Auch in Chile: Bildung schafft Zukunft

Erste Eindrücke einer Ratsreise nach Südamerika

09. Februar 2006

Nach der Wahl von Michelle Bachelet zur Präsidentin wird nicht nur in Chile direkt viel über die Zukunft dieses Landes geredet. Die Hoffnungen sind groß, dass sich nicht nur der Wirtschaftsaufschwung fortsetzen wird, sondern dass auch die gesellschaftlichen Spannungen, die dieses Land nach der Pinochet-Zeit noch immer durchziehen, abgebaut werden. Dies hat eine Delegation des Rates der EKD, die zur Zeit unter Leitung des Vorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, in dem lateinamerikanischen Land ist, schon in den ersten Tagen des Besuchs beobachten können.

Dabei hat die Delegation des Rates der EKD auch die andere Seite kennen gelernt: Ganz offen bekennen sich manche als „Pinochisten“. Schnell ist vom Gesprächspartner zu erfahren, auf welcher „Seite“ er steht. Dies geschieht neckend, witzelnd. Doch bleibt unter dem Frotzeln spürbar, dass die Folgen der vergangenen vier Jahrzehnte noch längst nicht überwunden sind.

Chile hat in den vergangenen Jahren unter der Regierung von Präsident Lagos wieder Anschluss an die Weltwirtschaft gefunden. So habe dieses Land weit vor anderen Ländern Südamerikas auf der internationalen Korruptionsskala europäischen Standard erreicht. Die Schere zwischen arm und reich zu vermindern, ist nun das erklärte Ziel der neuen Präsidentin. Denn die Wirklichkeit im Land sieht anders aus: Neben prächtigen Straßen prägen vor allem arme Stadtviertel das Bild von Santiago. Der Wirtschaftsaufschwung Chiles ist dort nicht angekommen. „Die Kluft zwischen arm und reich ist in den letzten fünf Jahren eher noch größer geworden“, urteilt der von der EKD in die lutherische Gemeinde „La Reconciliación“ entsandte Pfarrer Enno Haaks. Seine Gemeinde engagiert sich deshalb mit einem Projekt in einem der Armenviertel Santiago de Chiles, dass Kindern Bildung und wenigstens eine arme Mahlzeit am Tag bringen soll.

Ein ehemaliger bäuerlicher Hof bildete den Ausgangspunkt. Die einstigen Felder drum herum sind längst mit den typischen einfachen Hütten verbaut: Familien leben hier auf engstem Raum: Die Kinder bauen mit ihren eigenen Familien auf dem kleinen Grundstück ihrer Eltern ein 18 Quadratmeter großes Hüttchen. Ihre Kinder werden das genauso tun. Dieses Leben auf engstem Raum, das ist offensichtlich, fördert Gewalt und lässt Bildung keine Chance.

Begonnen hatte das Projekt mit einigen Kindern. Sie bekamen Unterricht und eine warme Mahlzeit – meist die einzige für die Kinder in diesem Viertel. Heute bietet die Schule dank zahlreicher Fördergelder und Spenden Räumlichkeiten und Angebote für acht Klassenstufen. In jeder Klassenstufe sind etwa 40 Kinder, so kann sich die Schule finanziell tragen. Denn der Staat zahlt nur nach Anwesenheit der Kinder. 33 sind für das finanzielle Überleben nötig. Dieses staatliche Schulgeld, dazu Spenden und die Erlöse von Basaren finanzieren dieses diakonische Projekt der Gemeinde. So bringt die Gemeinde praktisch „das Evangelium unter die Leute“. Die Schüler bekommen eine Schuluniform. Die Lehrer unterrichten vor- und nachmittags: Die eine Hälfte des Tages die niederen, dann die höheren Klassenstufen.

Weil es eine evangelische Schule ist, war es der Gemeinde wichtig, dass auch eine Kapelle auf dem Gelände von Schule und Kindergarten errichtet wird. Seit einem Jahr steht die allein aus Spenden von wohlhabenderen Gemeindegliedern finanzierte Kapelle. Nellli heißt die Pastorin, die seitdem Sonntag für Sonntag Gottesdienst feiert. Eigentlich beginnt der Sonntag schon mit Gitarrenunterricht. Die Musik wird in den Gottesdienst mit einbezogen. An schließt sich außer gemeinsamer Mahlzeit auch Konfirmandenunterricht – Sonntag ist Gemeindetag in der Schule.

Zur Zeit sind in Chile Sommerferien. Die Schule ist leer – fast leer. Denn eine Familie lebt die Ferienzeit über auf dem Schulgelände: Stünde es ganz leer, wäre es am Ende der Ferien mit Sicherheit leer geräumt, ahnen die Verantwortlichen. Das aber wäre ein Schaden für das ganze Viertel. Denn der Armut Chiles aus Motivation des Evangeliums mit dem Schulprojekt zu begegnen, dass ist kleine aber so wichtige Beitrag der lutherischen Gemeine „La Reconciliación“ für die Zukunft ihres Landes.