Abendgebet im Internet?

Europäisches Internet-Netzwerk tagt zu Online-Gemeinschaften

16. Juni 2006

Das Internet ist nicht einfach eine günstige Möglichkeit, Dokumente zu veröffentlichen. Es ist ein soziales Netzwerk, in dem sich Menschen treffen, um über christliche Themen zu diskutieren. Die Kirche dürfe sich nicht der Idee verschließen, dass sogar Gottesdienste im Internet gefeiert werden können, meinte Andy Lang, der bei der amerikanischen United Church of Christ (UCC) für Fragen der Online Kommunikation zuständig ist. Auf der diesjährigen Internetkonferenz der europäischen Kirchen (ECIC) stellte Lang das Konzept einer virtuellen Gemeinde vor, die von der UCC vor wenigen Monaten gegründet wurde. Etwa 600 Abonnenten erhielten jede Woche einen Newsletter zu christlichen Themen. In Online-Foren könnten Interessierte über Fragen des Glaubens diskutieren oder sich für eine Online-Gemeinde registrieren, führte Lang das Konzept aus. Die UCC will in der Gestaltung der Community traditionelle Kirchensprache vermeiden, um auch säkular geprägte Menschen einen Zugang zum Glauben zu eröffnen. So werden im amerikanischen Kontext die zehn Online-Pastoren der Online Gemeinde als "i-guides", als eine Art professioneller Online-Begleiter, bezeichnet. Ein tägliches Abendgebet soll das Netzwerk demnächst ergänzen, bei dem sich die Menschen in einem Chatroom zum gemeinsamen Gebet treffen.

Man müsse ein Chat-Gebet wohl einmal erlebt haben, um die Kraft zu spüren, die in dem gemeinsamen Schreiben des Vaterunser in einem Chat liege, betonte Tom O. Brok. Er stellte den Teilnehmern der Konferenz das Konzept einer Evangelischen Online-Gemeinschaft vor, die die EKD in diesem Jahr gründen will. Innerhalb dieses Pilotprojekts soll der Frage nachgegangen werden, welche Mechanismen eine Online-Gemeinschaft zusammenhalten. Aber auch die Perspektive, ob eine virtuelle Gemeinschaft die Verbundenheit der Mitglieder mit der evangelischen Kirche stärken kann. Das Internet als Medium der Verkündigung zu nutzen, ist für die ev. Kirche eine Entdeckungsreise. Erste Versuche, internetgemäße Verkündigungsformate zu nutzen, gibt es bereits, aber Kriterien für die Gestaltung müssen noch systematisch beschrieben werden.

Die Teilnehmer der Konferenz waren sich einig, dass viele Menschen im Internet nach religiösen Themen suchen. Die Idee einer Online-Gemeinde werde nicht künstlich ins Internet hineingetragen. Gerade für Menschen, die viel unterwegs sind, die sich in keiner Gemeinde vor Ort zuhause fühlen oder für behinderte Menschen könne dies eine gute Chance sein, Menschen zu treffen und ihren Glauben zu leben. Weitere Projekte der dänischen Volkskirche und der anglikanischen Kirche ergänzten die Darstellung.

"Seid mutig und entwickelt Visionen für die Kirche von morgen!" Mit diesen Worten eröffnete der Präsident des Netzwerkes, Juha Kinanen aus Finnland, die Konferenz am Mittwoch Abend. An der Europäischen Christlichen Internetkonferenz nehmen 40 Internetbeauftragten verschiedener Kirchen, Konfessionen und Institutionen aus vierzehn Ländern teil. Die Beauftragten diskutieren aktuelle Konzepte und wollen gegenseitig von den Erfahrungen der Kollegen und Kolleginnen aus der Ökumene profitieren. Die ECIC-Tagung findet noch bis zum 18. Juni 2006 in der "Royal Foundation of St. Katharine" in London statt.

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