Zeichen der Hoffnung inmitten der Kriegswirren

Israelis finden Zuflucht im Westjordanland – Flüchtlingsarbeit auch in Beirut

16. August 2006

Ungewöhnlich ist die Situation wohl zu nennen, aber vielleicht auch symptomatisch für die verwirrende politische Lage im Nahen Osten: Tausende von Israelis aus dem Norden des Landes sind vor dem Raketen-Beschuss der Hisbollah geflüchtet – und einige von ihnen haben gastfreundliche Aufnahme ausgerechnet im palästinensischen Westjordanland gefunden.

Zu verdanken ist das dem evangelischen Pfarrer Jadallah Shihadeh, dem Begründer der „Abrahams Herberge“ in Beit Jala; einem kleinen Nachbarort von Bethlehem. Shihadeh, der in Deutschland Theologie studierte, setzt sich seit Jahren für einen friedlichen Dialog zwischen Israel und Palästina, zwischen Juden, Christen und Muslimen ein. Die Abrahams Herberge, voll integriert in die gut 500 Seelen zählende evangelische Kirchengemeinde seiner Heimatstadt, soll Mittelpunkt für Begegnungen im interreligiösen Dialog sein.

Das wurde nun einmal mehr wahr unter einem besonderen Vorzeichen: „Die schrecklichen Bilder aus Libanon und Nordisrael haben mich sehr berührt, schließlich ist Krieg für uns in dieser Region allgegenwärtig“, sagt Pfarrer Shihadeh. „Und als ich über deutsche kirchliche Stellen angefragt wurde, ob es vorstellbar sei, Flüchtlinge aus Israel aufzunehmen, haben der Kirchenvorstand und ich sofort zugestimmt.“

Die logistische Voraussetzung dazu war schnell geschaffen. Das Gästehaus der Abrahams Herberge, ein moderner Hotelbetrieb mit rund 50 Betten, sowie die gemeindeeigene Jugendherberge wurden sofort zur Verfügung gestellt. Platz war vorhanden, denn der gastronomische Bereich hatte Sommerpause. Und so machten sich Anfang vergangener Woche israelische Staatsbürger aus Nordisrael, aus Haifa und anderen Orten auf den Weg in die friedliche Region um Jerusalem – nach Beit Jala. Christen und Muslime, Männer, Frauen, Kinder fuhren mit der notwendigsten Habe in eine Region, die für sie ein völlig unbeschriebenes Blatt war. Doch sie wagten diesen Schritt aus dem Krieg in eine palästinensische, evangelisch-christliche Gemeinde.

Die Folge der freundlichen Aufnahme war beeindruckend: Zum Ende der Woche waren alle Einzel- und Doppelzimmer belegt. Die Nachfragen hielten an, so dass schließlich über 70 Flüchtlinge eine vorübergehende Bleibe gefunden hatten. Für beide Seiten ergab sich eine Situation, die in dieser Konstellation eigentlich nicht vorstellbar war. Israelis treffen sich mit Palästinensern, wohnen bei ihnen, leben bei ihnen – und ein Krieg macht es möglich!

Ermöglicht wurde diese Aktion in finanzieller Hinsicht vor allem durch eine spontane Verpflichtung des Nordelbischen Missionszentrums Hamburg (nmz), das die Übernahme der Kosten für Unterkunft und Verpflegung in der Abrahams Herberge zusagte. Informationen im Internet unter www.abrahams-herberge.com

Der Pfarrer der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Beirut, Uwe Weltzien, berichtet::

„Die ersten drei Wochen des Krieges waren wir in der Gemeinde pausenlos im Einsatz, um Flüchtlingen bei der Unterbringung oder bei der Ausreise zu helfen. Wir haben auf engste mit der Deutschen und der Schweizer Botschaft zusammengearbeitet. Die Gemeinde war täglich zwölf Stunden lang über drei Telefonlinien zu erreichen. Ein achtköpfiges Team bot Beratung und Auskunft an. Bei uns sind Menschen aus den eingeschlossenen Dörfern an der Grenze im Südlibanon angekommen, die in einer Verzweiflungsaktion durch die Linien gebrochen sind, da sie nichts mehr zu essen und zu trinken hatten. Wir versuchten soweit es ging, diese Menschen für die Weiterreise zu stabilisieren. Diejenigen, die ausreisen durften, konnten in engster Zusammenarbeit mit der Botschaft per Bus oder per Schiff außer Landes gebracht werden.

Die viel schlimmere Katastrophe ist die Situation der über eine Million aus ihren Heimatdörfern und Häusern Vertriebenen, die nun in Schulen und Notunterkünften untergebracht sind, deren Versorgung immer schwieriger wird wegen der Zerstörung der Infrastruktur. Im Süden sind ganze Dörfer und Landstriche verwüstet, in Südbeirut (etwa zwei, drei Kilometer Luftlinie von unserer Gemeinde entfernt) liegen ganze Stadtteile in Schutt und Asche. Traumatisierte Kinder, Mütter, Väter, Alte - das sind neben den unzähligen Toten und Verletzten die eigentlichen Kriegsopfer. Wann die Menschen wieder in ihre Dörfer zurückkehren können, wie lange es dauert, bis die zerstörten Wohngegenden wieder in einen einigermaßen bewohnbaren Zustand gebracht sind, wann in der Folge die Schulen, die bis weit in den Norden in der Zwischenzeit als Notunterkünfte dienen, ihre Arbeit wieder aufnehmen können, wagt hier im Moment keiner zu prognostizieren. Die Not ist riesig, wir versuchen nach unseren Kräften zu helfen.

In der dritten Kriegswoche habe ich mehrere Kinder in der Pfarrwohnung untergebracht, die von der Botschaft oder auch durch unsere Vermittlung aus dem Süden geholt wurden. Die Kinder übernachteten dann eine Nacht dort und wurden dann unter Obhut der Botschaft mit dem nächsten Schiff aus dem Libanon gebracht. Es sind Kinder, die bei ihren Großeltern im Süden des Landes Urlaub gemacht haben. Und dann kam der Krieg. Ein Mädchen hatte zwanzig Tage im Keller gesessen, bis sie rausgeholt werden konnte. Oft am ganzen Leibe zitternd und mit Tränen in den Augen sind sie dann auf den Matratzenlagern eingeschlafen. Als die große Evakuierungsaktion der ersten Tage bewältigt war, veränderte sich unsere Aufgabe, war aber nicht weniger herausfordernd. Wir waren nun nicht mehr in erster Linie Lagezentrum (für Information, Datenaufnahme, Ausreisevermittlung), sondern wir wurden Seelsorgezentrum, unsere eigentliche Bestimmung als Gemeinde. Immer wieder wurde mir deutlich: Wie gut ist es, dass es diese Gemeinde gibt.“