Zwei Welten begegnen sich

Krimi – Abenteuer – Fantasy: Alles auf einmal

31. Mai 2006

Auschnitt aus dem Titelblatt des Buches: Die Medlevinger

Da sei angeblich seit dem Bruderzwist zwischen Kain und Abel eine andere Welt unter der Erde, wo die gerade einmal puppengroßen Medlevinger leben. Gab es ursprünglich mal Kontakt zwischen den erfinderischen Menschen und den an besonderen Begabungen reichen Medlevinger hat die Gier nach Gold den Kontakt abrechen lassen. Zwei Medlevinger sind Jahrhunderte später irgendwo in Althamburg in die Welt der Menschen eingedrungen und haben Erfindungen aus der Menschenwelt mit in die Welt unter der Erde genommen. Doch bei einem ihrer Streifzüge ist es dann – wie könnte es anders sein – schief gegangen. Die beiden Medlevinger-Kinder Nis und Moa machen sich auf den Weg in die Menschenwelt, um die Verschollenen zu suchen. Im elfjährigen Menschenkind Johannes finden sie einen Verbündeten, der mit ihnen durch die Abenteuer in Hamburg streift: Mit seiner Hilfe hoffen Nis und Moa die gefangen gehaltenen Medlevinger befreien zu können. Im Gegensatz zu den Medlevingern, die besondere Gaben wie Unsichtbarwerden oder Tiersprachenverstehen haben, ist Johannes ganz auf seine menschlichen Fähigkeiten wie Durchhaltevermögen und Tatkraft, Konzentration und Mut, aber auch Freundschaft und Solidarität angewiesen.

Das Drama des biblischen Bruderzwists, als „Kain sich wider seinen Bruder Abel erhob“, bildet die Folie, auf der Kirsten Boie einen fesselnden Kinderroman schreibt, der nicht einzuordnen ist: Krimi, Abenteuer, Fantasy – keine Schublade ist stimmig – und so wird es ein spannendes und unterhaltsames Lehrbuch für Jugendliche, wie das Fremde durch Vertrauen neue Erfahrungsräume schaffen kann. Ist der Kontakt zwischen den beiden Völkern bisher auf düstere Mythen und Märchen aus der gemeinsamen Vorzeit beschränkt, gelingt es den drei Jugendlichen den Vorurteilen zu widersprechen. Dabei scheint sich der tödliche Ausgang des Bruderdramas unaufhaltsam zu wiederholen. Schutzgelderpressung auf dem Schulhof und skrupelloser Gier machen die Geschichte von Kirsten Boie zum Krimi. Die Freude und Faszination über technischen Fortschritt und die Selbstverständlichkeit des Wunderns und Staunens machen die Geschichte zum Abenteuerroman. Und hinter all dem Abenteuer und der menschlichen Normalität eines von Umzug und Arbeitssuche geprägten Alltag ist die tiefe Sehnsucht nach einer heilen Welt zu spüren. Letztendlich bleibt es ein Roman über die Suche nach Vätern, in welchem es einer Allianz zwischen mutigen Medlevingern und dem elfjährigen Johannes gelingt, den Mord doch noch abzuwenden und in der Angst und Mühe des Alltäglichen reelle Zuversicht zu stiften.

Die Autorin Kirsten Boie ist 1950 in Hamburg geboren, studierte Deutsch und Englisch, promovierte in Literaturwissenschaft und war als Lehrerin im Gymnasium und in der Gesamtschule tätig. 1985 erschien ihr erstes Kinderbuch „Paule ist ein Glücksgriff“. Seitdem hat sie über 80 Bücher geschrieben: vom Bilderbuchtext bis zum Kinderroman, vom Erstlesebuch bis zum Jugendbuch. Für ihre Werke wurde Kirsten Boie bisher mehrfach ausgezeichnet. Jetzt erhält sie den Evangelische Buchpreis, der seit 1979 in wechselnden Sparten verliehen wird, seit 1998 auch für Kinder- und Jugendliteratur. Er ist ein Leserpreis, dessen Auswahl ausschließlich auf Vorschlägen von Leserinnen und Lesern beruht. Aus den 78 Vorschlägen der Leserinnen und Leser im vergangenen Jahr wählte die Jury, der Büchereimitarbeitende und zwei Jugendliche angehörten, das Kinderbuch „Die Medlevinger“ aus.

Deutscher Verband evangelischer Büchereien


Grußwort des Ratsvorsitzenden zum Evangelischen Buchpreis 2006:

"Lässt sich der Brudermord stoppen? Das Drama des biblischen Bruderzwists, als „Kain sich wider seinen Bruder Abel erhob“, bildet die Folie, auf der Kirsten Boie einen fesselnden Kinderroman schreibt: Die Nachkommen Abels, die Medlevinger, lebten einst gemeinsam mit den Menschen, bevor sie aus dieser Welt in eine unterirdische vertrieben wurden. Der Kontakt zwischen beiden Völkern würde sich auf düstere Mythen und Märchen aus der gemeinsamen Vorzeit beschränken – wäre es nicht einem neugierigen Nachkommen Abels gelungen, einen Weg in die Menschenwelt zu finden. Er wird just von dem goldgierigen Nachkommen Kains entdeckt und gefangen genommen.

Der tödliche Ausgang des Bruderdramas scheint sich unaufhaltsam zu wiederholen. Der Leser durchlebt ihn an Themen wie Schutzgelderpressung auf dem Schulhof und skrupelloser Gier. Freude und Faszination über technischen Fortschritt finden während der dramatisch-komischen Suche nach Lösungswegen genauso Platz wie die Selbstverständlichkeit des Wunderns und Staunens. Hinter einem von Umzug und Arbeitssuche geprägten Alltag scheint die tiefe Sehnsucht nach einer heilen Welt. Ein Roman über die Suche nach Vätern, in welchem es einer Allianz zwischen mutigen Medlevingern und dem elfjährigen Johannes gelingt, den Mord doch noch abzuwenden und in der Angst und Mühe des Alltäglichen reelle Zuversicht zu stiften.

Der Evangelische Buchpreis rückt wieder ein bemerkenswertes Buch ins Licht einer allgemeinen Öffentlichkeit. Ich freue mich darüber und gratuliere von Herzen."

Berlin, 31. Mai 2006

Bischof Wolfgang Huber
Vorsitzender des Rates
der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)