Hospizarbeit: Berührungsängste abbauen

Mobile Hospizakademie schult Lehrer beim Umgang mit schwer kranken Kindern

22. Juni 2006

"Ich nehme jeden Schüler, nur nicht Paul", wehrte Ursula Feurich ab. Paul, 16 Jahre alt und unheilbar krank, sollte Ende vergangenen Jahres in die Klasse der Sonderpädagogin kommen. Weil es ihm immer schlechter ging, drängte das Kollegium auf Unterricht daheim. Paul hingegen gurgelte jeden Morgen sein fröhliches Hallo in den Tag, schnitt Grimassen und war noch glücklich, mitten im Leben zu sein.

Acht Monate später blieb Pauls Platz eines Morgens leer - für immer. "Ich bin so froh, dass ich mich damals für Paul entschied und gegen meine eigenen Ängste." Feurich hatte den 16-Jährigen gegen die Bedenken der Kollegen doch in ihre Klasse aufgenommen. Sie begleitete ihn und seine Eltern bis zum Schluss, bereitete sich und die Mitschüler auf diesen Abschied vor und ist heute gemeinsam mit zwei weiteren Kolleginnen Motor einer Förderschul-Initiative in Halle an der Saale.

Mehr als 22.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland leben nach Angaben des Instituts für Kinderschmerztherapie Datteln mit einer tödlichen Krankheit. Trotzdem besuchen sie oft Kindergärten oder Schulen, wo Lehrer dem Thema "Kind und Tod" zumeist hilflos gegenüberstehen. Das will die erst im März gegründete mobile Deutsche Kinderhospizakademie im sauerländischen Olpe, die einzige dieser Art in der Bundesrepublik, ändern. Ihr Ziel ist es, gesellschaftliche Berührungsängste zum Thema "Kind und Tod" abzubauen und Pädagogen zu helfen, mit der schwierigen Situation umzugehen.

"Wenn ein Schüler stirbt" lautete zum Beispiel ein Akademie-Seminar in Meißen. Es habe Sachinformationen zum Sterbe- und Todeserleben von Kindern gegeben, Pantomimen- und Skulpturenspiel sowie Begegnungen mit ebenfalls Rat suchenden Kollegen, berichtet Ursula Feurich, die daran teilnahm.

Nach einer Studie des Instituts für Sonderpädagogik der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg gibt es bei den Pädagogen eine enorme Unsicherheit im Umgang mit Sterben und Tod bei chronisch kranken Kindern. "Der Aufbau von kindlichen und jugendlichen Strategien zur Krisenbewältigung gehört heute einfach zum pädagogischen Bildungsauftrag, erst recht in Förderschulen", sagt Sven Jennessen, Sonderpädagoge und Mitglied des Oldenburger Studienteams.

Den befragten Lehrern bescheinigt die Untersuchung in allen Aspekten der Begegnung mit den kranken Kindern und deren Familien Orientierungslosigkeit, persönliche Ängste sowie ausgeprägte Hilflosigkeit. Die Folge: Der Erziehungs- und Unterrichtsstil und somit das Klima in den Klassen sei geprägt von methodisch-didaktischer Unwissenheit, sich adäquat mit dem Thema auseinander zu setzen.

"Wir verzichten ganz bewusst auf ein zentrales Haus. Wir wollen in Wohnortnähe der Teilnehmer Partner gewinnen", erklärt Edith Droste, Diplom-Politologin und Leiterin der Kinderhospizakademie. Dazu seien für dieses Jahr etwa hundert Seminare, Workshops und Fachtagungen geplant. Träger ist der Deutsche Kinderhospizverein. Die Akademie finanziert sich ausschließlich über Spenden und erwartet Kosten im fünfstelligen Bereich.

Deutscher Kinderhospizverein