Wir brauchen eine neue Bibelfrömmigkeit

Was der neue EKD-Ratsvorsitzende über Mission, Evangelikale, Abtreibung denkt

06. November 2003

Ob Mission, Theologie, Politik oder Ethik – auf vielen Gebieten gilt der neue EKD-Ratsvorsitzende, der berlin-brandenburgische Bischof Wolfgang Huber, als Experte. Was denkt er über Evangelisation, die Evangelikalen, Abtreibung, Homosexualität? Im Gespräch mit Wolfgang Polzer gibt der oberste Repräsentant von 26,3 Millionen evangelischen Kirchenmitgliedern Auskunft.

idea: Herr Ratsvorsitzender, Sie haben in Ihren ersten Äußerungen die Bedeutung der Mission herausgestrichen. Welche Instrumente sind aus Ihrer Sicht am wirkungsvollsten in der Vermittlung der christlichen Botschaft?

Huber: Am wichtigsten sind die Instrumente, die wir schon haben – die tägliche und wöchentliche Gemeindearbeit. Von ihr erhoffe ich mir, dass sie so ausstrahlungsstark wird, dass sie die Menschen erreicht. Ich hoffe, dass der einladende Charakter des Evangeliums dadurch deutlicher wird, dass die Gemeinden als einladende, offene, auf die Menschen zugehende Gemeinden wahrnehmbar werden. Das passiert ja an vielen Stellen; deswegen stelle ich nicht so sehr eine Defizitbeschreibung an den Anfang, sondern den Dank für die Arbeit, die unsere ehrenamtlichen wie hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Pfarrer und Pfarrerinnen tun. Indem wir mit dem uns anvertrauten Pfund wuchern, können wir die Menschen erreichen – die distanzierten Kirchenmitglieder genauso wie jene, die außerhalb der Kirche stehen.

idea: Welche Rolle spielen dabei besondere evangelistische Aktionen wie beispielsweise ProChrist?

Huber: In diesem Rahmen haben solche Aktionen ihren wichtigen Platz. Mir liegt nur daran, dass wir sie nicht als Alternative verstehen oder als Alibi missbrauchen. Wir dürfen nicht denken, dort werde die missionarische Aufgabe schon wahrgenommen und deshalb brauche man sich im kirchlichen Alltag darum nicht zu kümmern. Ein Verhältnis der wechselseitigen Ergänzung und Befruchtung stelle ich mir vor und nicht der Alternative.

Für neue Bibelfrömmigkeit

idea: Was schätzen Sie an den Evangelikalen und was missfällt Ihnen?

Huber: Ich schätze jede Form, in der das Evangelium ins Zentrum gestellt wird. Wir haben einen großen Bedarf an erneuerter Bibelfrömmigkeit. Überall, wo sich das Hören auf das Wort der Heiligen Schrift verbindet mit einer klaren persönlichen Glaubensüberzeugung, da bin ich froh. Traurig bin ich immer, wenn der Anschein entsteht, als werde das Wort der Heiligen Schrift als Waffe missbraucht. Ich bin immer dann traurig, wenn die persönliche Glaubensüberzeugung vorrangig als Abgrenzung von anderen verstanden und so der einladende Charakter des Evangeliums verdunkelt wird.

Abtreibungsgesetze auf den Prüfstand?

idea: Sie haben angeregt, man müsse die Abtreibungsgesetze neu auf den Prüfstand stellen. Welche politischen Chancen räumen Sie einem solchen Vorhaben ein?

Huber: Es ist zwingend erforderlich – schon aufgrund des Richterspruchs des Bundesverfassungsgerichts – dass sich der Bundestag mit den Auswirkungen der Gesetzgebung von 1995 beschäftigt. Anlass zu großer Sorge gibt etwa das Problem der Spätabtreibungen. Eine Behinderung des Kindes ist nur dann ein hinreichender Grund für einen Abbruch der Schwangerschaft, wenn die Belastung der Mutter nicht verantwortet werden kann. Diese Voraussetzung wird nicht mit der Klarheit umgesetzt, die der Gesetzgeber beabsichtigt hat. Ferner hat die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche aufgrund einer schweren Notlage ein Ausmaß angenommen, das einen sehr unruhig machen muss. Ich rate dazu, sich diesen Themen wieder zuzuwenden. Ich rate gleichzeitig dazu, dies mit jener Behutsamkeit zu tun, die notwendig ist, wenn man bedenkt, dass die Schwangerschaft ein Lebensverhältnis zwischen Mutter und Kind ist. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die darauf hinzielen, dass dieses Lebensverhältnis gelingt. Schärfere strafrechtliche Vorkehrungen sind dafür weder hilfreich noch sinnvoll. Deswegen halte ich nichts von einer neuen, verselbständigten Paragraph-218-Debatte. Ich halte aber viel von einer sorgsamen, sensiblen, die betroffenen Frauen in den Blick nehmenden Zuwendung zum Problem. Ich halte viel davon, dass die Kirche sich dafür einsetzt, dass auch die Männer in die Mitverantwortung genommen werden, der sie sich oft entziehen.

idea: Erkennen Sie bei Politikern die Bereitschaft, sich diesem Thema neu zu widmen?

Huber: Im Augenblick steht es tatsächlich nicht oben auf der politischen Tagesordnung. Das ist auch nachvollziehbar, wenn man sieht, welche riesigen Probleme derzeit politisch zu lösen sind, etwa bei der Reform der Sozialsysteme. Hier trete ich für einen barmherzigen Umgang mit den politisch Verantwortlichen ein. Man kann nicht alle Probleme gleichzeitig behandeln.

Homosexualität: Mit Polarisierung ist niemandem gedient

idea: Der kirchliche Umgang mit Homosexualität beschäftigt weite Teile der Christenheit. Ihre Kirche hat eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ermöglicht. Könnten wir auch hier in ähnliche Spannungen geraten, wie sie die anglikanische Weltgemeinschaft derzeit erlebt?

Huber: Wir haben uns um einen Umgang mit dem Thema Homosexualität bemüht, der von beidem zugleich geprägt war – von einer Zuwendung zu den Menschen und von einer klaren Betonung des eigenständigen Vorrangs von Ehe und Familie als Lebensform. Diese Zusammengehörigkeit müssen wir festhalten. Dann können wir vermeiden, dass dieses Thema eine polarisierende Wirkung entfaltet. Denn mit Polarisierung ist niemandem gedient. Sie erschwert es vielmehr, Bedingungen dafür zu schaffen, dass Menschen in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften jene Achtung und Anerkennung bekommen, die ihnen gebührt.

idea: Es hat in der EKD Unmut gegeben über Landeskirchen, die Segnungsbeschlüsse gefasst haben wie auch die Ihre. Wie werden Sie mit dieser Problematik als EKD-Ratsvorsitzender umgehen?

Huber: Die EKD hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zu versuchen, einen Gleichklang der Landeskirchen in so wichtigen Fragen zu sichern und zu stützen. Sie hat gleichzeitig das Recht und die Pflicht, synodale Entscheidungsprozesse zu achten. In diesem Fall haben wir beobachtet, dass in verschiedenen Landeskirchen in unterschiedlichem Tempo mit unterschiedlichen Zwischenergebnissen vorgegangen worden ist. Aber wenn man insbesondere den berlin-brandenburgischen Beschluss genauer anschaut, dann geht er einen Weg, der mit der gemeinsamen Grundorientierung der EKD vereinbar ist. Wir sind nicht grundsätzlich ausgeschert aus dem, was wir miteinander in dieser Frage sagen.

idea: Vielen Dank, Herr Ratsvorsitzender.


Quelle: idea vom 6. November 2003