Jede Kirche sollte ein Menschenrechtszentrum sein

Kofi Annan: "Stärke der Menschenrechte liegt in ihrer Universalität"

10. Dezember 1998

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat gegenüber den Kirchen die Universalität der Menschenrechte betont. Wie der christliche Glaube nähre sich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aus einer wahren Universalität der Werte, sagte Annan in einer am 10. Dezember ausgestrahlten Videobotschaft an die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Die Menschenrechte seien Ausdruck der in allen Religionen und Kulturen lebendigen Tradition der Toleranz, die Grundlage von Frieden und Fortschritt.

"Alle Menschenrechte sind von Gott gegeben", betonte ÖRK-Generalsekretär Konrad Raiser in der Feier zum Tag der Menschenrechte. Für den Weltkirchenrat sei der Einsatz für Menschenrechte ein Eckpfeiler seiner Arbeit. Zu Beginn seiner Gründung vor 50 Jahren habe der Rat sich vor allem der Verteidigung der politischen und bürgerlichen Rechte gewidmet. Im Laufe der Jahre hob er zunehmend die Bedeutung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte hervor. Beide Gruppen von Menschenrechen laut Raiser unteilbar zusammen.

Unter den Kirchen gäbe es eine auffallende Übereinstimmung, was die Allgemeinen Menschenrechte anbelange, auch solche Rechte die von Regierungen politisiert werden, sagte Thomas Hammarberg, Menschenrechtsberater der schwedischen Regierung. Es sei höchste Zeit, die "müden, schalen Diskussionen darüber zu beenden". Er kritisierte Regierungen des Westens, darunter die Vereinigten Staaten, die sich weigerten, wirtschaftliche und soziale Rechte als Menschenrechte anzuerkennen.

Hammarberg, frühere Generalsekretär von Amnesty International, wandte sich entschieden gegen Regierungen, die Ausnahmen bei Menschenrechten zu rechtfertigen versuchen, indem sie kulturelle und traditionsgebundene Gründe nennen. Die Regierungen Malaysiens und Singapurs stünden in der vordersten Reihe jener, die auf diese Weise versuchten, die Universalität der Menschenrechte infrage zu stellen.

Alle Christinnen und Christen müssen nach Ansicht Hammarbergs zu Verteidigern der Menschenrechte werden. Dies gelte auch dann, wenn Muslime oder Hindus angegriffen würden. "Jede Kirche sollte ein Menschenrechtszentrum sein", sagte er. Die eindrucksvollste Unterstützung wäre, wenn christliche Gläubige die religiösen Rechte anderer Glaubensgemeinschaften verteidigen würden. In dieser Hinsicht komme der ökumenischen Bewegung grosse Bedeutung zu.

Die Religionsfreiheit dürfe nicht beeinträchtigt werden, unterstrich ÖRK-Mitarbeiter Dwain Epps. Sie sei aber kein uneinbeschränktes Recht. Der Gebrauch von Religion als Vorwand für wirtschaftliche Interessen sei höchst destabilisierend für die Länder Osteuropas, die sich seit Anfang dieses Jahrzehnts in einer Übergangsperiode befänden. Der Ansturm neuer religiöser Bewegungen und solcher, die unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit andere Ziele verfolgten, biete Anlass zu grosser Sorge.

Eine neue Ethik für multinationale Konzerne forderte Priyanka Mendes, eine der ÖRK-Präsidentinnen. Vorab müsse allerdings geklärt werden, welches Forum dazu geeignet wäre. Die amerikanische Theologieprofessorin Janice Love vertrat die Auffassung, dass die Marktwirtschaft nicht sich selbst überlassen bleiben dürfe. Die Gesetze des Marktes, zunehmend von multinationalen Konzernen diktiert, seien offensichtlich unfähig, für ein Mindestmass an menschlichem Umgang zu sorgen.

Harare, 10. Dezember 1998
Ökumenischer Rat der Kirchen
Presse-und Informationsbüro