Neuer EKD-Ratsvorsitzender verteidigt Einschnitte im Sozialsystem

Huber: Bisherige Reformpläne brächten Diakonie erhebliche Sorgen

05. November 2003

Auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist der Berliner Bischof Wolfgang Huber am Mittwoch in Trier zum neuen EKD-Ratsvorsitzenden gewählt worden. Der Nachfolger des rheinischen Präses Manfred Kock sprach im epd-Interview über die Schwerpunkte seiner Arbeit. Die Fragen stellten Renate Kortheuer-Schüring und Thomas Schiller.

epd: Was sind Ihre wichtigste Aufgaben in den nächsten Jahren?

Huber: Ich stelle die missionarische Ausrichtung der Kirche an den Anfang. Dabei denke ich nicht so sehr an missionarische Einzelaufgaben, sondern an die Grundhaltung, aus der heraus wir als Kirche leben und arbeiten. Mir geht es darum, dass sich im kirchlichen Alltag die Freude der Gemeinde am gemeinsamen Gestalten und Feiern verbindet mit einer Offenheit für die Menschen im Umkreis, für die distanzierten Mitglieder genauso wie für diejenigen, die ganz außerhalb stehen.

epd: Welche Kernergebnisse ziehen Sie aus der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung?

Huber: Wir müssen als Kirche auf alle drei Gruppen in gleicher Weise ausgerichtet sein: auf diejenigen, für die die Zugehörigkeit zur Kirche zum Kern ihrer Existenz gehört, für diejenigen, die Christen sind, aber von ihrer Kirchenzugehörigkeit nur gelegentlich Gebrauch machen und für diejenigen, die außerhalb der Kirche stehen. Das ist die Grundeinsicht, die sich aus der Kirchenmitgliedschaftsstudie ergibt.

Jetzt ist erstmals auch die Einstellung von Nicht-Kirchenmitgliedern erfragt worden. Dabei sieht man, dass sie keineswegs durch Desinteresse geprägt sind, sondern dass auch sie Fragen nach dem Sinn des Lebens stellen und Erwartungen an die christliche Prägung unserer Gesellschaft haben - interessanterweise im Osten deutlicher als im Westen.

epd: Glauben Sie, in ihrer Amtszeit sinkende Mitgliederzahlen aufhalten zu können?

Huber: Man muss ganz nüchtern den demographischen Faktor sehen. Wir können die Demographie nicht kirchlich verändern, aber wir müssen fragen, wie es in der Gesellschaft um den Mut zur Zukunft bestellt ist, wenn immer weniger Paare sich für Kinder entscheiden. Hier liegt eine große Aufgabe für die Kirchen. Es geht darum, dass der Mut zur Zukunft Gestalt gewinnt.

epd: Knüpfen Sie in Ihrer Haltung zu den Sozialreformen der Bundesregierung nahtlos an die Haltung Ihres Vorgängers an?

Huber: Ich knüpfe nahtlos an das an, was Manfred Kock getan hat: sowohl in seiner grundsätzlichen Ermutigung zu Reformen als auch in der Nähe zu den Menschen und ihrer Lebenssituation. Wir sollten nicht nur abstrakt über Reformen zu reden, sondern konkreter fragen, was diese Reformen mit den Menschen tun?

epd: Wo sehen Sie bei den Plänen der Bundesregierung derzeit Defizite?

Huber: Die Situation von bestimmten Bevölkerungsgruppen wird nicht zureichend wahrgenommen. Das sieht man exemplarisch an der Situation von älteren Arbeitslosen. Wenn man die Arbeitslosenhilfe verkürzt, setzt das voraus, dass Menschen aus der Arbeitslosigkeit auch wieder herauskommen können. Dann braucht man andere Initiativen, um Älteren, die ihren Arbeitsplatz verlieren, nicht die Zwangsläufigkeit vor Augen zu stellen, dass sie nie wieder in bezahlte Arbeit zurückkehren können. Denn sonst wirkt es auf sie zynisch, wenn man ihnen nur sagt: Arbeitslos bleibst Du, aber Arbeitslosenhilfe über längeren Zeitraum hast Du nicht zu erwarten.

epd: Wird mit den Sozialreformen mehr Arbeit auf die Diakonie zukommen?

Huber: Auf die Diakonie kommt in ihren jetzigen Arbeitsfeldern ein erhebliches Maß an Sorgen zu. In dem Maß, in dem eine Nichtbewältigung der Reformaufgaben eine höhere Altersarmut zur Folge hätte, wäre dies einer der Bereiche. Aber zunächst haben wir solche Folgen zu verhindern. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass die Diakonie arbeitsfähig bleibt.

epd: Zum Kopftuchstreit: Befürworten Sie Landesgesetze, die muslimische Lehrerinnen in öffentlichen Schulen das Tragen eines Kopftuchs verbieten?

Huber: Die gesetzliche Klärung ist ganz unausweichlich geworden durch das Bundesverfassungsgericht. Ein einfacher Verzicht auf eine solche Regelung wäre nicht zu verantworten. Das würde nur aussagen: Es ist uns egal. Und egal kann uns das Thema auf gar keinen Fall sein. Die Ausgestaltung der Gesetze will ich mal auf sich beruhen lassen. Aber das Signal, das mit der Haltung «Es kümmert uns nicht» gesetzt würde, unterschätzt die symbolische Bedeutung des Kopftuchs auf jeden Fall.

epd: Sie sind als Ratsvorsitzender gleichzeitig Hauptstadt-Bischof. Steigt dadurch die Einflussmöglichkeit der evangelischen Kirche auf die Politik?

Huber: Das sollen andere beurteilen. Es hat sich zuletzt als sehr gut erwiesen, dass der Ratsvorsitzende der EKD, der Bevollmächtigte bei der Bundesregierung und der Berliner Bischof zusammenwirken konnten. Es war zu spüren, dass das in einer wunderbaren Kooperation geschehen ist. Insofern ist das kein Gesichtspunkt für die Wahl des Ratsvorsitzenden. Ich werde mir gewiss manches Mal wünschen, dass es noch jemand anderen gibt, der einen Teil der Aufgaben übernimmt, die jetzt auf mich zukommen.

epd: Kann der Strukturreform-Prozess der EKD noch kippen?

Huber: Die Strukturreform ist auf dem Weg. Ich bin zuversichtlich, dass sie erfolgreich sein wird. Ich hoffe, dass wir damit nicht zu viel Kräfte und zu viel Zeit binden. In trockenen Tüchern ist sie erst, wenn sie fertig ist.

epd: Wie lange wird das noch dauern?

Huber: Bis zur nächsten EKD-Synode dauert noch die heiße Phase. Danach werden wir noch die Zustimmung der Gliedkirchen brauchen. Also: Bis 2005 wird uns das Ganze beschäftigen.

epd: Welche Impulse wollen Sie in der evangelisch-katholischen Ökumene setzen?

Huber: Ich hoffe, dass wir Fortschritte in der gottesdienstlichen Gemeinschaft unserer Kirchen machen. Ökumene ist immer so stark, wie sie vom gemeinsamen Gottesdienst und Gebet getragen ist. Wir werden auch in Zukunft zu vielen wichtigen Fragen in der gleichen Richtung aktiv sein. Deutlich ist allerdings, dass auch Unterschiede ihr Gewicht behalten oder an manchen Stellen sogar stärker heraustreten. Ich hoffe es wird uns gelingen, beides gut miteinander im Gleichgewicht zu halten.

Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)