehälter ein. Dies könne der Staat aber nur Unternehmern verordnen, die sich unter seinen Rettungsschirm stellten.
In einem Grußwort an die 120 Kirchenparlamentarier ging auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf die Finanzkrise ein. "Ungezügelter Ehrgeiz wie ungezügelter Erwerbstrieb und die Gier nach immer größerem Reichtum höhlen die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens aus", sagte er. Schäuble plädierte zudem dafür, die in Deutschland lebenden Muslime besser zu integrieren. Sie müssten sich "in und mit ihrer eigenen Religion positiv in unser Zusammenleben einbringen" können. Christen und Muslime sollten gemeinsam für einen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach eintreten. In Berlin wird derzeit um diese Frage heftig gestritten.
An diesem Montag wird sich die Synode, die noch bis Mittwoch tagt, mit dem Klimaschutz befassen. Huber sprach sich in seinem Bericht gegen eine Renaissance der Kernenergie aus, solange die Frage der Endlagerung nicht gelöst sei. Ein Thema wird auch die Lage der verfolgten Christen im Irak und in Indien sein. Die Tagung in Bremen ist die letzte des Kirchenparlaments, im Mai wird eine neue Synode gewählt. Die wird im November 2009 einen Nachfolger des Ratsvorsitzenden Huber wählen.
TAZ vom 3. November
Synode der EKD tagt in Bremen
Bischöfe fordern Konsequenzen aus der Finanzkrise und ein Ende der "Vergötzung des Geldes"
Die aktuelle Debatte um Auswege aus der weltweiten Finanzmarktkrise hat den Beginn der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Sonntag in Bremen beherrscht. Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber sprach von einer "Jahrhundertkatastrophe" und verlangte Konsequenzen. Der leitende Geistliche der Bremischen Evangelischen Kirche, Renke Brahms, forderte, die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen und die Managergehälter sollten "auf der bisher nach oben offenen Euro-Skala" begrenzt werden.
Der Berliner Bischof Huber verlangte in seinem Bericht vor dem bis Mittwoch tagenden Kirchenparlament, die Finanzmärkte müssten anhand der Maßstäbe Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit neu geordnet werden. Huber rief dazu auf, sich von der "Vergötzung des Geldes" zu verabschieden und eine "quasi-religiöse Leistungsideologie" zu überwinden.
Der Bremer Pastor Brahms sagte in seiner Predigt beim Eröffnungsgottesdienst, verzockt würde Milliarden, "die wir doch viel dringender brauchen für die enormen Herausforderungen durch Armut und Klimawandel, um Menschen einen gerechten Zugang zu sauberem Wasser und damit zum Überleben zu gewährleisten".
Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) mahnte in seinem Grußwort zum engagierten Kampf gegen den Klimawandel, das Leitthema der Synode. Es gehe um das Überleben der Menschheit, sagte er. Bei existenziellen Herausforderungen seien die Kirchen wie die Religionen überhaupt "notwendige Mahner und Begleiter".
Tagesspiegel vom 3. November
Finanzkrise
"Abkehr vom Leben auf Pump"
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, kritisiert Vergötzung des Geldes. Wenn Manager ire Gehälter nicht von sich aus begrenzen, sollte der Staat sie zwingen, so Huber.
Von Claudia Keller
Bremen – Bischof Wolfgang Huber fand am Sonntag klare Worte. „Ein Unternehmen, das staatliche Kredite, also das Geld der Steuerzahler, in Anspruch nimmt, muss eine Obergrenze für seine Spitzenverdiener festlegen“, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EDK) bei der Eröffnung der Synode, der jährlichen Tagung des obersten Kirchenparlaments, am Sonntag in Bremen. Um zu zeigen, dass sie ein Gerechtigkeitsempfinden haben, wären Unternehmen gut beraten, wenn sie ihre Managergehälter von sich aus begrenzen würden. Wenn nicht, müsse der Staat sie notfalls dazu zwingen. Huber stellte auch die Verhältnismäßigkeit des staatlichen Hilfspakets in Zweifel. Er halte „die Frage, wie sich ein milliardenschwerer Schutzschild für die Banken zur Einsatzbereitschaft unserer Gesellschaft für Hartz-IV- Empfänger verhält, nicht für illegitim“.
Statt „Leistungsreligion“ und „Vergötzung des Geldes“ forderte Huber „Einsatzbereitschaft mit Augenmaß“ und die „Abkehr von einem Leben auf Pump“. Dies bedeute Verringerung der Staatsschulden, nachhaltige Wachstumsraten und nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen. Einigen Synodalen ging das nicht weit genug. Sie riefen zusammen mit dem Heidelberger Theologieprofessor Ulrich Duchrow die EKD auf, ihre im Juli veröffentlichte Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ zurückzunehmen, da die Schrift „die sozio-ökonomische Realität in Deutschland beschönigt“ und den „neoliberalen Kapitalismus legitimiert“. Huber verteidigte die Schrift. Unternehmerisches Handeln eröffne auch Chancen, schließlich würden die Unternehmer Arbeitsplätze schaffen.
Auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), ein bekennender Protestant, ging in seinem Grußwort auf die Finanzkrise ein: „Ungezügelter Ehrgeiz, ungezügelter Erwerbstrieb und die Gier nach immer größerem Reichtum tragen nicht zum Gemeinwohl bei, sondern höhlen die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens aus.“ Deshalb brauche es „regelnde und ausgleichende Mechanismen“. Diese einzusetzen, sei Aufgabe der Politik. Schäuble ging auch auf die Integration der Muslime in Deutschland ein und mahnte, „dass wir Unterschiede ertragen müssen“. Ziel von Integration dürfe keine „Einheitssoße“ sein. Es reiche auch nicht, dass die hier lebenden Muslime die Möglichkeiten politischer Partizipation besäßen. Man müsse erreichen, dass sie sich mit ihrer Religion „positiv in unser Zusammenleben einbringen“. Das sei „bislang noch zu wenig geschehen“. Schäuble regte an, dass sich etwa in Berlin Christen und Muslime gemeinsam an der Initiative „pro Reli“ beteiligen könnten. Sie kämpft mit einem Volksbegehren für ein ordentliches Religionsfach an Berlins Schulen. Schäuble unterstützt die Initiative.
Der Bundesinnenminister und Gastgeber der Islamkonferenz erinnerte auch daran, dass Minderheiten in der deutschen Gesellschaft Rechte hätten. Aber auch die Mehrheit dürfe Ansprüche erheben, an die sich die Minderheiten halten müssten.
Die 117 Synodalen der evangelischen Kirche tagen noch bis Mittwoch. Im Mittelpunkt des Treffens steht das Thema „Klimawandel – Wasserwandel – Lebenswandel“.
Tagesspiegel vom 3. November
Finanzkrise
Kirche fordert staatliches Eingreifen gegen Geldgier
Die andauernde Finanzkrise beschäftigt nun auch die Evangelische Kirche: Statt der Vergötzung des Geldes und der Gier nach Gewinn müsse wieder soziale Gerechtigkeit im Vordergrund stehen, fordert Bischof Wolfgang Huber. Er sieht den Staat in der Pflicht.
Bremen - "Eine soziale Marktwirtschaft, die diesen Namen verdient, braucht politisch gewährleistete Rahmenbedingungen, welche die soziale Verträglichkeit ebenso wie die ökologische Verträglichkeit wirtschaftlichen Handelns sicherstellen," erklärte der Chef der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD), Bischof Huber, zum Start der EKD-Synode in Bremen. Die Wirtschaftsbosse müssten in die ethische und rechtliche Verantwortung genommen werden und die Politiker für Rahmenbedingungen sorgen, die zerstörerisches Handeln aus Gewinnsucht wirksam verhinderten. "In einem gnadenlosen Wettbewerb um die besten Quartalszahlen und innerhalb eines Systems von Bonuszahlungen für höchste anstatt für nachhaltige Wachstumsraten tritt jedoch jede weiter reichende Verantwortung zurück", stellte Huber fest. "Dabei kann es nicht bleiben." Der Staat müsse sich die Frage gefallen lassen, wie sich ein milliardenschweres Schutzschild für die Banken zur Einsatzbereitschaft unserer Gesellschaft für Hartz IV-Empfänger verhalte.
Schwerpunktthema des bis Mittwoch dauernden wichtigsten Jahrestreffens der Protestanten ist der Klimawandel. "Eine weitere Nutzung der Atomenergie bei gleichzeitigem Offenhalten der Endlagerproblematik ist kein Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung", erklärte der EKD-Chef. "Eine Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken löst nicht das Problem, sondern verschärft es, weil dadurch die Menge der radioaktiven Abfälle, die endgelagert werden müssen, weiter anwächst." Die Kirche trete daher für die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien und das Energiesparen ein.
Schäuble: Religionsunterricht an Schulen ist wichtig
Zum Start der EKD-Synode erklärte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), der Staat sei darauf angewiesen, dass die Kirche sich in gesellschaftliche Diskussionen einbringe. Es sei wichtig, dass die Kirche sich nicht "in ein religiöses Ghetto zurückzieht". An die Adresse aller 16 Bundesländer sagte der Minister, dass es gut sei, Religionsunterricht an den staatlichen Schulen im Lehrplan zu haben. Muslime und Islamvertreter rief Schäuble auf, sich wie die Kirchen und das Judentum in die gesellschaftliche und politische Diskussion einzubringen.
Die EKD-Synode hat 120 Mitglieder, die die 23 Landeskirchen mit mehr als 25 Millionen Gläubigen in Deutschland vertreten. Die Synode startete am Sonntag mit einem Gottesdienst im Bremer St. Petri-Dom. Das Kirchenparlament hat eine Resolution zum Klimawandel in Arbeit, in der zu entschlossenem Handeln aufgerufen werden soll. Die Synode debattiert außerdem über den angelaufenen Reformprozess, mit dem die Kirche den schrumpfenden Finanzen und Mitgliederzahlen begegnen will.
Nordwest-Zeitung vom 3. November
Kirche in Sorge um Afghanistan
EKD-SYNODE Bischof Huber vermisst zivilen Aufbau – Kritik an Finanzsystem
BREMEN - Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, hat sich kritisch zum deutschen Afghanistan-Engagement geäußert. „Wir begleiten den Einsatz von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan mit großer, ja auch mit wachsender Sorge“, sagte Huber am Sonntag in Bremen bei der Vorstellung des Jahresberichts des Rates vor der Synode der EKD.
Der Militäreinsatz sei zu lange nur an der Abwehr des Terrorismus ausgerichtet gewesen, der zivile Wiederaufbau, die Reformen bei der Regierungsführung und Rechtsstaatlichkeit seien dahinter zurückgetreten, sagte Huber. In der Folge sei ein Ende dieses Einsatzes unabsehbar. Huber dankte der Seelsorge in der Bundeswehr für die Weise, wie sie in dieser schwierigen Situation ihre Aufgabe wahrnehme.
Breiten Raum nehmen auf der Synode die Debatten um Konsequenzen aus der weltweiten Finanzmarktkrise ein. Statt Habgier und „Vergötzung des Geldes“ seien Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit gefordert, sagte Huber. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte in einem Grußwort vor den 120 Synodalen, ungezügelter Ehrgeiz und die Gier nach immer größerem Reichtum trügen „letztlich nicht mehr zum Gemeinwohl bei, sondern höhlen die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens aus“. Deshalb müsse der Staat regelnd und ausgleichend eingreifen.
Unter Bezug auf das Bibelwort „Hütet euch vor der Habgier“ rief Bischof Huber dazu auf, sich von der „Vergötzung des Geldes“ zu verabschieden und eine „quasi-religiöse Leistungsideologie“ zu überwinden. Er warnte vor den dramatischen Folgen eines „Lebens auf Pump“. Diese Lebensform häufe Schulden für kommende Generationen auf und verbrauche Rohstoffe und Energie auf Kosten der Kinder und Enkel. Stattdessen müssten Verantwortlichkeit und Nachhaltigkeit das Handeln bestimmen, empfahl der Theologe.
Um zerstörerisches Handeln aus Gewinnsucht zu verhindern, müssten die Wirtschaftsakteure in die Verantwortung genommen werden und die Politik für rechtliche und politische Rahmenbedingungen, sagte der Berliner Bischof. Der EKD-Repräsentant erinnerte daran, dass Kirche der Option für die Armen verpflichtet sei. Die Stärke eines Gemeinwesens messe sich daran, wie es sich zu seinen schwächsten Mitgliedern verhalte. Deshalb sei die Frage, „wie sich ein milliardenschwerer Schutzschild für die Banken“ zur Einsatzbereitschaft der Gesellschaft für Hartz-IV-Empfänger verhalte durchaus berechtigt, ergänzte Huber.
Der leitende Geistliche der Bremischen Evangelischen Kirche, Renke Brahms, forderte, die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen und die Managergehälter sollten „auf der bisher nach oben offenen Euro-Skala“ begrenzt werden. In seiner Predigt im Eröffnungsgottesdienst beklagte Brahms, verzockt würden Milliarden, „die wir doch viel dringender brauchen für die enormen Herausforderungen durch Armut und Klimawandel, um Menschen einen gerechten Zugang zu sauberem Wasser und damit zum Überleben zu gewährleisten“. Er rief dazu auf, jeder sollte sich mit seiner eigenen „Schnäppchenjägermentalität“ und „Gier nach Mehr und vergänglichem Gewinn“ selbst prüfen.
Fuldaer Zeitung vom 3. November
Die Kirche und das Kapital - Die moralische Autorität
Seit Wochen wird über die Finanzkrise, die Gier von Managern, die Jagd nach immer höheren Renditen bei Unternehmen, Banken und Anlegern debattiert. Tonangebend waren Ökonomen und die Politik. Die Kirchen, mag man glauben, haben in der Welt der harten Währung nichts zu melden. Doch das ist ein Irrglaube.
Es ist ein ureigenes Anliegen der Kirchen, das Kapital im Blick zu haben. Denn wenn es um die Wirtschaft geht, dann geht es immer auch um eines der großen Kirchenthemen: Dann geht es immer auch um die soziale Frage. Dann geht es um die Menschen, die das Kapital an den Rand drängt.
Die Kirchen haben in dieser Frage inzwischen eine gute Tradition begründet. Sie waren es, die in den 90er-Jahren mit ihrer Schrift zur sozialen Lage erstmals die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich öffentlich angeklagt haben. Und es war die kirchliche Caritas, die den ersten Armutsbericht vorlegte - zu einer Zeit, als die Regierung das noch für überflüssig hielt. Es waren also die Kirchen, die wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Lebensbedingungen der Benachteiligten zu einem Bestandteil der öffentlichen Debatte wurde.
Dass sie sich jetzt so massiv in die Diskussion um die Finanzkrise einschalten, gehört in diese Tradition. Das gilt für den Erzbischof von München, Reinhard Marx, mit seinem Buch "Das Kapital. Ein Plädoyer für den Menschen" ebenso wie für den EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber vor der Synode in Bremen. Ihre Beiträge sind wichtig - weil die Kirchen immer noch die einzigen sind, die trotz Säkularisierung und trotz ihres insgesamt geschrumpften Einflusses die moralische Autorität besitzen, ethische Maßstäbe in der Wirtschaft und nachhaltiges Wirtschaften einzufordern.
Das war längst nicht immer so in der Kirchengeschichte. Viel zu lange stand der Klerus in vergangenen Jahrhunderten auf der Seite der Herrschenden. Und gerade der Protestantismus in der Tradition von Johannes Calvin musste sich den Vorwurf gefallen lassen, er begünstige mit seiner strengen Pflichterfüllung erst jenes Arbeitsethos, das die Grundlage für das Gewinnstreben im Kapitalismus ist.
Das Verhältnis zwischen Kapital und Kirche war also immer spannungsreich. Bewegt hat das bekanntlich schon Jesus. Von ihm stammt das Gleichnis vom Kamel, das eher durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Die Kirchen versuchen gerade, es dem ein oder anderen Manager ins Bewusstsein zu rufen.
Lausitzer Rundschau vom 3. November
Finanzmarktkrise dominiert Auftakt der EKD-Synode Deutliche Worte
Cottbus - Es waren deutliche Sätze, mit denen sich der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, auf der EKD-Synode zu Wort meldete. Angesichts der weltweiten Finanzkrise forderte er einen "Abschied von der Vergötzung des Geldes" und mehr Verantwortung und nachhaltiges Handeln in der Wirtschaft. Einmal mehr hat der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz damit die rechten Worte in einer Zeit gefunden, in der auch die Menschen in der Lausitz angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise verunsichert, beunruhigt und besorgt sind. Freilich, manchen geht das nicht weit genug: Eine Gruppe Theologen um den notorischen Kapitalismuskritiker und Alt-68er Ulrich Duchrow wirft der EKD vor, sich mit ihrer Unterstützung der sozialen Marktwirtschaft in Wirklichkeit für einen "neoliberalen Kapitalismus" einzusetzen, und "den herrschenden Mächten in Wirtschaft und Politik" nach dem Mund zu reden. Doch glücklicherweise sind diese Stimmen auch in der Evangelischen Kirche mittlerweile in der Minderheit. Denn wollen die Protestanten in der Öffentlichkeit gehört werden, und wollen sie mit ihren Positionen die Wirtschaftswelt verändern, ist für romantisierende Ideologien von Vorgestern kein Platz mehr da.
WAZ vom 3. November
Finanzkrise
Evangelische Kirche prangert Geld-Gier an
Angelika Wölk
Bremen. Die Finanzkrise bewegt auch die Evangelische Kirche in Deutschland thematisch. Ein Positionspapier, dass sich kritisch mit dem Handeln von Investmentbankern auseinandersetzt, ist einer Gruppe von Protestanten aber immer noch nicht deutlich genug.
Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat sich ein großes Schwerpunktthema gewählt: den Klimaschutz. Doch die Synodalen bewegte in Bremen zunächst ein anderes Thema: Die Finanzkrise und wie die EKD sich da präsentiert. Der Ratsvorsitzende der EKD, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, fand für das Geldthema zwar sehr klare Worte. Einige Synodale sind aber trotzdem nicht zufrieden. Sie kritisieren eine EKD-Denkschrift zum „unternehmerischen Handeln” als zu unternehmerfreundlich.
Die Schrift stelle die Auswüchse als Versagen Einzelner dar; sie beschreibe eine Vision von der sozialen Marktwirtschaft. „In Wirklichkeit leben wir aber im neo-liberalen Kapitalismus”, warf eine Synodale den Autoren vor. Die Kritiker sammeln nun Unterschriften gegen das Papier. Ob sie Erfolg haben, wird sich morgen zeigen.
"Tanz ums Goldene Kalb"
Doch was Huber über die Auswüchse in der Bankenwelt sagte, dürfte auch den Kritikern gefallen haben. Zum Auftakt der Synode prangerte er die Gier nach Geld scharf an. In Anspielung auf ein Bild aus der Bibel, das für den Abfall vom wahren Glauben steht, sprach er von einem rasanten „Tanz ums Goldene Kalb” der Investmentbanker. „Die Herren des Universums” hätten ihr eigenes Gebäude zum Einsturz gebracht. Huber forderte, dass diejenigen, die die Krise verursacht haben, sich öffentlich ihrer Verantwortung stellen.
Eindringlich mahnte er zum nachhaltigen Wirtschaften und zu einer nachhaltigen Politik. „In drei Bereichen sehen wir die dramatischen Folgen eines Lebens auf Pump”, so Huber: in der Anhäufung von Staatsschulden, im Verbrauch von Rohstoffen und im Finanzwesen. Das Leben auf Pump „verspielt bereits jetzt das Erbe einer zukünftigen Generation”, kritisierte er.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) lobte die Kirche in seinem Grußwort ausdrücklich dafür, dass sie sich in die gesellschaftspolitischen Debatten einmischt. Der Protestant Schäuble appellierte auch an Muslime, sich stärker einzuschalten „in der Weise, wie wir das von den Vertretern der Kirchen und des Judentums gewohnt sind”.
WAZ vom 3. November
Die Kirche und das Kapital
Die moralische Autorität.
Leitartikel von Angelika Wölk
Essen - Seit Wochen wird über die Finanzkrise, die Gier von Managern, die Jagd nach immer höheren Renditen bei Unternehmen, Banken und Anlegern debattiert. Tonangebend waren Ökonomen und die Politik. Die Kirchen, mag man glauben, haben in der Welt der harten Währung nichts zu melden. Doch das ist ein Irrglaube. Es ist ein ureigenes Anliegen der Kirchen, das Kapital im Blick zu haben. Denn wenn es um die Wirtschaft geht, dann geht es immer auch um eines der großen Kirchenthemen: Dann geht es immer auch um die soziale Frage. Dann geht es um die Menschen, die das Kapital an den Rand drängt.
Die Kirchen haben in dieser Frage inzwischen eine gute Tradition begründet. Sie waren es, die in den 90er-Jahren mit ihrer Schrift zur sozialen Lage erstmals die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich öffentlich angeklagt haben. Und es war die kirchliche Caritas, die den ersten Armutsbericht vorlegte - zu einer Zeit, als die Regierung das noch für überflüssig hielt. Es waren also die Kirchen, die wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Lebensbedingungen der Benachteiligten zu einem Bestandteil der öffentlichen Debatte wurde.
Dass sie sich jetzt so massiv in die Diskussion um die Finanzkrise einschalten, gehört in diese Tradition. Das gilt für den Erzbischof von München, Reinhard Marx, mit seinem Buch "Das Kapital. Ein Plädoyer für den Menschen" ebenso wie für den EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber vor der Synode in Bremen. Ihre Beiträge sind wichtig - weil die Kirchen immer noch die einzigen sind, die trotz Säkularisierung und trotz ihres insgesamt geschrumpften Einflusses die moralische Autorität besitzen, ethische Maßstäbe in der Wirtschaft und nachhaltiges Wirtschaften einzufordern.
Das war längst nicht immer so in der Kirchengeschichte. Viel zu lange stand der Klerus in vergangenen Jahrhunderten auf der Seite der Herrschenden. Und gerade der Protestantismus in der Tradition von Johannes Calvin musste sich den Vorwurf gefallen lassen, er begünstige mit seiner strengen Pflichterfüllung erst jenes Arbeitsethos, das die Grundlage für das Gewinnstreben im Kapitalismus ist.
Das Verhältnis zwischen Kapital und Kirche war also immer spannungsreich. Bewegt hat das bekanntlich schon Jesus. Von ihm stammt das Gleichnis vom Kamel, das eher durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Die Kirchen versuchen gerade, es dem ein oder anderen Manager ins Bewusstsein zu rufen.
Badische Zeitung vom 3. November
Kirche und Politik rügen Gier nach Geld
BREMEN. Die "Gier nach Geld" haben beide angeprangert: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber. Sie sprachen am Sonntag zur Eröffnung der EKD-Synode, die bis Mitte der Woche in Bremen ihre Jahrestagung abhält. Schäuble sagte vor den 120 Mitgliedern des Kirchenparlaments, der " ungezügelte Erwerbstrieb und die Gier nach immer größerem Reichtum" höhlten die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens aus und erforderten regelnde und ausgleichende Mechanismen. Ähnlich wie Schäuble forderte Bischof Huber neue Rahmenbedingungen, die ein " zerstörerisches Handeln aus Gewinnsucht wirksam verhindern". Er warf Investmentbankern vor, ihre Gier nach Geld hätte den Tanz um das Goldene Kalb beschleunigt. Huber wörtlich: "Im rücksichtslosen Run auf die höchste Rendite haben sich inzwischen die Sicherungsseile gegenseitiger Kredite zu einem Strick verknotet, der Volkswirtschaften und Einzelexistenzen mit sich in die Tiefe reißt."
Die Kirche sei dagegen den Armen verpflichtet. Es sei legitim zu fragen, " wie sich ein milliardenschwerer Schutzschild für die Banken zur Einsatzbereitschaft unserer Gesellschaft für Hartz-IV-Empfänger verhält". Vor Journalisten plädierte der Berliner Bischof erneut dafür, Managergehälter zu begrenzen. Er widersprach aber der Forderung kircheninterner Kritiker, die im Juli verkündete EKD-Denkschrift über "Unternehmerisches Handeln" zu widerrufen, weil darin der reale neoliberale Kapitalismus legitimiert und als soziale Marktwirtschaft beschönigt werde. Huber sagte dazu, unternehmerische Initiative sei durch nichts zu ersetzen, müsse allerdings reguliert und sozial eingebettet werden. Das gerügte Papier sei im Zusammenhang mit einer Denkschrift über gerechte Teilhabe zu sehen.
Der Bischof kritisierte auch, dass sich der Militäreinsatz in Afghanistan zu lange nur auf Terrorabwehr konzentriert habe. Dennoch gebe es hier manche Fortschritte, und deshalb dürfe sich die internationale Gemeinschaft nicht kurzfristig zurückziehen. Im Irak sieht Huber deutliche Anzeichen für eine Tötungs- und Vertreibungskampagne gegen Christen. Er appellierte an die Bundesregierung, noch 2008 ein Programm für die Aufnahme irakischer Flüchtlinge zu starten.
Das Schwerpunkthema der Bremer Synoden-Tagung heißt "Klimawandel – Wasserwandel – Lebenswandel". Dazu soll am Mittwoch eine Stellungnahme für einen besseren Schutz der Schöpfung verabschiedet werden. Bereits in der Eröffnungsrede wandte sich Huber gegen längere Atomreaktor-Laufzeiten, denn dadurch werde noch mehr Abfall erzeugt, dessen Endlagerung ungeklärt sei. Nach dem Ende der Tagung soll errechnet werden, wie sehr sie das Klima belastet hat; der Kohlendioxid-Ausstoß soll an anderer Stelle ausgeglichen werden. Nach der Tagung 2007 wurden auf Kosten der Synode 7500 Bäume in Rumänien gepflanzt.
Weser-Kurier vom 2. November
"Tanz ums goldene Kalb"
Bischof Huber spricht sich gegen die Ideologie des freien Marktes als Allheilmittel aus
Eine globale Wirtschaft brauche klare Regeln und Rahmenbedingungen, die verhindern, dass der Zweck wirtschaftlichen Handelns, allen Menschen, auch den Schwächsten, zu dienen, ins Gegenteil verkehrt werde, sagt Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der EKD, im Gespräch mit Rasmus Buchsteiner.
Frage: Die Bankenkrise zieht immer weitere Kreise, die Perspektiven für Wirtschaft und Arbeitsmarkt verdüstern sich immer mehr. Warum sollten evangelische Christen dazu nicht schweigen?
Wolfgang Huber: Evangelische Christen können dazu nicht schweigen, weil es um die Verantwortung für die Gemeinschaft und die Verantwortung für die in dieser Gesellschaft lebenden Menschen geht. Verantwortung ist dabei in mehrfacher Hinsicht gefragt: Die evangelische Kirche erinnert diejenigen, die beruflich Verantwortung in der Finanzwirtschaft tragen, daran, dass sie diese Verantwortung auch persönlich wahrnehmen müssen. Sie verpflichtet Politiker und wirtschaftliche Verantwortungsträger auf den Maßstab der Gerechtigkeit im Blick auf Arme, Stumme und Schwache. Zum evangelischen Glauben gehört es schließlich, die zu begleiten, die in ihrer Verantwortung Leid und Trauer erfahren haben und Trost brauchen.
Sind Gier und Maßlosigkeit die wirklichen Ursachen der Krise?
Die Forderung nach maximaler Rendite gleicht dem Tanz um das goldene Kalb. Martin Luther hat unüberbietbar klar gesagt: Woran jemand sein Herz hängt, das ist sein Gott. Wenn Gewinn und Rendite absolut gelten, wird das Geld an die Stelle Gottes gesetzt; und das Menschsein bleibt auf der Strecke. Gier und Maßlosigkeit werden von der Weigerung begleitet, die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft, sich selbst und Gott wahrzunehmen.
Viele sprechen von einer grundlegenden Krise des Kapitalismus. Was muss die Antwort darauf sein?
Die im Sommer dieses Jahres vom Rat der EKD veröffentlichte Denkschrift "Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive" schließt nicht, wie einige ihrer Kritiker behaupten, Frieden mit dem Kapital, sondern macht eines deutlich: Die Ideologie eines "freien Marktes" als Allheilmittel ist nicht nur wegen ihres gegenwärtig offenbar werdenden Scheiterns zurückzuweisen. Das ist durch die Finanzmarktkrise noch deutlicher geworden. Eine globale Wirtschaft braucht klare Regeln und Rahmenbedingungen, die verhindern, dass der Zweck wirtschaftlichen Handelns, allen Menschen, auch den Schwächsten, zu dienen, ins Gegenteil verkehrt wird.
"Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel" heißt das Motto der EKD-Synode in Bremen. Welches Zeichen soll damit gesetzt werden?
Der zunehmende Ressourcenverbrauch, der von Menschen verursachte Klimawandel und der Mangel an Trinkwasser fordern sowohl ein individuelles als auch ein gesellschaftliches Umdenken. Ich will die Entscheidungen der Synodalen natürlich nicht vorwegnehmen. Aber ich bin sicher: Die Synode der EKD in Bremen wird ein deutliches Signal an jeden Einzelnen, an die Gesellschaft und an die kirchlichen Einrichtungen und Gemeinden senden. Wir haben mit der Schöpfung Gottes so umzugehen, dass wir sie guten Gewissens an unsere Kinder und Kindeskinder weitergeben können.
In rund einem Jahr scheiden Sie als EKD-Ratsvorsitzender aus. Was wollen Sie bis dahin noch bewegen?
Der Rat der EKD hat mit dem Impulspapier "Kirche der Freiheit" und mit dem Zukunftskongress in Wittenberg einen Reformprozess angestoßen, der bis zum Ende dieser Ratsperiode nicht abgeschlossen sein kann, aber den wir bis dahin als Rat der EKD vorantreiben und gestalten wollen. Vom Auftrag der Kirche aus haben wir die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, den voranschreitenden demographischen Wandel, die missionarischen Herausforderungen in unserer Gesellschaft und die gesellschaftspolitische Verantwortung der Kirche wahrzunehmen. Für die kommenden zwölf Monate ist das ein wichtiges und herausforderndes Programm.
Rheinischer Merkur vom 30. Oktober
Wie das höchste evangelische Leitungsgremium auf sein Schwerpunktthema kam. Kritiker wenden ein, dass es dazu nichts Neues sagen kann. Die eigentliche Frage liegt woanders: Wer folgt auf Wolfgang Huber?
Protestantische Wasserstandsmeldungen
VON WOLFGANG THIELMANN
Wird sich die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland in etwa einem Jahr mit der Finanzkrise befassen? Wenn das Gesetz der Aktualität weiter gilt, dann hätte das 120-köpfige Parlament des Protestantismus gute Aussichten, nächstes Jahr über Märkte und Werteverfall zu sprechen. Erweisen sich die Befürchtungen von Politikern als richtig, hält die Krise bis dahin an.
Dann hätte die Synode nicht das Problem dieses Jahres. Wenn sie am kommenden Sonntag im Bremer Kongresszentrum zusammentritt, sind Klima-, Wasser- und Lebenswandel ihr Schwerpunktthema. Und Präses Barbara Rinke aus Nordhausen in Thüringen wird Journalisten erklären müssen, warum die Ökologie jetzt das wichtigste Anliegen für das Leitungsgremium der evangelischen Kirche ist und was es zum Fortschritt der Sache beitragen kann. Eigentlich scheint das Thema überall angekommen zu sein. Kirchentage finden seit 2005 und Katholikentage seit diesem Jahr klimaneutral statt, ebenso wie die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Für jede hochgerechnete Tonne Kohlendioxid wurde Geld in den Klimaschutz investiert. Die EKD-Synode finanziert ein Baumpflanzprogramm in Rumänien.
Wie kommt ihre repräsentativste Versammlung auf das nasse Element? Das weiß nicht einmal Wolfgang Zimmermann, obwohl er es vorgeschlagen hat. Der Pfarrer an der Marienkirche im brandenburgischen Treuenbrietzen ist Anfang Oktober in den Ruhestand gegangen. Bremen wird seine letzte Synode. Er hat schon 2003, als sich das Kirchenparlament in Trier versammelte, das Wasser als Schwerpunktthema vorgeschlagen. Das Thema packt ihn heute noch.
„Die Anregung kam durch eine Kampagne von ,Brot für die Welt‘für ein Menschenrecht auf Wasser“, berichtet Zimmermann. „Wussten Sie, dass jetzt schon Kriege um Wasser geführt werden?“ Als er sich für das Thema starkmachte, sollte die Synode im Folgejahr in Magdeburg tagen, an der Elbe, um die sich Naturschützer und Binnenschiffer bis heute streiten und die im Vorjahr eine Jahrhundertflut weit über ihre Auen hinaus geschickt hatte. Aber es war eben im Vorjahr gewesen, und die Mehrheit fürchtete, dass das Wasser im nächsten Jahr abgestanden schmecken würde. Es blieb aber auf der To-do-Liste.
„Wir machen das noch“, beteuerte Präses Barbara Rinke, wenn es wieder einmal verschoben wurde. 2005 in Berlin setzte sich, im Zuge der Diskussionen um Integration und das Erstarken des Islam, das Thema „Tolerant aus Glauben“ durch, 2006 in Würzburg die Gerechtigkeit zwischen Armen und Reichen, 2007 in Dresden, zehn Jahre vor dem 500. Jubiläum der Reformation, „Evangelisch Kirche sein“. In Bremen hat diese, die zehnte Synode der EKD, ihre letzte Tagung. Die Liste musste abgearbeitet werden. Ein Gegenvorschlag in Dresden, das Gebet zum Hauptthema zu machen, war zu neu, um sich durchzusetzen. Dass das Synodenpräsidium mit dem Wasser allein aber auch seine Skrupel hatte, zeigte sich in der genauen Themenformulierung für den Vorbereitungsausschuss: „Schöpfung bewahren: Klimawandel und Klimaschutz, deutlich gemacht am Beispiel Wasser mit seinen vielfältigen biblisch-theologischen, spirituellen, ökologischen, wirtschaftlichen, friedenspolitischen und handlungsorientierten Aspekten.“ Als der Beschluss fiel, im November 2007, redete jeder über die Umwelt, anders als heute, wo die Finanzkrise die Schlagzeilen beherrscht.
Damals war das Erschrecken noch frisch, dass die Erderwärmung schneller vorangeht als befürchtet und dass Katastrophen vielleicht nicht mehr zu verhindern seien. Der G-8-Gipfel im Juni im eingezäunten Kempinski-Hotel in Heiligendamm hatte den Sommer beherrscht. Von da kam Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Kirchentag nach Köln und diskutierte mit Jugendlichen über den von Demonstrationen begleiteten Gipfel.
Wenige Tage vorher hatte Bischof Wolfgang Huber während eines internationalen Gipfels von Religionsführern ebenfalls in Köln einen Appell veröffentlicht: „Es ist nicht zu spät für eine Antwort auf den Klimawandel.“ Er begründete seinen Einsatz theologisch: „In der Verweigerung gegenüber den notwendigen Entscheidungen geht es um das, was in der Sprache des christlichen Glaubens als Sünde bezeichnet wird.“
Nach der Synode schrieb Huber mit dem anglikanischen Erzbischof Rowan Williams und dem Erzbischof der Kirche von Schweden, Anders Wejryd, einen Brief an den damaligen Präsidenten des Europäischen Rates, den portugiesischen Ministerpräsidenten José Sócrates de Carvalho Pinto de Sousa, und an den Präsidenten der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso: „Um ein Klimaschutzabkommen für die Zeit nach 2012 zu sichern, müssen die Regierungen ein neues Verständnis des Begriffs der Gerechtigkeit entwickeln, der über ihre nationalen Interessen hinausgeht und Klima als globales Gut in den Blick nimmt.“ Sie mahnten die Erfüllung der zehn Millenniumsziele an, die sich die Mitgliedsstaaten der Uno im Jahr 2000 gesetzt haben. Das siebte davon fordert, dass bis 2015 die Zahl der derzeit 1,2 Milliarden Menschen halbiert werden soll, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.
Das ist Stoff für Ulrike Trautwein. Sie ist Pfarrerin in Frankfurt-Bockenheim und leitet den Vorbereitungsausschuss für das Schwerpunktthema, der für die Synodalen ein Lesebuch mit theologischen Überlegungen und praktischen Beispielen sowie einen Entwurf für eine Kundgebung erarbeitet hat. Was kann eine Synode zum Umweltschutz sagen? „Wir wollen das Thema theologisch fundieren“, entgegnet sie. „Mit dem, was die Synode sagt, können Kirchengemeinden und Verbände weiterarbeiten.“
Dass das Thema jetzt nicht aktuell ist, lässt sie nicht gelten: „Was nützen uns Finanzmärkte, wenn unsere Lebensgrundlage ruiniert wird? Wir müssen die Frage hochhalten, sonst wird sie wieder verdrängt.“ Ulrike Trautwein ist auch Sprecherin des Gesprächskreises „Offene Kirche“ in der Synode, den man früher eher auf der politisch linken Seite verortet hätte. „Das Thema ist unglücklich“, sagt dagegen der Synodale Christoph Morgner. „Die Sache hat bereits die politische Handlungsebene erreicht. Es ist alles gesagt, nur noch nicht von uns.“ Er, der hannoversche Pfarrer und Präses der Landeskirchlichen Gemeinschaften, ist mit dem Vorschlag gescheitert, das Gebet zum Thema zu machen.
In der Finanzkrise müsste es möglich sein, „auf aktuelle Themen umzusteigenund Geiz und Gier als Wurzel allen ökonomischen Übels zu benennen“. Das wird wohl der Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, in seinem Bericht übernehmen. Der geriet in den letzten Jahren oft so brillant, dass er vor lauter Zustimmung kaum noch Diskussionen auslöste.
Der Ratsvorsitzende wird sowieso die Hauptperson sein, im Plenum wie in den Gesprächen in Arbeitsgruppen und Foyers. Das Schwerpunktthema sehen viele konservative Synodale deshalb auch eher als Entgegenkommen gegenüber der kleiner gewordenen „Offenen Kirche“. Denn die Synode tagt ja zum letzten Mal in dieser Zusammensetzung. Bis zum Mai 2009 wählen die evangelischen Landeskirchen ihre Parlamentarier neu, und die Synode, die sich dann konstituiert, wird in einem Jahr einen neuen EKD-Rat wählen. Der muss unter seinen Mitgliedern mit dem besten Wahlergebnis jemand finden, der den Vorsitz übernimmt. Das ist das eigentlich spannende Thema.
Fruchtportal.de vom 30. Oktober
Kirche sieht Schöpfung in Gefahr
EKD warnt vor Klimawandel
Bremen - Die Kirche bangt um Gottes Schöpfung: Mit dem Hauptthema Klimawandel und der sich verknappenden Ressource Wasser startet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in ihre Synode in Bremen (2.-5. November). Erwartet wird ein markanter Appell an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, mit dem Umweltschutz Ernst zu machen, ehe es zu spät ist. Eine große Rolle auf dem wichtigsten Jahrestreffen der Protestanten spielen außerdem die innerkirchlichen Strukturreformen, zu der sich die Kirche angesichts schrumpfender Finanzen und Mitgliederzahlen gezwungen sieht.
Der Umweltschutz ist für die Kirche kein neues Thema. Seit Jahren bereits mahnen Kirchenvertreter einen schonenden Umgang mit der Natur und den Lebensgrundlagen der Menschen an und starten in ihren Gemeinden Umweltschutzprojekte. Mit dem Schwerpunktthema Klimawandel will die EKD nun nicht bloß ein zeitgemäßes Thema besetzen. In ihrer Entwicklungsarbeit in der Dritten Welt sehen die Kirchen, dass der Klimawandel vor allem diejenigen trifft, die bisher bei der Globalisierung den Kürzeren gezogen haben. Die Folgen tragen nicht vornehmlich die verursachenden Industriestaaten, sondern die armen Länder. Die Kirchen sehen dadurch Ungleichheiten zementiert, gegen die sie seit langem ankämpfen.
Der klimapolitische Vorstoß der Kirche stößt auf ein positives Echo bei Umweltorganisationen, auch wenn beide nicht denselben Ansatz haben. "Als moralische Instanz sind die Kirchen ein wichtiger Akteur", sagt Nicolai Schaaf vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). "Gerade dadurch, dass der Klimawandel bei der Entwicklungsarbeit wichtig ist, sind die Kirchen von Bedeutung." Als moralische Instanz wird die Kirche auch vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gesehen, wie Sprecher Norbert Franck erklärt. Gemeinsam mit dem kirchlichen Hilfsdienst "Brot für die Welt" hat der BUND bereits eine Studie zur Globalisierung erstellt. "Die Kirchen sind in dieser Frage ein gewichtiger Player, sie erreichen viele Menschen."
"Natürlich spielen die Kirchen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, ethische Fragen in die Gesellschaft hineinzutragen", sagt die Sprecherin des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac, Frauke Distelrath. Das klimapolitische Engagement der EKD begrüße Attac sehr, "wir finden das gut". Vor allem erreiche die Kirche Gesellschaftsschichten, "die wir so nicht erreichen". Auch bei Greenpeace lobt ein Sprecher den Vorstoß der EKD für die Umwelt, auch wenn beide Organisationen sonst eher wenig Berührungspunkte haben.
Ziel der Synode ist es nicht bloß, als Kirche mahnend den Zeigefinger zu heben, sondern Wege zu mehr Klimaschutz auch in der eigenen Organisation zu finden, wie EKD-Sprecher Christof Vetter erklärt. Mit ihrer Vielzahl an Kirchen- und Gemeindegebäuden kann die Kirche Vorbild sein, etwa wenn es um klimaschonendes Heizen geht. An Fantasie hat es den Kirchen beim Umweltschutz bisher nicht gemangelt: Gemeinsam mit den Katholiken und der Kirche in Luxemburg starteten mehrere Landeskirchen das "Autofasten" vor Ostern, eine Förderinitiative "Kirchengemeinden für Sonnenenergie" verhalf mehr als 700 Gemeinden zu Solaranlagen. Unter dem Motto "Die Hütte der Frommen wird grünen" bemüht sich die Nordelbische Kirche derzeit um den Bau kirchlicher Gebäude als Niedrigenergiehaus.
