Protestantismus und Kultur

EKD-Beauftragte: " Religion und Kunst sind einander befruchtende Perspektiven"

16. Januar 2006

«Kultur ist kein Luxus, sondern ein Lebensmittel», sagt Petra Bahr. Engagiert, selbstbewusst und sprudelnd vor Ideen hat die 38-Jährige am 1. Januar in Berlin die Stelle einer protestantischen Kulturbeauftragten angetreten. Am 16. Januar wurde sie vom Ratsvorsitzenden EKD, Bischof Wolfgang Huber, in Hannover in das neue Amt eingeführt.

Die neue Kulturbeauftragte hat keine Vorgänger. Der Rat der EKD schuf das kleine Büro in der Bundeshauptstadt neu - trotz Geldsorgen. Die Kirche will ihr kulturelles Profil schärfen. Seit Kultur durch den Anschlag vom 11. September 2001 zu einem politischen Thema wurde, wird sie auch in der Kirche nicht mehr so leicht als Nischenthema abgetan. Am «Kampf der Kulturen» (Samuel P. Huntington), der Auseinandersetzung mit religiösem und kulturellem Pluralismus, kommt der Protestantismus nicht vorbei.

Die Theologin, Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Bahr erfuhr dieses Umdenken, als sie von 1999 bis 2002 als Referentin der Heidelberger Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft den Diskussionsprozess für die EKD-Denkschrift «Protestantismus und Kultur» betreute. Es gab eine «Zäsur» für den Stellenwert der Kulturfrage. Jetzt soll die Kulturbeauftragte die Anliegen der Kirche forciert in die kulturpolitischen Debatten tragen.

«Kommunikation» nennt die Theologin als erstes Ziel ihrer Arbeit. Die Kirche wolle ihren kulturellen Standpunkt im Dialog mit Kulturwissenschaftlern, Künstlern, Literaten und Historikern entwickeln. Dazu will Bahr vertrauensvolle Kontakte schaffen, ein kulturpolitisches Netz knüpfen. Als einen der ersten wird sie im Januar Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) treffen.

Weiter plant Bahr die Veröffentlichung einer Essay-Reihe über Protestantismus und Kultur. Der erste Band - über die kulturellen Grundlagen Europas - soll im Sommer im Gütersloher Verlagshaus erscheinen. Er wird herausgegeben von dem Autor Bernhard Schlink, der Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann und dem EKD-Ratsvorsitzenden Huber. Im Blick auf den zweiten Band liebäugelt die EKD-Beauftragte mit dem Thema Dichtung.

Literatur ist ein Thema, dem sich Petra Bahr ein wenig verschrieben hat. Denn im Gegensatz zu den engen Verflechtungen zwischen Theologie und Literatur in früheren Jahrhunderten ist die moderne Literatur der Kirche weitgehend fremd. «Ganze Dimensionen von Sinndeutungen» blieben den Pfarrern verborgen, sagt Bahr. Die Kirche pflegt Musik, kümmert sich um Film und Medien, unterhält Kunstkirchen in Köln und Dortmund: Kontakte zur Literaturszene hat sie bisher kaum. Das soll sich ändern.

Mangelndes Interesse bei Schriftstellern, Künstlern und Theaterleuten befürchtet die EKD-Kulturbeauftragte nicht. Sie setzt auf einen Trend, sich wieder verstärkt mit Religion auseinander zu setzen. «Religion und Kunst sind einander befruchtende Perspektiven. Künstler gehen wieder auf religiöse Themen ein», zeigt sich Bahr überzeugt: «Das Verhältnis ist sehr in Bewegung.»

Unterstützt von einem Beirat, der ihre Arbeit begleitet, will die Kulturbeauftragte auch neue Finanzierungswege für kirchliche Kulturprojekte erschließen: Sponsoring, kirchliche Kulturstiftungen und Formen «episodischen Engagements» seien ausbaubar. Es gebe ein elaboriertes protestantisches Bürgertum, das diese Arbeit unterstütze - besonders in der Generation der 30- bis 40-Jährigen, sagt Bahr.

Sie warnt davor, angesichts knapper Kassen soziales Engagement gegen kulturelles auszuspielen. Für gesellschaftliche Veränderungen brauche es «Bilder vom Gelingen», betont die evangelische Kulturbeauftragte. Zunächst befristet bis 2009 will sie versuchen diese anzuregen: «Großes inneres Kino für eine bessere Gesellschaft.»

Predigt von Petra Bahr im Einführungsgottesdienst am 16. Januar

EKD-Pressemitteilung zur Einführung von Petra Bahr