In der Sorge um den Nächsten vereint

Lutherische Kirche in Kaliningrad eröffnet erstes kirchliches Altenheim seit 1946

27. Juni 2006

Einweihung des Altenheims in Sadoroschje bei Kaliningrad

Weil die russischen Behörden die Möbel aus Deutschland noch nicht freigegeben haben, sind die Zimmer im frisch renovierten Carl-Blum-Haus in Sadoroschje noch leer. Dennoch feierte die lutherische Propstei Kaliningrad bereits die Einweihung des ersten Altenheimes in kirchlicher Trägerschaft nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem großen Fest. Zurecht: Vor allem alte Menschen benötigen in der russischen Enklave, dem ehemaligen ostpreußischen Gebiet, Hilfe und Unterstützung.

Der wirtschaftliche Aufwind Russlands hat das Dorf Sadoroschje im Osten der russischen Exklave nicht erreicht. Während in der 120 Kilometer entfernten Hauptstadt, dem ehemaligen Königsberg, die Baubranche boomt, ist im Kreis Osersk, nahe der Grenze zu Polen, kaum ein Baufahrzeug zu sehen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze.

Besonders hart betroffen sind alte Menschen: Viele müssen mit einer Rente von umgerechnet 40 Euro im Monat auskommen. Wer nicht mehr arbeiten kann oder keine Familie hat, droht auf der Strecke zu bleiben. "Wenn die Beine nicht mehr können, wird das Leben hier sehr, sehr schwer", sagt Propst Heye Osterwald. Vor allem im Winter, wenn das Einkaufen schwierig werde oder die Fernheizung ausfalle, kämpften viele ums Überleben. Zwar gebe es einige staatliche Altenheime, doch gliche die Unterbringung in den Sechs- bis Acht-Bettzimmern eher Verwahrung als Pflege.

Um ein Zeichen für würdiges Leben im Alter in der Region zu setzen, beschloss die Propstei vor zwei Jahren den Bau des Carl-Blum-Hauses - benannt nach einem unter Russlanddeutschen berühmten Pfarrer gegen Ende des 19. Jahrhunderts. In Kooperation mit staatlichen Stellen - was in Russland nicht selbstverständlich ist - gelang es der Kirche, eine ehemalige Schule zu einem Altenheim mit 25 Zimmern umzubauen.

Es ist das erste diakonische Projekt dieser Art in Kaliningrad seit mehr als 60 Jahren. Nachdem 1946 Königsberg in Kaliningrad umbenannt wurde, kam das kirchliche Engagement zum Erliegen. Erst mit der Ära Gorbatschow lebten die Kirchen wieder auf: 1991 wurde die lutherische Kirche wieder gegründet: mit 46 Gemeinden und 3.000 Mitgliedern ist sie gemessen an der Russisch-Orthodoxen Kirche verschwindend klein.

Bei der feierlichen Segnung des Carl-Blum-Hauses gab es viel Lob: Ein "Zeichen der Freundschaft zwischen den Völkern" nannte der Landrat des Kreises Osersk das Haus. Es zeige, dass "wir in der Sorge um den Nächsten vereint sind", sagte Landrat Sergej Kynillowitsch zu den vielen Unterstützern, die vor allem aus Deutschland angereist waren.

Denn realisiert werden konnte das 350.000 Euro-Projekt nur mit Hilfe aus dem Ausland. Für die laufenden Kosten, die weder von der Propstei noch von den künftigen Bewohnern getragen werden können, wurde gemeinsam mit den Partnerkirchen ein Finanzierungsmodell erarbeitet: Paten werden gesucht, die die jährlichen Kosten von 3.000 Euro pro Heimplatz übernehmen. Zwölf dieser Patenschaften existieren bereits.

Pastorin Tatjana Petrenko, die das Carl-Blum-Haus leiten wird, freut sich auf die künftige Herausforderung. "Sobald die Möbel da sind, werden die ersten Bewohner einziehen", sagt Petrenko. Die Hälfte der Plätze sei Mitgliedern der Propstei vorbehalten, wobei bei der Auswahl die Bedürftigkeit entscheide. Für die junge Pastorin ist nicht nur die alltägliche Versorgung der Menschen wichtig, sondern auch ein "Geist des Miteinanders" zwischen den Bewohnern und den elf Mitarbeitern: "Noch ist es nur ein Haus. Aber es soll ein Zuhause werden."