Trost von Ohr zu Ohr

Die Telefonseelsorge in Deutschland feiert ihr 50-jähriges Bestehen

04. September 2006

Menschen am Telefon

Um 3.35 Uhr klingelt das Telefon, zum siebten Mal in dieser Nacht. Die Anruferin ist kaum zu verstehen: "Mir geht es gar nicht gut." Helga S. lässt ihr Zeit zum Weiterreden und schenkt sich die nächste Tasse Kaffee ein. Seit vier Jahren arbeitet die 54-Jährige bei der Telefonseelsorge in Hannover. Die anstrengenden Nachtdienste sind für sie und ihre rund 7.000 ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen zwischen Flensburg und Passau Pflicht. Neben Polizei und Feuerwehr ist die Telefonseelsorge die einzige Beratungsstelle, die Tag und Nacht geöffnet hat, an 365 Tagen im Jahr. Und das seit 50 Jahren.

Dieses Jubiläum feiern die Seelsorger vom 15. bis 17. September in Berlin. Auch Bundespräsident Horst Köhler nimmt als Schirmherr am Festakt in der Hauptniederlassung der Deutschen Telekom teil. Mit dem Unternehmen arbeiten die Seelsorger seit 1997 eng zusammen. "Die Telekom trägt sämtliche Gesprächsgebühren und sichert unseren Klienten Anonymität", sagt Dieter Schütte, Vorsitzender der Evangelischen Konferenz für Telefonseelsorge in Stuttgart. Kein Anruf kann zurückverfolgt werden, und auch die Mitarbeiter bleiben anonym.

Verschwiegenheit und Anonymität waren schon für den Gründer der Einrichtung, Klaus Thomas, unabdingbar. Aufgeschreckt durch die hohe Zahl von Selbsttötungen in den Großstädten gab der Berliner Pastor, Arzt und Psychotherapeut am 5. Oktober 1956 seine private Telefonnummer für die "Ärztliche Lebensmüdenbetreuung" heraus. Ein Jahr später entstand die evangelische Anrufstelle in Kassel und die katholische in Frankfurt am Main. Unter den Nummern 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 sind heute bundesweit 105 Stellen zu erreichen.

Die Pioniere hatten sich damals schnell auf die einheitliche Bezeichnung Telefonseelsorge geeinigt. Untersuchungen zeigen, dass der Name inzwischen als Markenzeichen so bekannt ist wie Coca Cola. "Und er ist auch unser Programm", sagt Schütte: "Bei uns geht es nicht um Therapie, sondern um Begegnung und Seelsorge. Maßgeblich ist immer der Austausch mit dem Anrufer auf Augenhöhe." Für viele Ratsuchende ist der erste Anruf ein Einstieg, um sich intensiver mit der eigenen Lebenssituation zu beschäftigen. Auf Wunsch werden auch Adressen von psychologischen Beratungsstellen vermittelt.

"Häufig sind es normale Alltagsprobleme wie Stress mit dem Partner, den Kindern oder Kollegen am Arbeitsplatz", sagt Pastor Dieter Klages, der seit 25 Jahren die Telefonseelsorge in Hannover leitet. Ein großes Thema ist Einsamkeit. Für immer mehr Menschen sind die Telefonseelsorger der einzige Kontakt nach draußen. Fast die Hälfte der Ratsuchenden ruft öfter an, manche sogar mehrmals am Tag. Jeder Fünfte leidet an Ängsten, Depressionen oder anderen Störungen.

"Besonders schlimm ist es, wenn Einsamkeit und Armut zu psychischen Krankheiten führen", sagt Helga S. So geht es in dieser Nacht auch der Anruferin mit der leisen Stimme. Sie steckt nach ihrer Scheidung in einer handfesten Depression: keine Familie, keine Freunde, kein Geld. Die Telefonseelsorge kann sie sich nur leisten, weil sie kostenlos ist. Bei Helga S. darf sie sich ihren Kummer von der Seele reden. "Jetzt kann ich erst mal wieder durchatmen", sagte sie am Ende des langen Gesprächs.

"Oft sind es Konflikte, manchmal Krisen und eher selten Katastrophen", sagt Klages. Er selber habe etwa zwei bis drei Telefongespräche im Jahr, in denen es buchstäblich um Leben und Tod gehe. Dennoch bleibt die Begleitung von Menschen, die sich umbringen wollen, ein Schwerpunkt der Arbeit: "Ein lebensmüder Mensch muss zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Gesprächspartner finden können, der ihn kompetent begleitet."

Auch auf solche Situationen werden die Mitarbeiter sorgfältig vorbereitet. Klages nennt sein Team von 100 Ehrenamtlichen deshalb auch gern "die Generalisten mit dem offenen Ohr". Die intensive Ausbildung dauert zwei Jahre. Die künftigen Seelsorger müssen bereit zur Selbsterfahrung sein. In Rollenspielen proben sie immer wieder die unterschiedlichsten Gesprächssituationen. Alle Mitarbeiter nehmen regelmäßig an Supervisionsgruppen teil. Im Durchschnitt hat jede und jeder einmal pro Woche einen Dienst in der Beratungsstelle.

Während die Seelsorger vor 50 Jahren überwiegend bei der Kirche angestellte Männer waren, wurden die bundesweit rund 1,6 Millionen Gespräche im vergangenen Jahr zu 80 Prozent von Frauen geführt. Viele sind wie Helga S. berufstätig und bleiben trotzdem lange dabei: "Es ist einfach eine sinnvolle Aufgabe", sagt sie, als sie morgens um sieben Uhr ihrer Ablösung die Tür öffnet: "Seitdem ich mich hier engagiere, kann ich auch meine eigenen Probleme ganz anders einordnen."

Statement des EKD-Ratsvorsitzenden, Wolfgang Huber, zum 50- jährigen Jubiläum der Telefonseelsorge