Provokation mit religiösen Symbolen

Anmaßende Selbstinszenierung

18. August 2006

Was Madonna anfasst, wird zum Trend. Diesen Eindruck erwecken die Trendblätter in den Kioskauslagen. Seit zwanzig Jahren bestimmt der Geist aus der Peroxidflasche das, was Mode wird. Färbt sie sich die Haare blond, wechseln Millionen Mädchen rund um den Globus die Haarfarbe. Räkelt sich die Diva auf einem Musikvideo mit einem großen Kruzifix im Ausschnitt, dann wird das Symbol des Lebens und des Todes zum massenhaft verkauften Modeaccessoire. Seit nunmehr über 20 Jahren ist die Popikone, deren Künstlername eine Menge über ihre Selbsteinschätzung sagt, für eine kontroverse Presse gut. Chamäleonhaft verändert sie Stil und Persönlichkeit, sie spielt virtuos mit Frauenrollen und mit den medialen Oberflächen einer Popkultur. Dabei wildert sie hemmungslos in den Bildtraditionen des Abendlandes. Wer hinter diese Oberflächen guckt, findet nichts: keinen tieferen Sinn, keine Überzeugung, einfach nur das Spiel mit den flirrenden Bildern unserer Internet-, Werbe- und Fernsehwelt. Das macht ihren Kultstatus aus.

Dabei jongliert sie am liebsten mit der Verbindung von religiösen Symbolen und offensiver Sexualität. Als 1990 das Lied „Like a prayer“ die Charts stürmte, in dem sie als Madonna mit blutendem Kreuzesstigma an den Händen einen schwarzen Heiligen vor dem Mob des Ku Klux Klan befreite, gab es heftige Proteste von Christen, aber auch intensive Debatten über den Gebrauch religiöser Symbole in der Popkultur. Handelt es sich um Blasphemie oder gar um die letzte Form, mit der man der Popgeneration Geschmack auf die christliche Grunderzählung machen kann? Auch in den Kirchen herrschte weltweit Uneinigkeit. Religionspädagogen beider Konfession meinten, mit Madonna wäre der Religionsunterricht leichter geworden. Religiöse Symbole tauchten so wenigstens in der Bilderwelt junger Menschen auf, sagten sie. Andere waren angewidert von der schamlosen Inszenierung der Musikerin zwischen Heiliger und Hure.

Dann machte Madonna durch eine eigene religiöse Wende von sich reden. In den letzten Jahren warb sie für eine Form kabbalistischer Mystik, die allerdings mehr einer postmoderner Selbstfindung als der jüdischen Tradition zu tun hatte. In dieser Mission reiste sie sogar mit großer Medienbegleitung nach Israel. Eine neue Ernsthaftigkeit wollten die Gazetten nun ausmachen. Madonna als Mutter und Ehefrau rückte ebenso ins Zentrum der Aufmerksamkeit wie die Kämpferin gegen die Not in der Welt.

Nun ist sie wieder da, die alte Madonna. Mit ihrem neuen Album und vielen alten Liedern geht sie auf Tournee. Schon der Titel ist Programm: „Confessions“, Bekenntnisse heißt es und verspricht, was ihre Fangemeinde auch bekommt: Ein neuerliches Spiel mit religiösen Traditionen in großer Bühnenshow. Als Höhepunkt lässt sie sich vor einem spiegelverglasten Kreuz an Seilen aus dem Bühnenhimmel herab. Den Sinn für exponierte Auftrittsorte kann man ihr wahrlich nicht absprechen. Madonna startete ihre Konzertreise vor zwei Wochen in Rom. Wenn das kein kalkulierter Schachzug war: der Aufruhr am Vatikan und die Entrüstung von katholischen Christen überall in der Welt sichert ihr die nötige mediale Aufmerksamkeit, ohne die das Pophänomen Madonna nichts wäre. Angesichts der Debatten um den Umgang der westlichen Welt mit religiösen Symbolen, die wir seit dem Karikaturenstreit führen, hätte man der reifer gewordenen Künstlerin ein wenig mehr Sinn für die religiösen Überzeugungen anderer zugetraut. Um ihr Publikum muss sie ja längst nicht mehr buhlen.

Die Christen aber sind in einem Dilemma: äußern sie ihre Empörung, unterstellen Journalisten Philisterei und moralischen Dünkel. Schließlich, so ist dann naseweiß zu lesen, gehörten die religiösen Symbole als kulturelles Erbe allen und nicht nur denen, die mit ihnen religiöse Überzeugungen verbinden. Schweigen Christen und schlucken sie ihre Irritation runter, fragen maliziöse Medienvertreter, ob die Kirchen ihre eigene Botschaft denn gar nicht mehr ernst nähmen. Doch auch, wer der Virtuosität der Künstlerin im Spiel mit den ästhetischen Oberflächen eigentlich aufgeschlossen gegenüber steht, kann sich trotzdem vehement gegen ihre anmaßende Selbstinszenierung wenden. Das ist verpflichtende theologische Kritik an der Kulturindustrie, ohne die Kultur und Kunst sich selbst mit maßlosen Ansprüchen ausstatten.