Konsensmodell kontra Synodalprinzip?

ÖRK-Generalsekretär für neues Ökumene-Forum

5. Dezember 1998

Für neue Formen ökumenischer Zusammenarbeit plädiert der Generalsekretär des Weltkirchenrates, Konrad Raiser. Vor der Vollversammlung in Harare stellte der deutsche Theologe das vom Rat praktizierte Synodalprinzip protestantischer Kirchen in Frage und gab erste Einzelheiten zur Gründung eines weltweit vernetzten Ökumenischen Forums bekannt. Verständnis zeigte der ÖRK-Generalsekretär für einige der Forderungen orthodoxer Kirchen an die Genfer Kirchenorganisation.

In seinem Rechenschaftsbericht wies Raiser darauf hin, dass es sich bei den Kirchenversammlungen und Synoden protestantischer Kirchen um ein Modell aus parlamentarischen Demokratien handele. Die seit Gründung des ÖRK praktizierte Leitung durch Mehrheitsentscheidung sei für das nächste Jahrtausend nicht unbedingt geeignet. Dies gelte insbesondere dann, wenn sich die ökumenische Bewegung für neue Kirchen und Gemeinschaften öffnen wolle. Nicht nur die orthodoxen Kirchen, sondern auch viele afrikan chen folgten Modellen, in denen Dialog, Konsens und der Respekt für Hierarchie und Autorität betont werde. Entscheidungsfindung durch Konsens sei inzwischen sogar auf internationaler politischer Ebene als Formel aufgegriffen worden. Vor Medienvertretern betonte Raiser, dass der Weltkirchenrat eine Gemeinschaft von Kirchen und keine politische Versammlung ist, selbst wenn er sich politisch äussert.

Das von Raiser bereits seit längerem ins Gespräch gebrachte Forum christlicher Kirchen und Organisationen soll als lose Verbindung von Kirchen und Konfessionsfamilien von den Pfingstkirchen bis zu den Evangelikalen entstehen, denen aktive Beteiligung in der ökumenischen Bewegung wichtiger ist als formelle Mitgliedschaft im Ökumenischen Rat. Das Forum solle keine weitere Institution mit administrativen und bürokratischen Strukturen werden. Nach den Vorstellungen des ÖRK-Generalsekretärs soll entscheidungen treffen noch Resolutionen annehmen, sondern ein ANetzwerk von Beziehungen schaffen, das über die Begrenzung der bestehenden Strukturen hinausreicht. Der ÖRK beanspruche darin auch keine Führungsrolle. Bei einer ersten sondierenden Konsultation im August dieses Jahres waren nach Angaben Raisers die Pfingstkirchen und die römisch-katholische Kirche vertreten. Die Weltgemeinschaft der Evangelikalen und mehrere andere Gruppierungen hätten Interesse signalisiert.

In seinem Bericht zeigte Raiser Verständnis für Forderungen der Orthodoxen an den ÖRK. Die seit über 20 Jahren angewandte Regelung, ihnen 25 Prozent der Sitze in den Leitungsgremien einzuräumen, habe sie angesichts zahlreicher neuer Mitgliedskirchen mit meist protestantischem Hintergrund in eine Astrukturelle Minderheitssituation gedrängt. Die Gesamtzahl der orthodoxen Gläubigen hingegen entspreche wenigstens einem Drittel der Mitgliederzahl aller ÖRK-Kirchen. Dadurch seien sie in `en Leitungsgr errepräsentiert und könnten nur begrenzt Einfluss auf die Programm-Arbeit des Rates nehmen.

Fünfzig Jahre nach seiner Gründung sieht Raiser die Ökumene an einem Scheideweg. Für das 21. Jahrhundert müsse die ökumenische Bewegung eine neue "Vision und Verpflichtung" entwickeln -eine Bestätigung der bei ÖRK-Gründung formulierten Ziele genüge nicht. Leider zögen sich viele Kirchen "unter dem Druck innerer und äusserer Herausforderungen hinter konfessionelle und institutionelle Verteidigungslinien zurück". Der ÖRK, selbst in der Gefahr "institutioneller Gefangenschaft", müsse der Ökumene ein Raum wechselseitiger Annahme, aber auch gegenseitiger Herausforderung und Korrektur verschaffen. Die Entwicklung einer neuen Vision könne nur gelingen, wenn für die Vermittlung des Glaubens eine Sprache gefunden werde, die jetzige und künftige Generationen verstehen könnten, sagte Raiser. Nur so könnten diese "auf die ökumenische Berufung mit der gleichen Überzeugung antworten, wie es die Generationen taten, die den Weg bereitet haben".

Harare, 5. Dezember 1998
Ökumenischer Rat der Kirchen
Presse-und Informationsbüro