"Ein Mord ist wie wenn die Erde bricht"

Vor einem Jahr wurde der Taizé-Gründer Frère Roger erstochen

12. August 2006

Gottesdienst in Taizé

Die 36-jährige Frau verbirgt das Messer unter der Bluse. Mit ihr warten 3.000 Menschen. Unruhig flackern Hunderte Kerzen. Als Bruder Roger eintritt, zirpen auf den Feldern Burgunds die Zikaden. Zwei Brüder stützen den 90-Jährigen. Der zarte Greis nimmt Platz, segnet ein farbiges Mädchen. Das Abendgebet beginnt. Die Gläubigen singen zwei Lieder. Die Frau mit dem Messer ist geistig verwirrt. Sie stößt einen Schrei aus, stürzt sich auf Roger, rammt das Messer drei Mal in dessen zerbrechlichen Körper. Vier Brüder tragen den Sterbenden aus der Kirche. Ein Bruder stimmt ein Lied an. Rund 20 Minuten nach der Attacke gibt ein anderer Bruder den Tod Rogers bekannt. Die Polizei verhaftet die Täterin, eine Rumänin. Die Gläubigen stehen unter Schock: Roger Schutz, der Gründer und geistige Vater der internationalen ökumenischen Gemeinschaft Taizé, das Idol Hunderttausender Pilger wird am 16. August 2005 Opfer eines tödlichen Gewaltverbrechens. Ein Jahr später liegt der Schatten der Tat noch immer über dem winzigen Ort im Osten Frankreichs.

"Es ist wie in einer Familie, wo ein lieber Mensch aus der Mitte gerissen wird", beschreibt Bruder Alois die Gefühle. Er ist Rogers Nachfolger. Alois ist 52 Jahre alt, Katholik aus Stuttgart, hager und eher klein von Gestalt. "Bruder Alois, ist es für Sie eine Bürde, Rogers Nachfolger zu sein?" Alois blinzelt mit den Augen: "Natürlich. Man kann Roger nicht ersetzen." Alois besuchte den Weltjugendtag in Köln, als ein Taizé-Bruder ihn informierte. Er fuhr durch die Nacht, traf mit dem Tag noch vor dem Morgengebet in Burgund ein. "Dann übernahm ich die Aufgabe." Schon 1978 bestimmte Roger den jungen Alois zum nächsten Prior der Bruderschaft: "Du wirst mein Nachfolger." Wieso entschied sich Roger für den jungen Mann aus Deutschland? Alois weiß es bis heute nicht. Er lächelt gütig. Hunderte kleine Fältchen zieren jetzt sein Gesicht. "Bruder Alois, kommen nach so einer Tat wie dem Mord an Roger Zweifel an Gott auf?" Das Gesicht des Priors wird glatt. "Manche bekamen Zweifel", sagt Alois leise und sein Blick verliert sich in der flimmernden Luft des nahen Gartens. "Doch unser Glaube ist stärker." Es ist zwölf Uhr und heiß. Bis zum Mittagsgebet verbleiben noch wenige Minuten. Unter den mächtigen Ahorn- und Lindenbäumen steht eine Tafel für 70 Personen. Richard zieht das weiße Tuch gerade, mischt den Salat für seine Mitbrüder. Richard schloss sich 1979, nach dem Abitur im Schweizer Bern, der Gemeinschaft an. "Der Schock war riesig", erinnert er sich an jenen Tag im August 2005. "Ein Mord ist wie wenn die Erde bricht."

Trotz des Mordes, trotz der Trauer, trotz des leisen Zweifels - Alois, Richard und die anderen 100 Brüder führen Taizé so fort wie in den Jahrzehnten mit Frère Roger. Der gründete 1940 die Gemeinschaft. Sein Ziel: Die Menschen versöhnen. Mitten im Krieg fanden Flüchtlinge, vor allem Juden, bei Roger Unterschlupf. Seine Mitstreiter verpflichteten sich auf Ehelosigkeit und ein bescheidenes Leben in der Gemeinschaft. Später zog es die Brüder in die Slums der Welt, um Armen zu helfen. "Vor allem aber wollte Roger seine Hände zu den Gläubigen ausstrecken", erzählt Bruder Emile. Der gebürtige Kanadier betete in der Nähe von Roger, als es geschah. "Wir hatten immer eine leise Angst vor einem Anschlag", sagt er. Wer könne schon den vielen Besuchern in die Seele schauen? Emile schweigt. Dann zeigt er auf eine Suppenküche: "Jedes Jahr geben wir eine Million Mahlzeiten aus." Auch dieses Jahr machen sich wieder Zehntausende Besucher auf den Weg: Zumal junge Menschen zieht es nach Taizé, zur Bibelstunde, zum Gebet, zum Gespräch, zum Zusammensein.

"Das hier ist eine schöne, andere Welt", sagt eine junge Frau. Die Studentin (20) aus der Nähe von Lübeck besucht Taizé zum dritten Mal. Lea Minkner (19) aus Berlin fasste hier den Entschluss, Theologie zu studieren. Als sie in ihrem Gymnasium die Nachricht vom Tod Rogers erhielt, brach sie zusammen. "Ich lag eine Stunde auf der Krankenstation." Eine andere Frau in Taizé mag über den Tod Rogers nicht sprechen: Geneviève, seine Schwester. Sie zog als Ersatzmutter Waisen und Pflegekinder in Taizé groß, sie und ihr Bruder widmeten ihre Leben dem Wohle anderer. Jetzt ist Geneviève 93 Jahre alt. Die alte Dame, so heißt es unter den Brüdern, vermisst Roger am stärksten.

Der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber am 17. August 2005 zum Tod von Frère Roger

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