Urlauberseelsorge

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

28. Juli 2006

Sonne pur, seit Wochen, ein Jahrhundertsommer. Und endlich Urlaub. Raus aus der Alltagsmühle, am Strand liegen, im Café sitzen oder Fahrradtouren machen. Urlaub ist das große Gegenbild zum Alltag. Nicht alle können ihren Urlaubstraum verwirklichen; manche kehren auch enttäuscht zurück. Und doch ist es jedes Mal wieder so: Mit dem Urlaub verbindet sich die Sehnsucht, man selbst zu sein, weit weg von Pflichten und Terminen. Es ist gut, frei zu sein, Neues zu erleben, einfach offen zu sein.

Diese Offenheit zeigt sich auch darin, dass wir im Urlaub Fragen zulassen, die wir sonst verdrängen. Was gelingt in meinem Leben und was bleibt auf der Strecke? Dankbarkeit kann wieder Platz finden für das Glück meines Lebens. Ich räume ein, wo ich schuldig geworden bin. Glaubenserfahrungen brechen sich Bahn. Unwillkürlich suchen wir Kirchen auf, Orte, an denen Gottes Heiligkeit erfahren werden kann. Auch wer lange nicht mehr gebetet hat, wagt ein stilles Gebet.

Pfarrer berichten es aus vielen Orten: Urlauber sind besonders aufgeschlossene Gottesdienstbesucher. Gern bleiben sie nach dem Gottesdienst noch zu einem Gespräch. Oder sie verabreden einen Termin; denn sie brauchen Seelsorge. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat mehr als 180 Pfarrerinnen und Pfarrer als Tourismusseelsorger für einige Zeit an die Ferienorte an Nordsee, Mittelmeer oder in den Alpen entsandt. Sie halten Andachten und Gottesdienste, sie trauen Paare oder stehen Menschen in plötzlichem Schmerz bei. Sie hören geduldig zu und werden so zu wichtigen Gesprächspartnern. 

In Berlin ist es nicht anders. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche oder der Berliner Dom gehören für die meisten Berlinbesucher zum festen Programm. Wenn ich in den letzten Wochen in einer dieser Kirchen Gottesdienst hielt und die Menschen am Ausgang persönlich verabschiedete, hatte ich ein buntes Bild der weiten Welt vor Augen. Viele erzählten mir, woher sie stammten und wie wichtig es ihnen war, in Berlin zum Gottesdienst zu gehen. Das kann übrigens auch für Berliner gelten.

Gerade im Urlaub haben Menschen einen wachen Sinn für besondere Gottesdienste. Mir geht es nicht anders. In diesen Urlaubswochen habe ich in einer festlichen Andacht einer 84-jährigen Freundin den Reisesegen zugesprochen, die aus dem Schwarzwald ins Johannesstift nach Spandau umzieht. Am nächsten Sonntag werde ich mit den Mitkonfirmanden von 1956 die Goldene Konfirmation feiern. Und der krönende Abschluss wird ein Gottesdienst im Zeltlager mit fünftausend Pfadfindern sein. Ein Anlass ist schöner als der andere.

Die Bibel kann man auch als Reisebuch lesen: Von Abraham, der aufbrach, um dem Ruf Gottes zu folgen, spannt sich der Bogen bis zum Apostel Paulus, der das Evangelium rund ums Mittelmeer tragen wollte. Jesus selbst zog durchs Heilige Land und sprach die Menschen an, die er dabei traf. Ihm würde es gefallen, uns Urlauber unterwegs zu treffen.