Rau stand für eine klare und weltoffene Frömmigkeit

„In überzeugender Weise christliche Grundhaltungen gelebt“

27. Januar 2006

Wolfgang Huber und Johannes Rau

Mit tiefer Trauer hat der Rat der EKD die Nachricht aufgenommen, dass Johannes Rau heute morgen gestorben ist. Der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, erinnerte an das Leben und Wirken des Bundespräsidenten, der als evangelischer Christ ein Leben lang in außerordentlicher Weise öffentliche Verantwortung wahrgenommen hat. Das Zeugnis seines Glaubens hat viele Menschen in der evangelischen Kirche wie auch weit darüber hinaus ermutigt, ihren Glauben zu leben: „Unser Bruder Johannes Rau hat gelebt, wovon er stets gesprochen hat: die Menschen zu lieben“, so Wolfgang Huber. „Unser tiefes Mitgefühl gilt in diesem Augenblick besonders seiner Familie.“ Die evangelische Kirche wie unser Land verlieren mit ihm eine herausragende Stimme, die sowohl innerhalb seiner Landeskirche, der EKD und der Ökumene als auch in Politik und Gesellschaft gehört wurde. Johannes Rau hat in überzeugender Weise christliche Grundhaltungen gelebt. Daran erinnert sich die evangelische Kirche in großer Dankbarkeit.

Am 16. Januar fand zu Raus 75. Geburtstag im Schloss Bellevue ein Empfang statt, an dem er selber aus Krankheitsgründen nicht mehr teilnehmen konnte. Bei dem Empfang war die Persönlichkeit Raus dennoch sehr präsent. Bundespräsident Horst Köhler, sein Nachfolger, schlug den Bogen von dem «bergischen Jungen» zu dem Politiker, der in zahlreichen Reden offene Worte zum Zustand der deutschen Gesellschaft fand, der in Israel und Polen besonders geachtet war. Johannes Rau habe das Vertrauen, das ihm die Bürger über fast ein halbes Jahrhundert entgegengebracht hätten, nie enttäuscht, sagte Köhler, und viel Respekt schwang in seiner Stimme mit.

2004 schied Rau aus der aktiven Politik aus. Er konnte auf eine Politikerkarriere zurückblicken, wie es nicht viele Kollegen von ihm können. 1957 trat der gebürtige Wuppertaler in die SPD ein und wurde Ende der 60er Jahre bereits SPD-Fraktionsvorsitzender in Wuppertal. Der gelernte Buchhändler, der zu jeder Gelegenheit ein passendes Bibelzitat zur Hand hatte, machte in der SPD steile Karriere. Von 1978 bis 1998 war Rau Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Als Kanzlerkandidat unterlag er 1987, 1994 verlor er die Wahl zum Bundespräsidenten gegen Roman Herzog.

Als die SPD ihn 1999 erneut für das höchste Staatsamt nominierte, erschien das vielen als Verlegenheitslösung. Einige waren enttäuscht: Keine Frau, niemand aus dem Osten, stattdessen ein SPD-Urgestein, dessen Reden jeder zu kennen glaubte. Doch Rau, dessen politischer Ziehvater der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann war - mit dessen Enkelin Christina war er seit 1982 verheiratet - stand diese Phase durch. Er setzte die Tradition der «Berliner Reden» seines Vorgängers Herzog fort - und erlangte von neuem Respekt.

Der überzeugte Christ - Rau war 35 Jahre lang Mitglied der Landessynode der rheinischen Kirche - traf den richtigen Ton, egal, ob er heikle politische Themen wie die Zuwanderung behandelte oder das Gespräch mit den Bürgern suchte. Sein brillantes Namensgedächtnis und sein unerschöpflich wirkender Vorrat an Witzen machten es dem Vater von drei Kindern leicht, Nähe herzustellen.

Die evangelische Kirche im Rheinland brachte zu seinem Geburtstag eine Festschrift heraus, in der die Vielfalt seiner Persönlichkeit zur Geltung kommt. Von einem «großen Menschenfreund» spricht darin der frühere DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. «Auch im hohen politischen Amt blieb Johannes der Freund par excellence und brachte Freundlichkeit in eine bisweilen ziemlich kalte Welt», schreibt der Theologieprofessor Jürgen Moltmann. Und der Berliner Bischof Wolfgang Huber stellt fest: «Auch seine Pointen dienen dem Verstehen.»

Der Titel der Festschrift ist angelehnt an Johannes Raus Lebensmotto: «Ich halte stand, weil ich gehalten werde», das Leitmotiv der Bekennenden Kirche während des Nationalsozialismus. Besonderen Halt fand Rau in seiner Familie, was er auch in der Öffentlichkeit nicht verbarg.

EKD-Pressemitteilung zum Tod von Johannes Rau

Pressemitteilungen aus EKD-Gliedkirchen zum Tod von Johannes Rau