Die Welt der Einbildungskraft ist nicht die Wirklichkeit

Da-Vinci-Code – Ausdruck der Sehnsucht nach der Verrätselung der Welt

18. Mai 2006

Haben etwa Milliarden von Christen das Falsche geglaubt? Irgendwann hätte es ihm gereicht, all die Fragen zu beantworten, sagt Pfarrer Roumanet. Seine Kirche, Saint-Sulpice in Paris, ist Schauplatz in dem Religionsthriller „Sakrileg“ von Dan Brown. Busladungen voller Lesetouristen aus aller Herren Länder fielen in seine Kirche ein, um den Ort, der im Roman das Geheimnis über die Wahrheit des Christentums birgt, zu bestaunen und selbst noch ein paar verborgene Zeichen zu finden. Nun hängt ein maschinengeschriebenes Blatt an der Wand neben der Sakristei, in dem er alle „frei erfundenen Behauptungen des Erfolgsromans“ auflistet. Eine ziemlich lange Liste.

Offenbar ist der Pfarrer längst Teil eines Romans geworden, dessen mäßige Qualität und simple Strickmuster seinen grandiosen Erfolg nicht verhindert haben. Und was Millionen von Menschen fesselt, muss – das ist Gesetz – von Hollywood verfilmt werden. Viele kluge Leute haben sich in den letzten Tagen und Wochen die Mühe gemacht, wie der Pfarrer von Saint Sulpice, all die Verschwörungstheorien, Falschaussagen, esoterischen Weisheitslehren und kruden Phantasiebehauptungen über das Leben Jesu, die Entstehung des Christentums und seine Bedeutung in der Gegenwart zu korrigieren. Das ist gut so, denn offenbar sind viele Leser in die Falle getappt, die der Autor im Vorwort des Romans aufgestellt hat. Alle Fakten beruhten auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, kann man dort lesen. Ein alter Trick der Dichter. Die Welt der Einbildungskraft wird als die eigentliche Wirklichkeit ausgegeben. Die Realität, mit der wir es zu tun haben, ist dagegen ein riesengroßer Bluff oder eine gemeine Lüge. Kunsthistoriker und Theologen raufen sich die Haare. Was kann denn da noch wahr sein? Aufklärung tut not.

Ja, die Kirche hat eine frauenfeindliche Tradition, die sie in Teilen immer noch nicht überwunden hat. Eine größere Rolle der biblischen Frauengestalten würde dem christlichen Glauben gut tun. Aber muss deshalb Maria Magdalena für eine Männerphantasie herhalten, wie sie durchsichtiger nicht sein könnte? Ja, es gibt dann und wann einen zweifelhaften Umgang mit der Wissenschaftsgeschichte des Christentums und der Bibelforschung in kirchlichen Institutionen, aber in wessen Interesse sollte es liegen, „tausende von Evangelien“ zu verbrennen und nur die vier übrig zu lassen, die heute im Neuen Testament zu finden sind? Ja, es gibt problematische Gruppen innerhalb der katholischen Kirche wie die Opus Dei, der auch innerhalb des Katholizismus Kontroversen auslöst. Verschwörungstheorien, die Dan Brown aufnimmt, sind ein alter Hut. Viele stammen schon aus dem 18. Jahrhundert. Sie haben unterschiedliche Wurzeln. Manche kommen aus der radikalen Religionskritik der Aufklärung, die selbst wie eine Weltanschauung funktionierte, manche Ideen verdanken sich esoterischen Gruppen, manche Traditionen gehen schon auf die Gründungsphase des Christentums zurück, manche sind die Ausgeburt der unheimlichen Einbildungskraft von rechtradikalen oder linksradikalen Antisemiten und Kirchenverächtern. Andere wiederum werden mit dem unscharfen Begriff der Gnosis verbunden und zeigen, dass der Beginn des Christentums ein vielfältiger Prozess war, in dem um die wahre Interpretation des Evangeliums von Jesus Christus noch gestritten wurde.

Wenn die Verschwörungstheorien, pseudowissenschaftlichen Erkenntnisse und Thesen so alt und so oft zitiert sind, warum begeistern Roman und Film gerade jetzt? Vielleicht äußert sich in der Begeisterung, die zwischen Wirklichkeit und Fiktion nicht unterscheiden will, eine Sehnsucht nach der Verrätselung der Welt. Der entzauberte Alltag, in dem auch die Kirche für viele Menschen mehr Verwaltung von Macht denn Ort für eigene religiöse Erfahrung ist, verwandelt sich ein einen Kosmos von Mythen, Geheimschriften und verborgenen Nachrichten. Das ursprünglich Religiöse soll hinter den Mauern der Kirchengeschichte entdeckt und befreit werden, das eigene Leben wird so zum Abenteuer der Befreiung der Religion aus den Fängen der Kirche. Auch das ist ein alter Reflex: die Kirche als Institution verfälscht den Glauben. Ja, das kann immer wieder passieren, aber ohne die Kirche in ihrer sichtbaren Gestalt verstummt der Glaube, er wird zu einer Privatsprache ohne Gemeinschaftsbezug – ein Glaube, der nur in der Einbildungskraft des Einzelnen lebt. Wie ein Roman. An dieser Stelle liegt vielleicht das größte Missverständnis des Dan Brown und den anderen Verschwörungstheoretikern. Kirche ist nicht die Gralshüterin dogmatischer Traditionen und geschützten Wissens, Kirche ist vielmehr die Gemeinschaft der Gläubigen, die Tradition und Wissen immer wieder kritisch überprüfen muss, weil Menschenwissen eine vorläufige Angelegenheit ist. So sieht es jedenfalls Martin Luther. Und: Kirche ist der Ort, wo das Geheimnis des Glaubens gefeiert wird. Dafür bedarf es keiner Geheimhaltung. Das kann man hier und heute erfahren.

Aufklärung tut Not und kann mindestens so spannend sein wie ein Thriller. Auch Bildung in Sachen Religion ist kein alter Hut, sie kann Menschen begeistern, wie die zahllosen Sachbücher zu „Sakrileg“ und zum Film „Da-Vinci-Code“ zeigen. Dan Brown zeigt dabei letztlich eines und kann hier an dieser einen Stelle ganz ernst genommen werden: mit den Mitteln der Wissenschaft, so faszinierend sie ist, kommt man dem Geheimnis des Glaubens nicht näher.