Gebildete Reformation

EKD-Delegation informiert sich über theologische Ausbildung in Argentinien

14. Februar 2006

Plaza de Mayo in Buenos Aires

Während des dreitägigen Aufenthalts einer Delegation des Rates der EKD in Argentinien haben sich die Deutschen unter Leitung des Vorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, in Buenos Aires auch über die reformatorisch-theologische Ausbildung in Argentinien informiert. Ein Mitglied der Delegation berichtet:

„ISEDET ist der Name der renommiertesten spanischsprachigen theologischen Hochschule reformatorischer Prägung in Argentinien. Um die Ausbildung ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer genauso wie anderer gemeindeleitender Personen durchzuführen, haben sich neun Kirchen reformatorischer Tradition zusammengeschlossen, unter anderem die La-Plata-Kirche, Anglikaner, schottische Presbyterianer, Lutheraner. Die Orientierung des Lehrplans geschieht in reformatorischer Theologie. Die Ausbildung dauert im Grundstudium vier, das Aufbaustudium weitere zwei Jahre.

Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit von ISEDET liegt in einem Theologischen Ausbildungsprogramm mit den einheimischen Völkern (PPO, von Programa de Educación Teológica con los Pueblos Originarios; gemeint sind die indianischen Völker), das insbesondere in der Provinz Chaco im Norden Argentiniens durchgeführt wird.

An diesem Programm nehmen verschiedene indianische Gemeinschaften des als Toba bekannten Volkes (dessen eigener Name Qom lautet) teil, die größtenteils in einem Zustand sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ausgrenzung leben. Diese Situation artikuliert sich in der Arbeitslosigkeit und in den übermäßig großen Schwierigkeiten, zu Landbesitz, Wohnung, Gesundheit und Ausbildung zu kommen. Dies alles ist zugleich das Ergebnis einer langen Geschichte von Angriffen und Verachtung von Seiten der nicht indianischen Welt, die die einheimischen Völker zu einem Zustand kultureller Entfremdung und Verleugnung ihrer eigenen Sprache, Sitten und Traditionen, mit der viele Generationen hindurch die ursprünglichen Bewohner dieses Teils der Erde gelebt haben, geführt hat. Andererseits machen die Härte des Klimas, die Entfernungen, der Mangel an Trinkwasser und ähnliche Probleme weitere Schwierigkeiten aus, die ebenfalls angegangen werden müssen.

In den letzten Jahren hat der Einsatz vieler solidarischer Organisationen und Institutionen, unter denen sich auch ISEDET befindet, dazu beigetragen, ein stärkeres Bewusstsein der Situation schaffen, während gleichzeitig verschiedene Projekt zur Förderung der Lebensqualität, Suche nach Alternativen auf dem Arbeitsmarkt, Rückgewinnung des Landes und Aufbau eines Gesundheitswesens gestartet wurden. Wir müssen aber zugeben, dass wir noch weit entfernt von dem sind, was in Sachen gleicher Rechte und gleicher Chancen für alle zu wünschen ist. Aus diesem Grund sind wir der Meinung, dass der Zugang zum Wissen und zur Bildung eins der Schlüsselelemente zur Verbesserung der Lebensmöglichkeiten und zur Bekämpfung der noch bestehenden unermesslich tiefen Gegensätze ist.

Das Hauptziel des Programms der gemeinschaftlichen Bibelschule besteht in der Schaffung von Freiräumen für biblisch-theologische Überlegungen zur Förderung verschiedener Aspekte des Lebens der Gemeinden und ihrer sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Situation. So wird vieles gefördert: zum Beispiel die Begründung des geschichtlich gewachsenen Rechts der Wiedererlangung, Nutzung und Bearbeitung des Landes; die Konsolidierung der sich entwickelnden Organisation der Gemeinden, verbunden mit der Suche nach alternativen Arbeitsmöglichkeiten, dem Aufbau von Kleinbetrieben, der Produktion von Gütern für den Eigenbedarf, der gesundheitlichen Versorgung in Händen der Gemeinde; die Förderung der Begegnung und des Austausches zwischen den verschiedenen einheimischen Gemeinden und religiösen Gruppierungen; die Integration und Verbindung der einheimischen evangelischen Spiritualität mit den bedeutenden kulturellen Werten und der Identität der einheimischen Völker; die Förderung des interkulturellen Dialogs mit dem Ziel einer besseren Eingliederung in die offene und multikulturelle Gesellschaft.

Die Bibel ist der wichtigste Achse des Programms und ein privilegierter Sammelpunkt der ganzen Arbeit. Es wir erwartet, dass wir gemeinsam durch ein neues Lesen der Bibel in Freiheit den Gott des Lebens wiederfinden können, den Gott, der das Leben schafft und schenkt. Es handelt sich dabei um den Versuch, gemeinsam den Weg zu gehen, als einheimische Völker und als eingewanderte Menschen und deren Nachkommen; verbunden im Glauben an den gleichen Herrn, der es uns ermöglicht, unsere Unterschiede im Rahmen gegenseitigen Respekts beibehalten zu dürfen, um gemeinsame Ziele in Angriff nehmen, die uns bereits jetzt den neuen Himmel und die neue Erde entdecken und erfahren lassen, die uns im 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes verheißen werden.

Auf dem Hintergrund des gegenwärtigen Glaubenssystems und der Geschichte der indianischen Gemeinschaften ist die Bibel einer der wichtigsten Mittelpunkte der Reflexion und des Handelns der Gemeinden. Sie ist die Grundlage für die verschiedenen Projekte und deren Gestaltung. Somit verwandelt sich das Programm der biblisch-theologischen Ausbildung in ein bedeutendes Instrument der Bewusstseinsbildung, der Motivation der Gemeinden und der Stabilisierung der Leitungsgremien, und ist eng mit dem Bemühen um die Würde und der Rechte der einheimischen Völker verbunden.

Einer der bedeutungsvollen Aspekte des Prozesses der Bewusstseinsbildung und des Engagements der einheimischen evangelischen Gemeinden und einiger Sektoren der nicht indianischen Öffentlichkeit, die diese Gemeinden seit einigen Jahren begleiten, ist der bedeutsame Fortschritt bei der Integration von zwei grundlegenden Begriffen: Bibel und Land/Erde. Die beiden Begriffe waren zeitweilig voneinander getrennt, da eine bestimmte religiöse Denkweise sie in gegensätzlichen Ebenen, der „geistlichen“ und der „weltlichen“, untergebracht hatte. Bei der nun stattfindenden Annäherung und Vermittlung haben viele Elemente der integralen Dimension der traditionellen indianischen Weltanschauung und der integrierenden Tendenz ihres religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens mitgewirkt, und ebenso auch ein erneuertes Bemühen um das Verständnis und eine angemessene Interpretation der Bibel.
Das Land ist ein wesentlicher Bestandteil des Lebens, der Identität und der Entwicklung aller Völker, und ganz besonders der einheimischen Völker und Gemeinschaften ganz Amerikas, die eine sehr starke Beziehung zur Erde, ihrem Land und der gesamten Natur bewahren. Die Formel, die diese Beziehung der Einheimischen mit der Erde und dem Land bestens beschreibt, lautet „Teil der Erde und des Landes zu sein“. Dies bedeutet, dass der Mensch der Erde und dem Land gehört, und nicht umgekehrt das Land dem Menschen. Deshalb steht auch das Eintreten um die Wiedererlangung, Nutzung und Bearbeitung des Landes auf der Liste der elementaren und vorrangigen Bemühungen, um die weiterhin gerungen wird.

Das Programm legt gleichermaßen besonderes Gewicht auf ein Ausbildungsmodell, das den interkulturellen Dialog und die Zweisprachigkeit fördert und festigt. Auf diesem Gebiet sind die Angebote des Staates noch sehr dürftig und zeugen vom geringen Interesse breiter Sektoren der nicht indianischen Gesellschaft, in diesem Bereich voranzukommen. In diesem Sinne sprechen wir nicht von einem Ausbildungsprojekt, das auf der Suche nach einer „reinen indianischen Theologie“ wäre, sondern von einer „dialektischen Theologie“, die fähig sein soll, die wichtigsten Aspekte der einheimischen Kultur auszudrücken und zugleich die heutigen Ansprüche der Gemeinden vertreten zu können. Dabei ist uns bewusst, dass dieser Prozess unvermeidlich einer permanenten Spannung zwischen der Erhaltung der einheimischen Identität und den Einflüssen der Kultur der Umwelt ausgesetzt ist.

Die realen Lebensbedingungen der einheimischen Völker, ihre wirtschaftlichen, politischen und sozialen Perspektiven, die zum großen Teil das Ergebnis einer systematischen staatlichen Politik der Einverleibung und/oder der Vernichtung dieser Völker sind, zwingen sie heute dazu, den Versuch der Herstellung neuer Beziehungen mit der Gesellschaft zu unternehmen, in der sie ganz eindeutig in der Minderheit sind. Sie müssen Bedingungen finden, unter denen sie ihre Kultur nicht nur zurückgewinnen, sondern auch stabilisieren können. Zugleich müssen sie auch kulturelle, wirtschaftliche und politische Bedingungen erringen, die für diese Prozesse die nötigen Freiräume schaffen können. Lernprozesse, und in diesem Rahmen die religiöse Bewusstseinsbildung, sind ausschlaggebende Faktoren einer Sozialisation, die es den Einheimischen wie auch anderen nicht indianischen Teilnehmern erlaubt, kritische und fruchtbare Beziehungen zur Gesellschaft, in der wir leben, wahrzunehmen und zu verarbeiten.

Bei den herrschenden Umständen führt das Gegenteil unausweichlich zu der einen oder anderen Form der Ausrottung von Minderheitsgruppen. In diesem Sinne bewirken auch die von Seiten gewisser anthropologischer Tendenzen gemachten Vorschläge zur „Erhaltung der reinen einheimischen Kulturen“ nichts anderes als die Beschleunigung der gleichen tragischen Konsequenzen früherer Pläne der Einverleibung bzw. Auslöschung. Deshalb beabsichtigt das Programm, bewusst an der Stabilisierung der eigenen einheimischen Identität mitzuarbeiten, und gleichzeitig die Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, die Welt, in der es täglich zu leben und zu kämpfen heißt, zu verstehen und mit ihr umzugehen.“