Ohne Gott wäre alles viel schlimmer geworden

Erfurt: Ein Jahr danach (Interview)

23. April 2003

Ein Jahr danach: Wie ein Religionslehrer und seine Klassen mit 17 Hinrichtungen fertig wurden

Kein Ereignis hat im letzten Jahr Deutschland so erschüttert wie das Schulmassaker am 26. April in Erfurt. Aus Anlass des Jahrestages in dieser Woche beschäftigt sich idea mit Hintergründen und Konsequenzen der Bluttat in der thüringischen Landeshauptstadt. Damals hat der 19jährige Ex-Schüler und Sportschütze Robert Steinhäuser im Gutenberg-Gymnasium zwölf Lehrer, zwei Schülerinnen, eine Sekretärin, einen Polizisten und schließlich sich selbst getötet. Drei Monate zuvor war er von der angesehenen Schule verwiesen worden, weil er ärztliche Atteste gefälscht hatte. Die Polizei fand in seiner Wohnung gewaltverherrlichende Computer- und Video-Spiele sowie Tonträger. In einem der Lieder heißt es unter anderem: “Erschieße deine widerlichen Lehrer mit einer Pumpgun!” Im folgenden ein Interview mit einem der zwei Religionslehrer am Gutenberg-Gymnasium, Andreas Lindner, auch wissenschaftlicher Mitarbeiter am Martin-Luther-Institut der Universität Erfurt. Mit dem 40jährigen evangelischen Pfarrer und Vater von fünf Kindern sprach Helmut Matthies.

idea: Wie haben Sie als Religionslehrer den Massenmord erlebt?

Lindner: Zunächst einmal: Niemand hatte im sympathischen, schönen Erfurt an einer Schule, die bisher keine Gewalt kannte, sondern ungewöhnlich friedlich war, mit so etwas gerechnet. An jenem Tag war ich auf dem Weg zum Gymnasium, als ich im Autoradio die Nachricht hörte. Spontan habe ich gedacht: Gott sei Dank sind deine eigenen Kinder nicht dabei, da sie eine andere Schule besuchen. Als ich später die Schüler und Kollegen am Gutenberg-Gymnasium traf, waren wir kaum fähig zu sprechen. Wir haben eigentlich nur geweint und uns umarmt. Das Schulgebäude durfte nicht mehr betreten werden. Die gesamte Schüler- und Lehrerschaft wurde dann in der Erfurter Innenstadt auf viele Räumlichkeiten verteilt, die zum größten Teil die Kirchen bereitstellten. Ich hatte zunächst einmal eine elfte Klasse zu betreuen, deren beide Klassenlehrer erschossen worden waren. In dieser Klasse hatte bis dahin kein Schüler Religionsunterricht. Alle hatten sich stattdessen für das Fach Ethik entschieden. Da damals nicht genug Psychologen für alle Klassen da waren, war ich zunächst auch in dieser Hinsicht eine Art Reserve. Ich hatte große Angst, weil ich nicht wusste, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte.

idea: Und wie sind Sie nun vorgegangen?

Lindner: Ich hatte ja keine Christen vor mir, und so habe ich zunächst einmal mit einem Bekenntnis zu meinem Lehrerberuf begonnen: Ich bin Lehrer, weil ich Kinder und Jugendliche liebe. Nachdem ich mich so den Schülern geöffnet hatte, waren auch sie bereit, sich alles von der Seele zu reden.

“Werdet Menschen!”

idea: Spielten dabei Begriffe wie “das Böse”, “Leid” oder “Gott” eine Rolle?

Lindner: Im Vordergrund stand die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Da ich hier Jugendliche vor mir hatte, die nicht religiös sind, konnte ich natürlich nichts voraussetzen. Ich habe zunächst einmal den Schülern gesagt: “Stellt euch doch einmal vor, eure getöteten Lehrer könnten noch einmal mit euch reden. Was würden sie euch wohl sagen?” Einige Schüler meinten, sie hätten sie vielleicht aufgefordert: “Macht ein möglichst gutes Abitur!” Sie sollten also jetzt nicht resignieren, sondern das Beste aus der Situation machen. Ich habe ihnen auch gesagt, ich könnte mir vorstellen, dass die Lehrer sie nun ermuntern würden: “Werdet Menschen!” Und da kommen wir ja zum entscheidenden Thema: Was ist eigentlich der Mensch? Wer bestimmt ihn? Viele Schüler kannten den Täter ja persönlich, und für sie alle war er keineswegs ein Monster, sondern ein ganz durchschnittlicher Mitschüler. Er hatte zwar Probleme, und deshalb musste er die Schule auch verlassen, aber das passiert ja vielen Jugendlichen in Deutschland. Entscheidend ist, dass man sieht, dass sich in jedem Menschen Böses und Gutes befindet. Und Robert Steinhäuser ist vom Bösen in einer unvorstellbar schrecklichen Weise übermannt worden. Darunter hatten ja alle gelitten. Sie hatten Todesangst gehabt, hatten sich entweder im Klassenraum verbarrikadiert oder waren über Zäune geklettert, von denen sie im normalen Leben nie gedacht hätten, dass sie darüber kämen. Und diese Todesangst sitzt in unserer Seele, nirgendwo anders. Das heißt: Jeder Schüler an unserem Gymnasium hat die Erfahrung gemacht, dass der Mensch eine Seele hat. Niemand mehr kann ihnen ausreden, eine Seele zu haben.

idea: Haben Sie auch von Gott gesprochen?

Lindner: Wer das Fach Ethik statt Religion wählt, ist oft besonders misstrauisch gegenüber Pfarrern – und als der war ich ja nun den Schülern bekannt. Sie sind eben entsprechend von ihren Eltern geprägt worden, die die DDR-Zeit erlebt haben. Daher habe ich nicht gleich von Gott gesprochen, sondern erst einmal deutlich zu machen versucht, dass man Krisen eigentlich nur dann meistern kann, wenn man ein Transzendenzbewusstsein besitzt, wenn man weiß, dass nach dem biologischen Tod nicht alles aus ist. Ganz anders konnte ich vorgehen an einer anderen elften Klasse im Religionsunterricht, denn die wissen, wovon ich rede, wenn ich von “Gott” und dem “Teufel” spreche.

Wie konnte Gott es zulassen?

idea: Kam im Religionsunterricht die Frage auf, wie Gott denn so eine Katastrophe zulassen könne?

Lindner: Ich habe die sogenannte Theodizee-Frage nicht von selbst angesprochen, weil ich wusste, sie kommt automatisch auf mich zu. Und die Antwort hatten interessanterweise die Schüler. Ein Mädchen, das einen Schuss ins Knie erhalten hatte und in dem Bewusstsein lebt, dass es tot wäre, wenn die Kugel nur 40 Zentimeter höher gegangen wäre, sagte: “Gott war an diesem Tag in der Schule! Wenn Gott nicht da gewesen wäre, dann wäre das Ganze noch viel schlimmer geworden.” Alle Schüler wussten, dass die zweite Waffe, die der Täter mitführte, merkwürdigerweise technisch defekt war. Der erste Schuss hatte sich verklemmt. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte die Waffe mit viel Munition und großer Feuergeschwindigkeit noch zu zahllosen anderen Opfern vor allem unter den Lehrern geführt.

idea: Wieso besonders unter den Lehrern?

Lindner: Das Ziel des Täters waren nicht Schüler, sondern Lehrer, an denen er Rache nehmen wollte, weil er der Schule verwiesen worden war. Das Ganze war ja kein Unfall oder nur eine Katastrophe, sondern es war eigentlich eine Hinrichtung von Lehrern. In absolut kürzester Zeit kamen viele Menschen gewaltsam um, wie es sonst für Kriegssituationen typisch ist.

Warum wurden andere und nicht ich erschossen?

idea: Nun hätten Sie ja selbst auch zu den Lehrern gehören können, die erschossen wurden ...
Lindner: Das ist auch lange ein Problem für mich gewesen. Ich hatte an diesem Tag eigentlich keinen Unterricht und bin nur deshalb zur Schule gefahren, weil ich aus dem Sekretariat etwas abholen wollte. Warum nicht ich? Ich bin überzeugt, dass jeder dann stirbt, wenn Gott es will. Wir haben ähnliches bei unserer ältesten Tochter erlebt, die einen ganz schweren Verkehrsunfall hatte und die ersten Tage nur von Maschinen am Leben erhalten und eigentlich von den Ärzten schon aufgegeben wurde. Warum hat sie überlebt? Weil ihre Stunde noch nicht gekommen war! Im Blick auf meine Situation habe ich mich natürlich viele, viele Male gefragt, was es zu bedeuten hat, dass meine Stunde noch nicht gekommen ist, dass ich die Chance habe, weiterhin mit meiner Familie glücklich zu sein, während viele andere Familien um mich herum um ihre getöteten Väter oder Mütter, Ehemänner oder Ehefrauen trauern.

idea: Hat sich Ihre Beziehung zu Christus dadurch geändert?

Lindner: Sie hat sich bestätigt. Viele haben bis heute noch seelische Spätfolgen des Ereignisses. Wir alle sind ja durch Psychologen einem “Generalcheck” unterzogen worden. Die Auswertung des Fragebogens, den ich auszufüllen hatte, brachte als Ergebnis zu Tage, dass ich emotional unterreagiert hätte, anders ausgedrückt: Ich sei von dem Ereignis weniger belastet als normal. Ich konnte das den Psychologen nur so erklären, dass ich in meinem Leben eine große Gelassenheit verspüre, die aus meinem Glauben an Jesus Christus kommt. Ich weiß, dass alles in Gottes Hand liegt.

Der größte Gewaltproduzent ist Hollywood

idea: Nach der schrecklichen Bluttat war vielfach die Rede davon, Ursache seien die vielen Gewaltdarstellungen in den Medien: Gewaltfilme, Gewaltvideos, Computer-Spiele mit gewalttätigen Inhalten. Wie sehen Sie das?

Lindner: An unserer Schule hat Gewalt überhaupt keine Rolle gespielt. Allerdings tat sie es im Privatleben des Täters. Und es ist natürlich schon so, dass wir uns – wenn wir Medien konsumieren – auch mit einem Übermaß an Gewalt quasi automatisch zuschütten. Die meisten Macher dieser Gewalt behaupten unverschämter weise auch noch, sie wollten mit dieser Gewaltdarstellung das Gegenteil erreichen. Leider ist der größte Produzent dieser Gewalt offensichtlich Hollywood. Und es ist schon erschreckend zu sehen, dass vieles, was später real passiert, vorher in Filmen gezeigt wurde. So war der Terrorakt des 11. September bereits in einem Hollywoodfilm zu sehen. Dass sich Leute so etwas zum Vorbild nehmen, darüber darf man sich dann nicht wundern. Ich verstehe die Amerikaner nicht, dass sie einerseits mit Vehemenz den Terrorismus bekämpfen, andererseits aber offensichtlich laufend in Filmen selber Schreckensszenarien produzieren und über den Globus verbreiten.

idea: Eigentlich dürfte man dann auch manche Kapitel der Bibel nicht lesen, denn schon bei den ersten beiden Kindern der Menschheitsgeschichte – Kain und Abel – erschlug einer den anderen ...

Lindner: Es ist ein Unterschied, ob ich so etwas als Beispiel lese oder ob ich es sichtbar und hörbar in einem Film mitbekomme. Natürlich ist das Böse der Preis unserer Freiheit. Warum konnte Kain Abel erschlagen? Weil Gott auch ihm nicht in den Arm gefallen ist! Wir bewegen uns eben nicht in einem riesigen Marionettentheater, sondern können uns frei entscheiden, ob etwas gut oder böse ausgehen soll. Wir haben die Freiheit zum Guten, aber auch zum Bösen, und unsere Aufgabe als Lehrer sollte es sein, zur Freiheit zum Guten zu motivieren. Theologisch ausgedrückt hieße der Aufruf: “Werdet Gottes Kinder!”

In den neuen Bundesländern muss man anders evangelisieren

idea: Hat sich in Ihrer Kirchengemeinde oder in den Kirchen insgesamt in Erfurt nach dem 26. April etwas geändert?

Lindner: Kirchen sind offensichtlich dann immer wieder ein gefragter Zufluchtsort, wenn etwas Schreckliches passiert ist. So waren die Kirchen nach dem 26. April voll. Heute sind sie leider wieder leerer. Es verläuft eben nicht nach dem einfachen Strickmuster: Menschen erleben furchtbares Leid, dann sind sie offen für Gott, und jetzt kann man sie evangelisieren. Wir hatten in Erfurt zehn Wochen nach der Bluttat eine Gruppe von evangelikalen Schülern aus Littleton bei Denver (USA), wo es 1999 auch ein Schulmassaker gegeben hatte. Diese Jugendlichen versuchten unter den Schülern in Erfurt zu evangelisieren. Doch die meisten Schüler konnten damit nichts anfangen.

idea: Was hätte man sonst tun sollen?

Lindner: Es nützt meist nichts, mit Christus direkt ins Haus zu fallen. Die Menschen in den neuen Bundesländern sind durch zwei große Ideologien furchtbar getäuscht worden: die nationalsozialistische und die kommunistische. Jetzt sind sie vorsichtig gegenüber allen Weltanschauungen. Darunter leidet natürlich auch die Verkündigung des christlichen Glaubens. Die wirksamste Evangelisationsmethode ist hier das persönliche Beispiel: wenn ich mit dem, was ich tue, überzeuge. Besonders bei uns muss das Evangelium der Tat vor dem Evangelium des Wortes kommen. Das ist auch ein Problem der Evangelisation “ProChrist”, dass sie hier vermutlich wesentlich weniger Echo hat als in den alten Bundesländern, wo Christliches selbstverständlicher ist. Nur wenn die Menschen um uns sehen, dass wir Christen anders leben, werden sie nach dem Warum fragen und vielleicht den Glauben dann auch so attraktiv finden, dass sie selbst Christen werden wollen.

idea: Wir danken für das Gespräch.

Wir danken der Evangelischen Nachrichtenagentur idea  für die Überlassung dieses Textes.