Ansprache beim Ratsempfang der EKD in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin

Bischof Wolfgang Huber, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

12. Dezember 2003

Ansprache beim Empfang des Rates der EKD am 12. Dezember 2003 in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin

I.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ – so heißt eines der geflügelten biblischen Worte. Nach dem Bericht des Markusevangeliums sagt der Vater eines kranken Kindes das zu Jesus. Für den heutigen Tag ist es uns durch die Herrnhuter Losungen als ein biblisches Leitwort vorgegeben. In seiner Kürze beschreibt es den Ort der Kirche in einer sehr treffenden Weise: selbst unterwegs zwischen Glaubensgewissheit und neuen Herausforderungen, zwischen der Glaubenstreue der einen und der Glaubensfremdheit der anderen, herkommend aus einem volkskirchlichen Erbe und zugleich konfrontiert mit einer missionarischen Situation.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben“: Worte dieser Art entfalten immer wieder aufs neue Orientierungskraft. Und sie haben Eingang gefunden in das kulturelle Erbe, aus dem immer wieder neu ein lebendiges kulturelles Gedächtnis werden muss. Das Jahr 2003, das Jahr der Bibel, hat uns dazu auf besondere Weise herausgefordert. Das Jahr 2003, das Jahr des Ökumenischen Kirchentags hier in Berlin, hat uns eine herausragende Gelegenheit dazu gegeben, für unsere Zeitgenossen Zeugen des Glaubens zu sein, selbst unterwegs: Ich glauben, hilf meinem Unglauben.

II.

Ich danke Ihnen von Herzen dafür, dass Sie sich in so großer Zahl zur Verabschiedung des alten und zum Willkommen für den neuen Rat der EKD hier versammelt haben. Ich danke Ihnen für die Worte der Ermutigung, die Sie in Ihren Grußworten denen zugedacht haben, die während der nächsten sechs Jahre für die Evangelische Kirche in Deutschland in der Verantwortung stehen. Ich möchte Ihnen diejenigen noch einmal nennen, die mit mir zusammen den Rat der EKD bilden. Ich nenne zunächst den stellvertretenden Vorsitzenden, Landesbischof Dr. Christoph Kähler, Eisenach, und die Präses der Synode der EKD, Oberbürgermeisterin Barbara Rinke, Nordhausen. Die Synode der EKD hat in bemerkenswerter Weise Menschen aus den neuen Bundesländern in die Gesamtverantwortung für die EKD berufen. Sie hat uns damit auch die Pflicht auferlegt, weiterhin Sprecher für eine gesellschaftliche und politische Entwicklung zu sein, in der die neuen Bundesländer ganz besonders im Blick sind. Vergleichbarkeit der Lebensbedingungen: das bleibt das Ziel.

Ich nenne die weiteren Mitglieder des Rates der EKD: Rechtsanwältin Margit Fleckenstein, Mannheim, Synodalpräsidentin der Badischen Landeskirche; Landesbischof Dr. Johannes Friedrich, München; Rechtsanwalt Hermann Gröhe, Neuss, Mitglied des Deutschen Bundestages; Fernsehredakteur Peter Hahne, Berlin, stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios; Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann, Hannover; Vormundschaftliche Betreuerin Gudrun Lindner, Weissbach, Synodalpräsidentin der sächsischen Landeskirche; Landessuperintendent Gerrit Noltensmeier, Detmold; Direktorin Margit Rupp, Tübingen, leitende Juristin der württembergischen Landeskirche; Ministerialdirigentin Dr. Beate Scheffler, Bochum, Abteilungsleiterin in der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen; Präses Nikolaus Schneider, Düsseldorf; Direktorin Marlehn Thieme, Bad Soden, Direktorin bei der Deutschen Bank; Vizepräsident Klaus Winterhoff, leitender Jurist der Evangelischen Kirche von Westfalen.

In diesem Kreis wollen wir in den nächsten Jahren die Verbindungen zu politischen Verantwortlichen und gesellschaftlichen Kräften in der Bundesrepublik Deutschland so konstruktiv weiterentwickeln, wie sie sich auch in den zurückliegenden Jahren ausgestaltet haben. Und wir wollen die gute ökumenische Gemeinschaft mit den anderen christlichen Kirchen im Land, insbesondere mit der Katholischen Bischofskonferenz, und ebenso mit der Jüdischen Gemeinschaft und mit anderen Religionen vertiefen und entfalten.

III.

Themen, zu denen die kirchliche Stimme eingebracht werden muss, drängen sich auch in diesen Tagen auf. Sie sind in den Ansprachen dieses Vormittags schon deutlich angesprochen worden.

Im Blick auf neu erschlossene Möglichkeiten der modernen Biomedizin werden wir uns weiterhin dafür einsetzen, dass die Nutzung medizinischen Möglichkeiten zu Gunsten der Menschen und die Wahrung ethischer Maßstäbe miteinander in Einklang gebracht werden. Der beharrlichen Konsequenz beim Embryonenschutz kommt dafür eine Schlüsselbedeutung zu. Dass dies auch auf europäischer Ebene so bleibt, ist unser dringender Wunsch.

Auf dieser europäischen Ebene wird gerade heute um die Endfassung des Europäischen Verfassungsvertrags gerungen. Bundesaußenminister Joschka Fischer hat gestern im Deutschen Bundestag noch einmal die Absicht der Bundesregierung bekräftigt, in der Präambel der Europäischen Verfassung einen klaren Bezug auf die jüdisch-christlichen Grundlagen unserer europäischen Kultur zu verankern. Dafür bedanke ich mich ausdrücklich; und ich wünsche dem Bundeskanzler und dem Bundesaußenminister bei diesen Bemühungen gutes Gelingen. Es schließt in der Tat niemanden aus, aber es verdeutlicht wichtige Quellen unseres geschichtlichen Erbes wie unserer gegenwärtigen und künftigen Verantwortung, wenn diese religiösen Grundlagen Europas klar benannt werden. Aber es würde in eine falsche Richtung führen, wenn ein solcher Hinweis auf wichtige Grundlagen für die kulturelle Gestalt Europas damit konterkariert würde, dass man den Laizismus der politischen Institutionen zur europäischen Norm erklärt. Mit guten Gründen ist vielmehr im Artikel I 51 des Verfassungsentwurfs vorgesehen, dass die unterschiedlichen Formen der Gestaltung des Verhältnisses von Staat und Kirche, die wir in Europa kennen, im europäischen Verfassungsvertrag anerkannt und gewährleistet werden.

Und schließlich: In diesen Tagen wird erstaunlich häufig auf das Gemeinsame Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage von 1997 Bezug genommen. Es bildet die gemeinsame Grundlage für die Stellungnahmen beider Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Es versteht sich eigentlich von selbst, dass die damals formulierte Position angesichts neuer Herausforderungen weitergeführt werden muss. Das gewachsene Bewusstsein für den dramatischen Alterswandel unserer Gesellschaft ist dafür ein wichtiger Grund. Die Kirchen äußern sich zu solchen Herausforderungen im einen Fall gemeinsam, im andern je einzeln, aber auch dann in einer gut abgestimmten Weise. Deshalb begrüße ich es, dass die katholischen Bischöfe heute ein neues Plädoyer für eine langfristig angelegte Reformpolitik veröffentlicht haben. Dem entspricht, dass wir als evangelische Kirche in diesem ganzen  Jahr 2003 beharrlich und kontinuierlich zu den notwendigen Reformen ermutigt und auf die dafür wichtigen Maßstäbe von Selbstverantwortung und Solidarität, von Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit hingewiesen haben. Solche Maßstäbe gelten übrigens auch im Verhältnis zur nachwachsenden Generation; welche Lasten und welche Aufgaben wir ihr überlassen, ist ein wichtiger Prüfstein gegenwärtiger Entscheidungen. Ich sage Ihnen zu, dass wir diese Reformprozesse auch als evangelische Kirche weiterhin aufmerksam und mit einer deutlichen Stimme begleiten werden.

IV.

Bereitschaft zum Dialog: dafür steht unserer Kirche in diesen und in anderen Fragen. Diese Bereitschaft zum Dialog haben Sie, meine verehrten Damen und Herren, heute morgen in einer Weise aufgenommen, die mich bewegt und für die ich herzlich danke. Dieser Dialog kann jetzt fortgesetzt und vertieft werden bei dem Empfang, zu dem Sie alle in den Blauen Saal des Hauses der EKD auf der anderen Seite der Charlottenstraße eingeladen sind. Haben Sie herzlichen Dank!