Der "Heilige Geist" an Seilen

Die Taube symbolisiert das Pfingstwunder

02. Juni 2006

Pfingsttaube unter einem Kirchendach

Wie die Krippe zu Weihnachten und die Eier zu Ostern gehört die Taube zu Pfingsten, dem dritten großen Fest der Christenheit. Seit den Anfängen der christlichen Kirche symbolisiert die Taube den Heiligen Geist, der nach der Apostelgeschichte an Pfingsten die Jünger Jesu mit Glaubensüberzeugung erfüllte, worauf sie anfingen "zu predigen in anderen Sprachen". Diese "Ausgießung" des Heiligen Geistes gilt als Ursprung der Kirche und Beginn der christlichen Mission in allen Erdteilen.

Im Gegensatz zu den anderen Festen mit ihren greifbaren Inhalten tat sich die Kirche schwer, Pfingsten in Bilder zu fassen. Immer wieder wurden "feurige Zungen" gemalt, die vom Himmel auf die Jünger fielen - und vor allem die Taube. Dabei haben sich die Künstler an das Lukas-Evangelium gehalten, demzufolge der Heilige Geist "sichtbar in Gestalt einer Taube" den Menschen zuteil wurde. Neben der Taube wurde der Heilige Geist aber auch häufig als Mann oder Jüngling dargestellt.

Angesichts dieser künstlerischen Vielfalt sprach Papst Benedikt XIV. (1740-1758) ein Machtwort und ordnete an, dass der Heilige Geist nur in Form einer Taube bildlich umgesetzt werden darf. Bis heute hat die Taube ihren festen Platz in den Kirchen. Meist ist sie im Gewölbe der Kirchen angebracht, in evangelischen Kirchen auch häufig auf dem "Schalldeckel" über den Kanzeln.

Vor allem in Süddeutschland und in Österreich erlebten die Gottesdienstbesucher an Pfingsten ein besonderes Spektakel. Um das religiöse Geschehen zu verdeutlichen, wurde eine hölzerne Taube an Seilen durch eine Luke, das "Heilig-Geist-Loch", vom Dachboden in die Kirche hinab gelassen und schwebte über den Köpfen der Kirchgänger. Da es bei dieser Prozedur immer wieder zu Unfällen kam und die neue Rationalität der Aufklärung mit derartigem Brauchtum ohnehin nicht viel anfangen konnte, verstaubten die großen hölzernen Tauben mehr und mehr auf den Dachböden der Kirchen.

Neben der Verkörperung des Heiligen Geistes steht die Taube, die ihr ganzes Leben monogam mit nur einem Partner verbringt, in der Bibel auch für Liebe und Erotik. Dabei greift die Bibel offensichtlich auf antike Traditionen zurück: Bereits im alten Babylon galt die Taube als Botin der altorientalischen Liebesgöttinnen.

Während andere alte Pfingstbräuche mehr und mehr aussterben, hat sich die Taube als Symbol erhalten - weit über den kirchlichen Raum hinaus. Inspiriert von der biblischen Erzählung der Arche Noah, in der eine Taube mit einem Ölbaumzweig im Schnabel nach der Sintflut den göttlichen Frieden anzeigt, hat Picasso für den Friedenskongress 1949 in Paris seine "Friedenstaube" entworfen. Diese weiße Taube auf blauem Grund ist bis heute das weltweiten Sinnbild für die Friedensbewegung.

Die Pfingstpredigt des EKD-Ratsvorsitzenden im Wortlaut

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