"Begnügt euch nicht mit Beten"

Appell aus dem Nahen Osten: Bitte tut etwas!

31. August 2006

Einen leidenschaftlichen Hilferuf der Menschen im Nahen Osten überbrachte der Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), Jean-Arnold de Clermont, dem zur Zeit in Genf tagenden Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). «Begnügt euch nicht mit Beten», rief de Clermont den versammelten 150 Delegierten zu. «Die Menschen im Nahen Osten haben uns aufgefordert: Bitte tut etwas.»

De Clermont berichtete von einer Reise, die eine dreiköpfige Delegation von Kirchenvertretern unter seiner Leitung Mitte August in den Libanon, nach Israel und nach Palästina unternommen hatte. Aus den Gesprächen, die die Delegation vor Ort geführt hat, könnten drei Schlussfolgerungen gezogen werden: Notwendig seien klare Analysen, die den Israel-Palästina-Konflikt als den eigentlichen Kern des Problems erkennen. Die Kirchen, vor allem in den USA und in Europa, sollten Druck auf ihre Regierungen ausüben, damit diese sich für umfassende Friedensverhandlungen einsetzten. Die Kirchen selbst schließlich sollten sich konkreter für Frieden, Respekt und Gerechtigkeit in der Region engagieren. Bei der Reise sei klar geworden, dass «im Hintergrund des Konfliktes der Schatten des iranischen Präsidenten steht, der die Vernichtung Israels anstrebt», so de Clermont. Dies entschuldige nicht die Zerstörung, die im Libanon entstanden sei. Aber es erkläre die Haltung Israels, das sich verteidigen wolle. Ein demokratischer, multi-religiöser Libanon sei eine Voraussetzung für einen friedlichen Nahen Osten, zugleich habe die Delegation aber immer wieder den Ruf gehört: «Vergesst Gaza nicht.» Ein Mangel der UN-Resolution 1701 zur Beendigung des Konfliktes an der israelisch-libanesischen Grenze sei, dass der Israel-Palästina-Konflikt darin nicht berücksichtigt werde.

Der Generalsekretär des ÖRK, Samuel Kobia, hatte zuvor in seinem Bericht vor dem Zentralausschuss ein «Ökumenisches Forum für Palästina/Israel» vorgeschlagen, in dessen Rahmen kirchliche Anwaltschaftsinitiativen koordiniert werden könnten. «Ich glaube, die ökumenische Bewegung kann auf der Suche nach einem gerechten Frieden im Nahen Osten eine wichtige Rolle spielen», so Kobia. Notwendig seien fundierte Analysen und ein verstärkter Einsatz bei komplexen Themen «wie zum Beispiel das ‘Rückkehrrecht’, die berechtigten Sicherheitsanliegen Israels und die volle Anerkennung Israels innerhalb für beide Seiten akzeptablen Grenzen». Der ÖRK könne einen wichtigen Beitrag zum Friedensprozess im Nahen Osten leisten, «indem er sich dafür einsetzt, Schranken zu beseitigen und Brücken des Friedens zwischen den zwei Völkern und den verschiedenen religiösen Gemeinschaften, die im Leiden des Konflikts gefangen sind, zu bauen.»

Der Zentralausschuss ist das höchste Gremium des ÖRK zwischen den alle sieben bis acht Jahren stattfindenden Vollversammlungen. Die Delegierten aus den mehr als 340 Mitgliedskirchen weltweit beraten noch bis zum 6. September in Genf über künftige Programmschwerpunkte, politische Äußerungen und eine strukturelle Neuausrichtung des Weltkirchenrates.

Weitere Informationen und Berichte von der Sitzung des ÖRK-Zentralausschusses