Nur 39 Jahre gelebt

EKD erinnert an Dietrich Bonhoeffer

31. Januar 2006

Über dem Hauptportal der Westminster Abtei in London steht er als Statue in Stein gemeißelt: Zehn Märtyrer des 20. Jahrhunderts sind hier verewigt, und der von den Nazis ermordete Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) ist der einzige Deutsche unter ihnen. US-Präsident George W. Bush bezeichnete ihn bei seiner Rede im Deutschen Bundestag als „einen der größten Deutschen“. Nach Ansicht des Vorsitzenden des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, taugt der vor 100 Jahren, am 4. Februar 1906, geborene Theologe zum Heiligen. Dabei wurde Dietrich Bonhoeffer wurde 39 Jahre alt, bis er wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs von einem Standgericht zum Tode verurteilt und in Flossenbürg gehenkt wurde.

Kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts hat so tief in Kirche und Gesellschaft hinein gewirkt wie er. Seine theologischen Überlegungen, sein leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und zum Schluss auch sein Tod als Märtyrer finden weltweit Beachtung. Wegen des bei ihm immer spürbaren Zusammenhangs zwischen theologischem Denken, politischen Handeln und dem Leben insgesamt nennt ihn Bischof Wolfgang Huber ein Vorbild im Glauben und in diesem Sinne eben einen «evangelischen Heiligen».

Bonhoeffer wuchs als Sohn eines Psychiatrie-Professors mit sieben Geschwistern im Westen Berlins auf. Ungewöhnlich schnell kommt er an der Berliner Universität voran. Mit 21 Jahren ist er promoviert, mit 24 habilitiert, mit 25 Universitätslehrer. Auf viele, denen er begegnet ist, wirkte der Theologe kräftig und energiegeladen. Jeden habe er im Tischtennis geschlagen, berichten Freunde. Er ließ sich von schnellen Autos faszinieren, spielte gern Klavier, ließ sich ins Gefängnis Zigaretten schicken und verschmähte ein gutes Glas Wein nicht.

Während eines Studienjahres in New York erlebt er hautnah die Rassentrennung, als ein schwarzer Freund und er in getrennten Straßenbahnwagen fahren müssen. So brachte er von seinem Amerikaaufenthalt nicht nur „Gospelmusik“ mit nach Deutschland. Zurück aus New York, sieht er in den Nazis sieht er eine Gefahr für Deutschland. Bereits zwei Tage nach Hitlers Machtübernahme 1933 warnt er in einer Rundfunk-Rede davor, dass der «Führer» zum «Verführer» werden könne. Im April 1933 erwägt er unter dem Eindruck der beginnenden Judenverfolgung die Möglichkeit, «nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen».

Zermürbt von den Auseinandersetzungen in Deutschland geht Bonhoeffer als Auslandspfarrer nach London. Doch schon 1935 kehrt er aus England zurück und übernimmt ein Predigerseminar der «Bekennenden Kirche» in Pommern. Durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi erfährt er 1938 von Hitlers Kriegsplänen und zugleich von Plänen für einen Staatsstreich, die am 20. Juli 1944 schließlich umgesetzt wurden. Nach einer Vortragsreise durch die USA beginnt Bonhoeffer ein riskantes Doppelleben: 1940 lässt er sich vom deutschen militärischen Geheimdienst anwerben, wo sein Schwager und andere insgeheim für den Widerstand arbeiten. Offiziell gehört er nun zur Spionage-Abwehr. Tatsächlich aber weiht er im Ausland kirchliche Vertrauensleute, darunter etwa den Bischof von Chichester, in die Putschpläne gegen Hitler ein.

Mitten in den Kriegswirren verlobt sich Bonhoeffer Anfang 1943 mit der 18-jährigen Maria von Wedemeyer. Doch schon am 5. April wird er verhaftet. Seine Braut kann ihn nur in großen Abständen im Gefängnis besuchen. In seiner Zelle in Berlin-Tegel schreibt Bonhoeffer jene Briefe an seine Familie und an einen Freund, die später unter dem Titel «Widerstand und Ergebung» berühmt wurden.

Als das Attentat des 20. Juli 1944 scheitert, wird das ganze Ausmaß der Verschwörung deutlich, in die Bonhoeffer, sein Bruder Klaus und sein Schwager von Dohnanyi verstrickt sind. Im April 1945, alliierte Truppen rücken schon heran, bringen die Nazis den Pastor ins Konzentrationslager Flossenbürg bei Regensburg. Ein Standgericht fällt am 9. April 1945 das Urteil: Tod wegen Hochverrats. Bonhoeffer kann noch kurz beten. Dann legt er seine Kleider ab und steigt die letzten Stufen zum Galgen hinauf. Ein Lagerarzt notiert später: „Nie habe ich einen Mann so gottergeben sterben sehen.“

Pressemitteilung "EKD gedenkt Dietrich Bonhoeffers 100. Geburtstag"

Informationen über Dietrich Bonhoeffer im EKD-Internetangebot