"Es wird keine Einheitskirche geben"

Kock und Lehmann über die Zukunft von Ökumene und Kirche im Osten

28. Mai 2003

Kirchen wollen Osten bekehren

Lehmann und Kock für verstärkte Missionsarbeit in den neuen Ländern Umfrage zum Kirchentag: Nur jeder dritte Ostdeutsche glaubt an Gott

Regina Kerner, Hendrik Munsberg und Rainer Pörtner

Die evangelische und die katholische Kirche wollen in Ostdeutschland verstärkt missionieren. "Wir können nicht beruhigt sein, wenn über zwei Drittel der Menschen in den neuen Bundesländern keine Christen sind", sagte der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, im Interview der Berliner Zeitung. "Ich verspreche mir von unserem ökumenischen Kirchentag, dass das Bewusstsein von der Notwendigkeit eines solchen missionarischen Aufbruchs wächst."

Auch die Protestanten versuchten in den neuen Bundesländern Fuß zu fassen - unter anderem durch Neugründungen von konfessionellen Schulen, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, dieser Zeitung. "Wir stehen vor der Aufgabe der Mission im eigenen Land", sagte Kock. Dabei gehe es nicht um Missionierung im Sinne einer Gehirnwäsche, sondern um das persönliche Zeugnis einzelner Menschen und die Glaubwürdigkeit des Miteinanders. "Das braucht diese Gesellschaft - ob sie das weiß oder nicht", sagte Kock.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung glauben nur 33 Prozent der Ostdeutschen an Gott. Das ist deutlich weniger als in Westdeutschland (71 Prozent) und insbesondere weniger als in Bayern, das mit 76 Prozent den höchsten Anteil an Gläubigen aufweist. Nur 40 Prozent der Ostdeutschen sehen in der Kirche eine moralische Instanz.

"Die Situation im Osten dokumentiert den ,Erfolg einer rigiden materialistischen Erziehung, die Kirche und christlichen Glauben als Popanz gebraucht hat, um sich selbst zu rechtfertigen", sagte Kock. Diese Erziehung habe "systematisch alles, was noch an Traditionsresten da war, madig gemacht".

"Zu viele schüren Sozialneid"

Unmittelbar vor Beginn des ersten gemeinsamen Kirchentags von Katholiken und Protestanten, der heute in Berlin beginnt, legten die beiden Kirchenführer ein Bekenntnis zur Ökumene ab. Ziel dieser Bewegung könne jedoch nicht die Vereinigung beider Kirchen unter einem Dach sein. "Ganz gewiss wird es am Ende keine uniformistische Einheitskirche geben", erklärte Lehmann. "Es kann nur eine Einheit in Vielfalt sein." Auch Kock schloss aus, dass Protestanten und Katholiken "gemeinsam in ein organisatorisches Korsett steigen".

Überraschend deutlich sprachen sich beide für einen Umbau des Sozialstaats in Deutschland aus und unterstützen grundsätzlich die Reformpläne der rot-grünen Bundesregierung. "Wir leben in einer sozialen Situation, in der die Fortschreibung des Bisherigen nicht funktioniert", sagte der EKD-Ratsvorsitzende Kock. "Deshalb brauchen die politisch Handelnden Mut , da etwas zu ändern - parteiübergreifend."

Kardinal Lehmann warnte zwar vor einer Übernahme des nordamerikanischen Sozialstaatsmodells. Insbesondere wegen der demografischen Entwicklung seien aber Reformen zwingend. "Was der Kanzler angeht, ist im Grundsatz unbedingt notwendig", sagte Lehmann. Er nahm Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) indirekt gegen Angriffe der Gewerkschaften in Schutz. "Von vielen wird im Moment Sozialneid geschürt", sagte Lehmann. "Aber mit alten Methoden nach dem Motto: Steuererhöhung! Vermögensteuer höher! Erbschaftsteuer höher! kann man die Probleme nicht lösen."


Das Interview mit der Berliner Zeitung vom 28. Mai 2003 im Wortlaut:


"Es wird keine Einheitskirche geben"

Der EKD-Ratsvorsitzende Kock und der katholische Kardinal Lehmann über die Zukunft von Ökumene und Kirche im Osten

Sie sind die höchsten Vertreter ihrer Kirchen in der Bundesrepublik: Manfred Kock und Kardinal Karl Lehmann. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung streiten der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz darüber, wie der Krise des Glaubens und der Gesellschaft begegnet werden sollte.

Vor 486 Jahren hat Martin Luther seine Thesen in Wittenberg angeschlagen - der Beginn der Kirchenspaltung in Deutschland. Heute feiern Katholiken und Protestanten den ersten gemeinsamen Kirchentag. Wäre Luther zornig darüber?

Kock: Im Gegenteil. Die Reformation war kein Versuch, die Kirche zu spalten, sondern sie zu erneuern. Dass daraus eine Spaltung wurde, ist der Verwirrung der Menschen geschuldet.

Was ist für Sie, Kardinal Lehmann, das endgültige Ziel der Ökumene: dass Protestanten und Katholiken am Ende wieder in einer Kirche vereinigt sind?

Lehmann: Es gibt eine rege Diskussion über verschiedene Modelle der Einheit, aber es gibt in der katholischen Kirche keine Festlegung dazu. Ganz gewiss wird es am Ende keine uniformistische Einheitskirche geben. Es kann nur eine Einheit in Vielfalt sein. Verschiedenheiten allein schrecken uns nicht. Es geht um Kirchen trennende Differenzen.

Kock: Eine Vereinigung in dem Sinne, dass wir gemeinsam in ein organisatorisches Korsett steigen, ist nicht realisierbar. Sie wäre auch nicht hilfreich. Wir werden aber hoffentlich erreichen, dass wir trotz unterschiedlicher Traditionen, Liturgien und Vorstellungen über die Lebensgestaltung den anderen nicht als Fremden wahrnehmen, sondern als Teil einer Familie. Das Verschiedene darf uns nicht trennen, wir müssen es als Reichtum verstehen.

Steht der Papst, der sich als Vertreter Gottes auf Erden versteht, der Ökumene im Weg?

Kock: Ja, gewiss - und darüber müssen wir weiter streiten. Johannes Paul II. sagt ja selber: Wenn das Papstamt ein Hindernis ist, dann müssen wir darüber reden.

Lehmann: Johannes Paul II. hat hier ein Wort von Papst Paul VI. aufgenommen, der sagte: Ich bin mir bewusst, dass ich das größte Hindernis der Ökumene bin. Für uns Katholiken kann es selbstverständlich nicht darum gehen, das Papst amt infrage zu stellen.

Kurz vor dem Kirchentag hat Johannes Paul II. sein Nein zu gemeinsamen Abendmahlsfeiern von Katholiken und Protestanten bekräftigt. Ist damit das letzte Wort gesprochen?

Kock: So habe ich die Enzyklika des Papstes nicht verstanden. Hier werden Maßstäbe gesetzt, das tut der Papst auch sehr energisch. Aber damit ist die Diskussion nicht zu Ende - zumal Johannes Paul II. selbst von der "ökumenischen Sehnsucht" gesprochen hat.

Lehmann: An entscheidender Stelle in der Enzyklika heißt es, das gemeinsame Abendmahl sei "zum jetzigen Zeitpunkt" nicht möglich. Und der Papst gibt sich darin große Mühe darzulegen, dass aus dem jetzigen Nein zur Abendmahlsgemeinschaft keine Lähmung und Resignation in der Ökumene entstehen darf.

Einige Christen haben angekündigt, dass sie trotz der Verbote während des Kirchentages gemeinsame, von einem katholischen Priester geführte Abendmahle feiern werden. Werden Sie, Kardinal Lehmann, dagegen einschreiten?

Lehmann: Es gibt die gemeinsame Aufforderung von Katholiken wie Protestanten im Kirchentagspräsidium, man solle die Lebensordnung der einzelnen Kirchen respektieren. Ich hoffe immer noch, dass dies auch Beachtung findet. Wenn Einzelne mal über die Stränge schlagen, dann geht davon die Welt nicht unter. Aber wenn es in größerem Stil missachtet wird, muss man sehr aufpassen, dass es nicht zu einem Rückschlag für die Ökumene wird.

Kock: Solche Grenzüberschreitungen - so sehr ich sie selber missbillige - machen aber doch sichtbar, dass es hier bei den Gläubigen ein starkes Drängen gibt.

Lehmann: Dem stimme ich zwar zu, aber ein vorgreifendes Handeln wäre nicht weniger Willkür!

Kock: Diesen ausgeprägten Wunsch nach Gemeinsamkeit sollten wir zur Kenntnis nehmen. Aber solche gezielten Grenzverletzungen dürfen nicht den Charakter von Nötigungen annehmen.

Dass zum Kirchentag mehr als 200 000 Teilnehmer erwartet werden, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass immer mehr Menschen aus den Kirchen austreten. Das Ansehen der Kirchen ist Umfragen zufolge fast so schlecht wie das der Parteien. Warum vertrauen Ihnen die Menschen nicht mehr?

Lehmann: Die Menschen heute sind von einer so starken Individualisierung geprägt, dass sie sich nicht gerne auf längere Zeit verbindlich engagieren in einer konkreten Kirche. Es gibt ja das Wort der Bastelbiografien: Dass sich Menschen verschiedene Dinge zusammenzimmern, auch im Religiösen, und dies wird vielleicht nach einiger Zeit wieder abgelegt. So wie es Lebensabschnittspartner gibt, gibt es auch in religiöser Hinsicht abwechselnde Glaubenssysteme, die man mal ausprobiert. Damit haben wir zu kämpfen.

Bundespräsident Rau hat den Kirchen vorgeworfen, sie seien zu kopflastig, träfen die Seelen der Menschen nicht mehr. Sind Sie zu weit weg vom wirklichen Leben?

Kock: Er hat auf etwas hingewiesen, was in der Tat ein Problem ist: Die Frage, ob sich die Menschen mit ihren Sehnsüchten, Wünschen und Ängsten eigentlich aufgehoben fühlen in der Kirche. Eigentlich gibt es ein großes Bedürfnis nach dem, wofür die Kirche steht. Es gibt so viel Ratlosigkeit in der Gesellschaft, aber wenig Entwürfe und Konzepte. Darum müssen wir deutlicher Alternativen für das Wertesystem formulieren.

Lehmann: Ereignisse wie der 11. September oder die Tragödie in Erfurt zeigen auch, dass Religiosität und Sinnfrage - wenn auch sehr verschüttet - in jedem Menschen leben. Durch solche Ereignisse werden sie wie bei einem Vulkan herausgeschleudert. Aber wir müssen dafür sorgen, dass diese Fragen nicht nur bei Katastrophen eine Rolle spielen.

Mit seinen klaren Worten gegen den Irak-Krieg hat der Papst großen Zuspruch gefunden. Warum sind die Kirchen sonst so still bei gesellschaftspolitischen Themen?

Lehmann: Wir sind ja nicht still. Nehmen Sie die Diskussion über die Bioethik, die jahrzehntelange Diskussion über den Anfang und das Ende des Lebens. Auch unser gemeinsamer Hirtenbrief zum Sozialen hat die Dinge konkret beim Namen genannt. Wir haben in den letzten 10 bis 15 Jahren mindestens 30 Stellungnahmen zu sozialpolitischen Gestaltungsfragen abgegeben, ob das die Ethik der Transplantation oder die Klimagefährdung war. Manchmal macht man uns sogar den Vorwurf, wir würden uns zu gar zu vielen Dingen äußern. Aber es ist nicht die einzige oder wichtigste Aufgabe der Kirche, in die Arena der Öffentlichkeit zu gehen. Das kann den Blick dafür verstellen, dass Kirche ganz konkret vom Zeugnis und vom Einsatz der einzelnen Christen lebt. In Ehe und Familie, am Arbeitsplatz. Die Kirche als Institution ist eigentlich nur dazu da, dass wir die Leute dazu befähigen, dass sie dies können.

In Ostdeutschland sind nur noch 25 Prozent der Menschen Kirchenmitglieder. Haben Sie den Osten abgeschrieben?

Lehmann: Wir können nicht beruhigt sein, wenn über zwei Drittel der Menschen in den neuen Bundesländern keine Christen sind. Und ich verspreche mir von unserem ökumenischen Kirchentag, dass das Bewusstsein von der Notwendigkeit eines solchen missionarischen Aufbruchs wächst. Ich frage mich immer, was einer meiner Vorgänger - der Erzbischof Bonifatius - eigentlich gemacht hätte, wenn er heute leben würde. Hätte der nicht seinen Rucksack genommen und wäre als Missionar wieder wandern gegangen?

Kock: Die Situation im Osten dokumentiert den "Erfolg" einer rigiden materialistischen Erziehung, die Kirche und christlichen Glauben als Popanz gebraucht hat, um sich selbst zu rechtfertigen. Diese Erziehung hat die christliche Überlieferung systematisch madig gemacht - über mehrere Generationen hin. Die Herausforderung ist, das Zerstörte neu und elementar wieder aufzubauen. Vieles was wir in den neuen Bundesländern versuchen, etwa Schulneugründungen, hat ja den Zweck, bei Menschen wieder Fuß zu fassen, die keine Beziehung zum christlichen Glauben mehr haben. Wir stehen vor der Aufgabe der Mission im eigenen Land. Mission wird leider oft als Unwort verstanden, als ginge es um Gehirnwäsche und Manipulation. Das ist nicht gemeint. Es geht um das persönliche Zeugnis und um die Glaubwürdigkeit des Miteinanders. Und das braucht diese Gesellschaft - ob sie das weiß oder nicht.

Gerade im Osten beschäftigt die Menschen die Frage nach sozialer Gerechtigkeit. Bringt die Agenda 2010 von Bundeskanzler Schröder mehr Gerechtigkeit?

Kock: Wir leben in einer sozialen Situation, in der die Fortschreibung des Bisherigen nicht funktioniert. Wir sind an manchen Punkten an das absehbare Ende des Finanzierbaren gekommen. Deshalb brauchen die politisch Handelnden Mut, da etwas zu ändern - parteiübergreifend. Aber politisch Handelnde sind alle Bürger. Die sollen so viel Eigenverantwortung wie möglich und so viel Solidarität wie nötig wahrnehmen. Die einzelnen Punkte der Agenda 2010 muss man prüfen.

Kardinal Lehmann, sind die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe oder die Lockerung des Kündigungsschutzes richtige und gerechte Reformen?

Lehmann: Wir können den Charakter unseres Sozialstaats nur erhalten, wenn wir ihn verändern. Damit will ich auf keinen Fall für ein Modell nordamerikanischer Prägung plädieren. Ich glaube, dass wir das Sozialstaatsmodell, das sich in Mitteleuropa entwickelt hat, beibehalten sollten - solange wir es können. Aber angesichts der demografischen Entwicklung brauchen wir Reformen. Wir brauchen mehr Eigenverantwortung in den Sozialsystemen. Wenn die Reformen allerdings dazu führen, dass die Grundrisiken nicht mehr für wirklich alle abgedeckt sind und es etwa endgültig zu einer Zwei-Klassen-Medizin käme, dann werden wir uns entschieden wehren.

Gerhard Schröder bewegt sich also mit seiner Reform noch im Rahmen des europäischen Modells?

Lehmann: Was der Kanzler angeht, ist im Grundsatz unbedingt notwendig. Aber in unserer Gesellschaft ist ein wahrhaft tragfähiger Konsens schwierig. Von vielen wird im Moment Sozialneid geschürt. Mit alten Methoden nach dem Motto: Steuererhöhung! Vermögensteuer höher! Erbschaftsteuer höher! kann man die Probleme nicht lösen.

Das Interview führten Regina Kerner, Hendrik Munsberg und Rainer Pörtner.


Quelle: Berliner Zeitung vom 28. Mai 2003