Schmude: "Wer kurzen Prozess und schnell Klarheit will, der schadet der Kirche"

epd-Interview mit dem scheidenden Präses der EKD-Synode

17. Mai 2003

Moers (epd). Nach 18 Jahren legt Jürgen Schmude das Amt des Präses der EKD-Synode nieder. Die konstituierende Plenarsitzung vom 23. bis 25. Mai in Leipzig wird einen Nachfol-ger bis 2009 wählen. Im epd-Interview blickt der frühere SPD-Bundesminister kritisch zurück. epd-Redakteur Thomas Schiller sprach mit dem Juristen in Moers über Debatten und Kon-sense, den "Sitzungsbetrieb" Kirche, die Rolle der EKD bei der Deutschen Einheit und die Unberechenbarkeit der Synode bei Personalentscheidungen.

epd: Was sollte eine Person für das Präses-Amt mitbringen?

Schmude: Ein Mann oder eine Frau, der oder die Präses der Synode der EKD werden will, sollte die Bereitschaft haben, die eigene Person oft genug zurück zu stellen und der Synode den Vortritt und die Arbeitsmöglichkeit zu verschaffen. Das setzt voraus, dass man nicht sich profiliert, sondern die Synode, dass man geduldig auf die vielen verschiedenen Menschen und Gruppen in der Synode eingeht und sich bemüht, sie auf eine gemeinsam vertretbare Linie zu bringen, und dass man dann aber ziemlich klar sagt, wo die Entscheidungsalternati-ven sind und wohin die Reise gehen kann.

epd: Worin unterscheidet sich die Synode von einem Landtag oder vom Bundestag?

Schmude: Es gibt keine Fraktionen, es gibt auch nicht die Selbstverständlichkeit der knap-pen Mehrheitsentscheidungen. In einer Synode geht es vielmehr darum, den Entschei-dungsprozess zu fördern und zugleich massiv auf einen Konsens hinzuwirken. Denn der Kirche ist nicht damit gedient, dass große Minderheiten ausgeschlossen werden, gerade in schwierigen Entscheidungen. Solche Beschlüsse tragen nicht lange.

epd: Birgt das nicht die Gefahr, dass Aussagen an Kontur verlieren?

Schmude: Diese Gefahr ist viel geringer, als man denkt. Unsere Synode hat sich oft sehr bemüht, ob das die Friedensethik war, die Beziehungen zum tschechischen Volk, die Militär-seelsorge oder anderes. Wir haben am Ende dann immer mit sehr großer Mehrheit ent-schieden, obwohl wir uns um Kompromissformulierungen lange bemüht haben, und es war trotzdem ein klares Ergebnis. Die Mühe darf man nicht scheuen. Wer kurzen Prozess und schnell Klarheit will, der schadet der Kirche.

epd: Wie wichtig ist es, dass eine Synode ihre "Stars" hat - Leute die sich gut ausdrücken, Themen auf den Punkt bringen und in der Öffentlichkeit gut verstanden werden können?

Schmude: Ausgewiesene Persönlichkeiten sind in der Synode sehr willkommen. Erforderlich ist freilich, dass sie auch zur Verfügung stehen. Nicht immer ist die Prominenz mit ihrer Ar-beitskraft so reichlich ausgestattet, dass sie über die Mitgliedschaft in einer Synode hinaus dort auch etwas tun kann. Damit ist der Synode nicht geholfen. Es gibt anfangs eine Schlag-zeile: Der und der - oder die - sind auch dabei, und dann wird der oder die Betreffende kaum mehr gesehen.

epd: Reicht eine einzige Plenarwoche pro Jahr für gute Synoden-Arbeit aus?

Schmude: Die eine Woche wäre zu kurz, um solche Menschen zu einer Synode zusammen-bringen, die sonst mit Kirche nichts zu tun haben. Aber das ist bei uns durchweg nicht der Fall. Diejenigen, die bei uns Synodale sind, sind auch in vielen anderen kirchlichen Zusam-menhängen eingebunden. Richtig ist, dass diese spärliche Tagungszeit zu einer Konzentra-tion der Kräfte und zu einer gewissen Bescheidenheit anhält. Man kann nicht so tun, als sei man ein Ganzjahresparlament.

epd: Gab es Momente, in denen Ihnen die Synode aus dem Ruder gelaufen ist?

Schmude: In meinen Gedanken und Vorstellungen ist sie mir schon manchmal aus dem Ru-der gelaufen, wenn ich mir am Anfang einer Sitzung oder eines schwierigen Debattenab-schnitts kaum vorstellen konnte, wie wir da wohl rauskommen. Aber dann fängt man an und trifft auf guten Willen und konstruktive Mitarbeit in einem so reichlichen Maße, dass es am Ende aussieht, als sei es wie geschmiert gelaufen. Es fand sich immer ein Weg. 

epd: Was waren für Sie in 18 Jahren des Präses-Amtes die größten Überraschungen?

Schmude: Besonders in Personalentscheidungen lassen sich die Synodalen nicht von ir-gendwem, und sei er noch so geübt in der Vorbereitung, vorschreiben, wen sie zu wählen haben. Da macht sich die Synode selbst das Leben schwer, und den Kandidaten, die bei Ratswahlen immer wieder durchfallen, erst recht. So kommt es eben vor, dass mehrmals hintereinander - bei mir ist das alle drei Male so gewesen - der Ratsvorsitzende in einer Wei-se entschieden wurde, die nicht vorhersehbar war. Wer vorher als Favorit galt, wurde nicht Ratsvorsitzender.

epd: Liefen diese Entscheidungsprozesse aus einer Eigendynamik?

Schmude: Sachliche Erwägungen standen immer ganz weit im Vordergrund, zugleich aber ein Gespür dafür, welche Persönlichkeit es wohl sein könnte, mit der man die nächsten sechs Jahre an der Spitze der EKD leben und arbeiten möchte. Und dieses Gefühl ist zum Beispiel 1997 vor der Wahl von Manfred Kock zum Ratsvorsitzenden ziemlich stark gewe-sen.

epd: Was wäre anders geworden, wenn vor sechs Jahren statt des rheinischen Präses der favorisierte Berliner Bischof Wolfgang Huber gewonnen hätte?

Schmude: Ich weiß nicht, wie viel. Wolfgang Huber und Manfred Kock arbeiten viel zusam-men und stehen auf einer Linie. Huber hat als Bischof von Berlin und Brandenburg eine sehr starke Ausstrahlungsmöglichkeit und als Person eine starke Ausstrahlungskraft. Manchmal kommt es mir so vor, als sei es ein Akt tieferer Weisheit, dass sie nun beide voll zur Geltung kommen und nicht nur einer von ihnen auf zwei Posten.

epd: Wo sehen sie die größten Möglichkeiten, der Kirche mehr Effizienz zu verschaffen?

Schmude: Kirche ist ein großer Sitzungsbetrieb. Viele Gremien auf verschiedenen Ebenen sind damit beschäftigt, die ihnen anvertrauten Aufgaben zu beraten, zu diskutieren und dann auch mal zu vertagen oder auf andere Ebenen zu spielen, die auch noch zuständig sind. Einer der Gründe der jetzigen Strukturdebatte ist, dass man sagt: Lasst uns das mehr kon-zentrieren, lasst uns das mehr zusammenfassen und Wege suchen, dass trotzdem nichts von oben nach unten läuft, sondern dass die Betroffenen immer mit dabei sind, wenn ent-schieden wird.

epd: Welche Rolle hat die deutsche Einheit in ihrer Amtszeit gespielt?

Schmude: Sie war unbedingt das wichtigste Ereignis. Evangelische Kirchenleute waren, seit es die Teilung gab, feurige Anhänger der Einheit unseres Volkes: der Einheit der Christen-menschen und darüber hinaus auch aller Deutschen, ohne dass sich dies in ständigen For-derungen nach staatlicher Einheit geäußert hat. Unser Bestreben war, die Verbindung hin-über und herüber Schritt für Schritt auszuweiten und zu verdichten. Das war ein mühsames Geschäft. Wir waren Einheitsfans, bevor es die Einheit gab. Dass sie dann auf einmal kam, haben wir so wenig erwartet wie andere. Dass sie dann staatlich und kirchlich vollzogen werden sollte, haben wir ganz früh gesagt.

epd: War die evangelische Kirche mit ihren Vernetzungen gut für die Einheit gerüstet?

Schmude: Mit diesem Vorlauf hatten wir es leicht, innerhalb der Kirche, der Synode und der Leitungsgremien zu einer guten Verständigung zu kommen. Wir kannten uns. Wir kannten unsere Argumente, unsere Sorgen, unsere Schwierigkeiten. Manches war dann gewichtiger, als wir es erwartet hatten: Vorbehalte gegen die Militärseelsorge, gegen die Kirchensteuer, gegen den Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Das war ein protestantisches Spezifi-kum, und die katholische Kirche hat sich damit keine Minute aufgehalten, alle neuen Mög-lichkeiten zu nutzen. Die Evangelischen brauchten zum Teil ein Jahr, oder zwei, oder auch mal fünf bis zehn. Es hat sich dann aber gezeigt: mit Geduld und Verständnisbereitschaft lassen sich die Sachverhalte klären. Schon lange spielt der Unterschied zwischen Ost und West schon keine Rolle mehr in der EKD-Synode.

epd: Welche Themen hätten Sie noch gern behandelt?

Schmude: Ich habe mich vor zwei Jahren sehr dafür eingesetzt, dass die Synode sich mit der Alterung unserer Gesellschaft befasst und dazu deutliche Worte spricht. Dabei wäre es nicht darum gegangen, den vielen Bekundungen der Ehrerbietungen vor dem Alter noch eine weitere kirchlich untermauerte hinzuzufügen, sondern allen Beteiligten, auch den Alten selbst, angesichts der zunehmenden Belastung der jüngeren Generation mit den finanziellen Verpflichtungen für die Älteren ihre Verantwortung vor Augen zu führen, ihre Bereitschaft zum Mittragen einzuschärfen und auf diese Weise zum Frieden zwischen den Generationen kräftig beizutragen. Die Synode ist diesem Vorschlag damals nicht gefolgt. Ich hoffe zuver-sichtlich, dass man an dieser Aufgabe noch arbeiten wird, denn es handelt sich um ein The-ma, bei dem Politiker zurückstecken, weil sie sich vor dem erheblichen Wählerpotenzial der älteren Generation fürchten, wenn sie hier etwas nicht so genehmes sagen müssen.

epd: Der Ratsvorsitzende der EKD, Manfred Kock, hat Sympathien für die Reformbestrebun-gen des Bundeskanzlers geäußert. Gibt die Kirche ihre Rolle als Anwalt der Schwachen auf?

Schmude: Ganz gewiss nicht: Die Bekräftigung dieser Rolle des Anwalts der Schwachen, die beide großen Kirchen 1997 im gemeinsamen Sozialwort ausgesprochen haben, war schon damals begleitet von ganz klaren Aussagen über die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Sozialstaats. Damals wurde schon der Appell ausgesprochen, Sozialleistungen immer wie-der auf ihre Machbarkeit und Haltbarkeit zu überprüfen und nicht mehr zu verteilen, als man einnehmen kann. Die Warnung davor, mehr auszugeben und künftige Generationen zu be-lasten, ist nicht neu. Wer es als Anwalt der Schwachen wirklich gut meint und seinen Man-danten auch künftig soziale Sicherheit und Würde gewährleisten will, muss auf die Leistungsfähigkeit des Systems achten und kann nicht jede Einzelheit mit Klauen und Zähnen verteidigen.

epd: Ist die geplante Lastenverteilung gerecht?

Schmude: Ich glaube, es ist nicht richtig, dass jede Einzelmaßnahme auf eine innere Aus-gewogenheit im Sinne der Gerechtigkeit überprüft werden kann. Wichtig ist, die Entschei-dungen, die Regierungen über Jahre hin treffen, in ihrem Zusammenhang zu würdigen. Wenn es jetzt darum geht, innerhalb der Sozialsysteme für ein Mindestmaß an Finanzierbar-keit zu sorgen, dann ist es meines Erachtens nicht sachgemäß zu sagen: Aber aus Gründen der Parität müssten dringend jetzt noch Andere gleichermaßen bedacht werden. Sonst geht das alles nicht. Ob andere stärker belastet werden müssen, darüber wollen wir gerne disku-tieren. Auch das gemeinsame Sozialwort der Kirchen sagt zum Beispiel, dass Vermögen ein Ausweis von Leistungsfähigkeit ist, die nicht ungenutzt gelassen werden darf, wenn es um Steuern geht.

epd: In den nächsten Jahren wird es durch die anstehenden Erbschaften eine große Gruppe von Menschen geben, die Vermögen erwerben, ohne unbedingt dafür etwas geleistet zu ha-ben.

Schmude: Das ist zwar richtig. Aber einerseits hat es eine Verschärfung der Erbschaftssteu-er schon im Zusammenhang mit der Abschaffung der Vermögensteuer gegeben. Und auch im Zusammenhang mit der Bewertung von Grundbesitz hat es eine Verschärfung der Erb-schaftssteuer gegeben. Der ist früher zu lächerlich kleinen Beträgen veranlagt worden und heute zu größeren Summen, aber noch immer nicht ausreichend. Da muss noch mehr pas-sieren.

epd: Bringt die Kirche zur Zeit genügend Gewicht in die Debatte oder überlässt sie es den Gewerkschaften, sich zu profilieren als Organisation für sozial Schwache in der Gesell-schaft?

Schmude: Die Kirche und der Rat der EKD macht sich anheischig, die Gruppen der Schwa-chen angemessen und zukunftsträchtig zu vertreten, wenn er sagt, wir müssen auf die Fi-nanzierbarkeit und Stabilität der sozialen Systeme achten. Die Gewerkschaften setzen einen anderen Akzent: Sie fragen nicht allzu vertieft danach, wie das alles auf Dauer weiter gehen soll, sondern fordern jetzt, die Belastung von Schwächeren zu unterlassen. Das scheint mir nicht genügend abgesichert zu sein durch Vorschläge, wie denn die finanziellen Lasten auf-gebracht werden können für das, was sie fordern. Insofern sehe ich die EKD mit ihrer Mehr-heitsmeinung auf einer sichereren Seite.

epd: Wird das Thema die EKD-Synode beschäftigen?

Schmude: Ich halte für wahrscheinlich, dass über die Reform der sozialen Systeme in der EKD-Synode geredet werden wird. Das ist eines der Themen, an denen eine Synode norma-lerweise nicht vorbeigehen kann.

Quelle: Zentralausgabe des Evangelischen Pressedienstes (epd) vom 15. Mai 2003