Die Jugend probt den Aufstand

Gerangel um neuen Zentralausschuss

8. Dezember 1998

Heftiger Streit ist auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) um die Besetzung des neuen Zentralausschusses entbrannt. Insbesondere Jugendliche und Frauen verlangen eine stärkere Vertretung in dem 150 Personen-Gremium, das die Geschicke des Weltrates zwischen den Vollversammlungen leitet. Dem Nominierungs-Ausschuss gelang es nicht, den Zeitplan zur Vorlage einer Namenliste einzuhalten. Sie sollte den Delegierten am Dienstag, 8. Dezember, zur Abstimmung vorgelegt werden.

Statt dessen wurde ein als "Zwischenbericht" deklariertes Papier präsentiert, das die vertraulich behandelte Namensliste prozentual aufschlüsselt. Demnach würden dem Zentralausschuss ein Drittel Frauen und nur knapp 15 Prozent junge Menschen (bis 30 Jahre) statt der angestrebten 20 Prozent angehören. "Es obliegt der Vollversammlung zu entscheiden, ob wir verwirklichen, was wir sonst bezüglich der Beteiligung der Frauen und der Jugend erklären", sagte Bischof Melvin Talbert (USA), der dem Nominierungs-Ausschuss vorsitzt. Talbert wies allerdings auch auf das Problem hin, einen Vorschlag auszuarbeiten, der gleichzeitig eine ausgewogene Vertretung der Weltregionen und Konfessionsfamilien, sowie von Frauen, jungen Menschen und Laien ermöglicht.

Wenn man es nicht schaffe, der Jugend einen grösseren Platz einzuräumen, ginge der ÖRK im 50. Jahr seines Bestehens "stark auf die Rente zu", meinte der Potsdamer Delegierte Christian Liebchen (25). Die fehlende Beteiligung von Frauen, Laien und der Jugend sei das eigentliche Problem der Vollversammlung, nicht der Konflikt mit den Orthodoxen. Das "diplomatische Versteckspiel" der Kirchenführer sei für junge Menschen einfach nur anstrengend und symptomatisch für die Kluft zwischen der Genfer Ökumene und der Ökumene an der Basis, so der Gemeindepädagoge.

Die Jugenddelegierte Sandra Scholz (Burghaun bei Fulda) verlangte, dass im neuen Zentralausschuss sowohl erfahrene Ökumeniker als auch junge Menschen vertreten sein müssten. Jugendliche seien als "Begeisterungsträger" notwendig: "Wenn wir nicht mehr junge Menschen für Ökumene interessieren, wird der ÖRK in 50 Jahren nicht mehr existieren."

"Heuchelei" nannte das frühere Zentralausschuss-Mitglied Marion Best (Kanada) den geringen Frauenanteil. Die gerade beendete Dekade "Kirche in Solidarität mit den Frauen" habe auch das Ziel verfolgt, die Zahl von Frauen in Leitungsgremien zu erhöhen. Der jetzige Vorschlag hingegen würde auf eine Verringerung des Frauenanteils hinauslaufen.

Die Vollversammlung muss nun auf einer zusätzlichen Sitzung am Donnerstagabend über die Zusammensetzung des neuen Zentralausschusses entscheiden.

Harare, 8. Dezember 1998
Ökumenischer Rat der Kirchen
Presse-und Informationsbüro