Episodenfilm "Alle Kinder dieser Welt"

Die Schauplätze reichen von Afrika bis Amerika

11. April 2006

Renommierte Regisseure machen auf die armen und vergessenen Kinder dieser Welt aufmerksam: In sieben Kurzfilmen beschreiben die Filmemacher Hoffnung und Elend - mit Protagonisten, die von den Medien oft ignoriert werden oder in nüchternen Kriminalitätsstatistiken verschwinden. Das Filmprojekt "Alle Kinder dieser Welt" entstand in Zusammenarbeit mit dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF, dem Welternährungsprogramm und dem italienischen Außenministerium. Ein Teil des Erlöses geht an Kinder in Afrika.

Die Beiträge dieses Episodenfilms sind von unterschiedlicher Qualität. Am interessantesten ist der Film von Katia Lund, Co-Regisseurin von "City of God", die in "Bilu & João" einen Tag im Überlebenskampf zweier Straßenkinder schildert. Wie winzige Ameisen flitzen sie durch São Paulo, Kleinst-Unternehmer am Ende der Wertschöpfungskette: Das sich liebevoll umsorgende Pärchen sammelt Alu-Müll und träumt von einer warmen Mahlzeit.

Allein im Dschungel sind in Mehdi Charefs Kurzfilm "Tanza" auch Kindersoldaten irgendwo in Afrika, kurz vor dem Angriff auf ein Dorf. Der Film leidet jedoch unter seinen mühsam in angelerntem Englisch aufgesagten Dialogen. Eine von kindlicher Unbefangenheit untermalte Getriebenheit zeigt auch Stefano Venerusos "Ciro", ein neapolitanischer Straßenräuber mit deutlichem Pasolini-Touch.

Jordan und Ridley Scott dagegen vermengen in "Jonathan" die Kindheitserinnerungen eines traumatisierten britischen Kriegsfotografen mit seiner Erinnerung an Kriegswaisen vom Balkan - was im Gegensatz zu den anderen, durchaus hoffnungsvollen Filmen den eher unangenehmen Eindruck erwachsenen Selbstmitleids hinterlässt.

Da sich die Filme lehrhaft an das erwachsene Gewissen richten, ist es wenig erstaunlich, dass Eltern, sofern vorhanden, stets als das eigentliche Problem erscheinen. Spike Lees "Jesus Children of America", eine in ihrer aufklärerischen Nüchternheit schrecklich traurige Episode, erzählt von dem Mädchen Blanca, das wegen seiner Aids-Infizierung in der Schule gemobbt wird und daheim mit seinen hilflosen Junkie-Eltern klarkommen muss. Nebenbei erfährt man, dass der Vater wissentlich seine Frau angesteckt hat.

Auffallend ist, dass entgegen gängiger pädagogischer Meinungen die Schule nie als Zwang, sondern als größte kindliche Sehnsucht, als Schutzraum vor den Großen erscheint. Besonders krass wird dies von Emir Kusturica mit Hilfe seiner üblichen Masche, der Demonstration lustigen Zigeuner-Trubels, in "Blue Gipsy" zugespitzt. Diesmal steht die Musik für die familiäre Versklavung eines Jungen, der in die Kriminalität gezwungen wird und die Flucht zurück in die Besserungsanstalt vorzieht.

Den Abschluss bildet John Woos "Song Song and Little Cat", in dem sich die kleine "Miezemaus" mit der märchenhaften Vision einer Schule samt Uniformen tröstet. Angelehnt an Chaplins "The Kid" wird das winzige Mädchen, das jeden Niedlichkeitspreis gewinnen würde, in einer chinesischen Großstadt zunächst von einem Müllsammler großgezogen.

Nachdem Miezemaus' Ersatzvater umgekommen ist, erfährt es eine wortlose Seelenverwandtschaft mit einem reichen Kind, das von seinen egozentrischen Eltern psychisch vernachlässigt wird. Woo erweist sich hier als intelligenter, vor Kitsch nicht zurückscheuender Regisseur. Indem er im eigenen Land Dritte und Erste Welt aufeinander prallen lässt, hebt er auch unsere Distanz zum Elend auf.

Alle Kinder dieser Welt. Frankreich/Italien 2005. Mit Filmen von Mehdi Charef, Emir Kusturica, Spike lee, Katia Lind, Jordan und Ridley Scott, Stefano Veneruso, John Woo. Länge: 129 Min. FSK: Ab 6, ff.