Huber für Ausschluss Hohmanns aus der CDU-Fraktion

Interview des Deutschlandfunks mit Wolfgang Huber, EKD-Ratsvorsitzender

06. November 2003

Klaus Remme: Selten sind Reaktionen auf eine Wahl so einmütig gewesen wie gestern, als Wolfgang Huber zum neuen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands bestimmt wurde. Egal aus welcher Richtung, politisch schwarz, rot oder grün, oder von Seiten der konfessionellen Konkurrenz, in diesem Fall der katholischen Kirche, es hagelte Komplimente und Lob. Ein brillanter Rhetoriker, ein geborener Klassenerster, ein kluger, klarer Kopf sei er. Seit 1994 ist Wolfgang Huber Landesbischof von Berlin und Brandenburg. Vielen ist er vor allem durch seine Beiträge zur Bioethik-Debatte bekannt. Auch wir wollen ihn jetzt gleich loben, nämlich dafür, dass er, wie ich höre, sein morgendliches Jogging für uns ausfallen lässt. Herr Huber, Sie haben schon vor Ihrer Wahl viele unterschiedliche Aufgaben wahrgenommen. Jetzt kommen noch mehr dazu. Wird das Jogging in Zukunft zur Ausnahme?

Wolfgang Huber: Das wird sicher nicht ganz leicht sein, aber ich glaube auch ein solches Amt muss man so wahrnehmen, dass man Freiräume lässt und dass man sich nicht von den Terminen und den Pflichten auffressen lässt. Das muss organisiert werden, aber ich bin zuversichtlich, dass das irgendwie gelingt.

Remme: In welchen Bereichen können wir während Ihrer Amtszeit persönliche neue Akzente erwarten?

Huber: Mir geht es vor allem darum, dass man nicht nur die Außenseiter der Kirche wahrnimmt, ihr Einwirken in die Gesellschaft, sondern dass die Kirche auch im Innern gestärkt wird in dem, was ihren Kern ausmacht, in der Art und Weise, in der sie vom Gottesdienst aus lebt, Menschen ermutigt im Glauben und ihnen eine klare Richtung gibt auch für ihr persönliches Leben. Nur von da aus kriegt dann auch das Glaubwürdigkeit, was die Kirche in die Gesellschaft hinein tut. Ich leide manchmal darunter, dass gerade auch in der öffentlichen Wahrnehmung, in der Berichterstattung in den Medien, dieser Zusammenhang zwischen dem Glauben und der gesellschaftlichen Verantwortung zwischen gottesdienstlichem Leben und politischer Einmischung oft nicht genau wahrgenommen wird.

Remme: Also eine Arbeit von innen nach außen?

Huber: So kann man das kurz sagen: von innen nach außen, vom Glauben zum Leben, von der Freiheit eines Christenmenschen zur gelebten Verantwortung.

Remme: Außen, da sind Sie mit einem Problem konfrontiert: mit dem Problem des Mitgliederschwundes. Wie wollen Sie den aufhalten?

Huber: Es ist eine große Aufgabe, den Menschen beide Fragen zu stellen und ihnen Antworten anzubieten: Wie werde ich Christ und wie bleibe ich Christ? Mein Vorgänger Martin Kruse hat diese beiden Fragen vor 18 Jahren hier in Trier schon so gestellt und sie sind heute noch von einer ungleich größeren Aktualität. Gute Gründe dafür, den Menschen zu vermitteln, warum die Zugehörigkeit zur Kirche wichtig ist, diese Zugehörigkeit nicht als selbstverständlich vorauszusetzen, und auch diejenigen, die in einer distanzierten Mitgliedschaft zur Kirche leben, klar zu machen, dass die Bindung zur Kirche und die Bindung an den christlichen Glauben hohe Bedeutung hat, das ist eine ganz wichtige Aufgabe, die natürlich vor allem anderen in den einzelnen Gemeinden gelöst werden muss.

Remme: Aber sicherlich ein Problem, das sich nicht über Nacht lösen lässt. Welche Auswirkungen hat es, dass die Zahl der Gläubigen kleiner wird?

Huber: Man muss zunächst einmal ganz deutlich sagen, mit 26 Millionen Mitgliedern ist die evangelische Kirche ja nicht gerade eine kleine Größe. Mir liegt daran, nicht immer nur von den Defizitbeschreibungen her zu beginnen, sondern zu sagen, es ist eine großartige Sache, dass so viele Menschen der Kirche die Treue halten, dass für so viele Menschen die Mitgliedschaft in der Kirche wichtig ist. Diese Verbundenheit mit der Kirche wollen wir achten und stärken. Aber die Tatsache, dass wir nicht nur aus Gründen der Kirchenaustritte, sondern vor allem wegen der demographischen Entwicklung zurückgehende Mitgliederzahlen haben, greift natürlich sehr ein in das Leben der Kirche. Jeder weiß, dass ein Umbau, der mit einer Verminderung von Mitteln und von Mitarbeiterstellen verbunden ist, eine ganz schwierige Sache ist. Es ist eine Tatsache, dass wir bestimmte Aufgaben, die wir früher mit Selbstverständlichkeit wahrnehmen konnten, so nicht mehr wahrnehmen können. Es stimmt, dass alle Kirchen damit zu tun haben, Mitarbeiterstellen abzubauen, nachdem in zurückliegenden Jahrzehnten die Ausweitung der Mitarbeiterstellen möglich gewesen ist. Das ist schmerzlich. Es mobilisiert aber auch Kräfte. An vielen Orten kann man merken, dass die Umorganisation, die dadurch erzwungen wird, auch neue Ideen, neue Formen von Kooperation, neue Synergieeffekte auslöst.

Remme: Bischof Huber, kommen wir auf das Verhältnis zur Politik. Sie wollten einmal für die SPD in den Bundestag einziehen. Ihre Parteimitgliedschaft ruht im Moment. Sind Sie froh, dass Sie zurzeit nicht als Abgeordneter gezwungen sind, die massiven Kürzungen im Sozialbereich mitzutragen?

Huber: Ich habe einen hohen Respekt vor denjenigen, die jetzt politische Verantwortung tragen, und ich werbe auch dafür, dass die hämische Rede über die Menschen in politischer Verantwortung aufhört. Man kann und muss auch bestimmte Vorgänge kritisieren, man muss auch scharf werden, wenn etwa solche Sachen passieren, wie wir sie jetzt am Bundestagsabgeordneten Hohmann erleben, aber die generelle Distanzierung von der Verantwortung in der Politik ist ein Verhalten, bei dem man sich selber den Ast absägt, auf dem man sitzt.

Remme: Um Missverständnissen vorzubeugen: War das gerade eine Kritik an Hohmann oder am Umgang der CDU mit Hohmann?

Huber: Vor allem natürlich an Hohmann selber, aber ich glaube auch, es wird von Tag zu Tag deutlicher, dass die Konsequenz aus dem, was Herr Hohmann gesagt und getan hat, klarer werden muss, als sie bisher ist.

Remme: Nämlich wie?

Huber: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auf Dauer möglich ist, dass Jemand, der so etwas sagt, in der Bundestagsfraktion einer großen Partei bleibt, ganz egal welche Partei das ist.

Remme: Sie haben gestern gesagt, die evangelische Kirche ist kein politischer Akteur. Soziale Verantwortung trägt die Kirche allemal. Ist das insofern nicht tiefgestapelt?

Huber: Ich wollte und will klar machen, dass die Kirche kein politischer Akteur ist, wie es die politischen Parteien sind, deren unmittelbare Mitwirkung an der politischen Willensbildung auch in den Einzelfragen der Politik ganz unentbehrlich ist. Die Kirche hat an den Voraussetzungen dafür mitzuwirken, dass politische Verantwortung wahrgenommen werden kann. Sie hat sich zu orientieren an der Frage, von welchem Menschenbild gehen wir denn aus in unserem politischen Handeln, und sie muss sich davor hüten, dass sie der Meinung wäre, sie könnte nun zu jeder politischen Einzelfrage Lösungen, Rezepte, kluge Ratschläge von sich geben.

Remme: Nun sind es zurzeit die großen Linien in der Sozialpolitik, die arg umstritten sind. Wo sehen Sie zurzeit die größten Defizite?

Huber: Die größten Defizite sehe ich darin, dass das Verhältnis zwischen der notwendigen Nachhaltigkeit, die unsere Sozialsysteme brauchen, und den Erfordernissen sozialer Gerechtigkeit nicht richtig klar werden. Ich sehe ein riesiges Defizit darüber hinaus in der Frage der Vermittlung, der Kommunikation, der Klarheit für die Betroffenen. Ich glaube wir brauchen viel transparentere, verständlichere Regelungen. Unser Grundproblem ist ja die Frage, wie eigentlich Steuerpolitik, also die Fragen über welche Einnahmen verfügt der Staat, und Sozialpolitik, also die Frage wie sichert der Staat soziale Unsicherheiten und Risiken für die Menschen ab, überhaupt nicht geklärt ist. Das löst bei den Menschen Ängste aus, die man ja an jeder Straßenecke heute spüren kann. Die Verbindung zwischen einem klaren Konzept zur Lösung dieser Probleme mit einem Grundgefühl für die Menschen, dass sie sich auch darauf verlassen können, dass die Ergebnisse tragen, das ist das, was heute vor allem anderen nötig ist.

Remme: Das gemeinsame Sozialwort der Kirchen liegt sechs Jahre zurück. Im Licht der aktuellen Maßnahmen sind es ja fast Lichtjahre. Ist es Zeit für eine neue, eine aktuelle gemeinsame Stellungnahme zu diesen Problemen?

Huber: Die Kirchen haben ja auch in den letzten Jahren an Einzelproblemen, gerade auch an den Fragen der Altersvorsorge, miteinander gesprochen und das muss auch weiter gehen. Ich warne davor, das einfach sich so vorzustellen, dass jetzt das Modell des gemeinsamen Wortes erneuert wird. Die Grundlagen, die damals gelegt worden sind, sind ja durchaus jetzt noch tragfähig. Es geht darum, die Linien auszuziehen und diese Grundfrage nach dem Verhältnis von Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit noch deutlicher zu artikulieren.

Remme: Die Linien auszuziehen, das klingt mir etwas zu abstrakt.

Huber: Das ist doch gar nicht abstrakt. Ich habe es ja versucht, deutlich zu machen. Es gibt eine ganz klare Grundposition, die aus der Verantwortung für die Lebenssituation des Menschen geprägt ist. Diese Grundposition, die ganz besonders auf die Situation derer achtet, die an den Rand geraten, die Schwächsten der Gesellschaft, für die wir uns einsetzen müssen. Aber diese Position kann nicht zu einer Verweigerung der Reformnotwendigkeit führen, sondern ganz im Gegenteil dazu, dass zu Reformen ermutigt wird. Das Risiko, vor dem wir stehen, besteht ja nicht darin, dass die Schritte zu groß werden, sondern das Risiko ist eher, dass sie zu klein werden. Das ist die Grundposition, die wir als Kirche einzubringen haben. Sie ergibt sich aus dem Grundsatz des sozialen Wortes. Dieser Grundsatz heißt Solidarität und Gerechtigkeit.

Remme: Das war der neu gewählte EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, Landesbischof von Berlin und Brandenburg, vielen Dank für das Gespräch.


Quelle: Deutschlandfunk, 06. November 2003