Unvergessene Bilder

Der 11. September 2001 hat das Denken verändert

09. September 2006

Die erste Nachricht schien unfassbar und verbreitete sich doch wie ein Lauffeuer. An den unterschiedlichsten Orten und bei den verschieden Tätigkeiten traf Menschen: Der eine war auf der Autobahn unterwegs und verließ sich auf die Informationen im Rundfunk unter Verzicht auf die Bilder. Die andere feierte gerade den Geburtstag des 11-jährigen Sohnes und unterbrach das fröhliche Fest, um im Fernsehen erste Bilder zu sehen. Das waren Bilder, die kaum jemand seither vergessen hat: Ein großes Passagierflugzeug krachte in ein Hochhaus, in dem Menschen lebten und arbeiteten. Kaum hatte man durchgeatmet, passierte das Gleiche ein zweites Mal. Unfassbare Gewalt, nicht zu beschreibende Brutalität führen zu ebenso unfassbarem und unbeschreiblichen Tod und Leiden. Der Moment am 11. September 2001 ist zu einem beherrschenden Bild des ersten Lebensjahrzehnts im dritten Jahrtausend geworden.

Kommentare und Meinungsäußerungen in den Stunden, Wochen und Monaten danach versuchten zu fassen, was kaum zu erklären ist. In spontanen und gut besuchten Gottesdiensten überall auf der Welt brachten die Menschen ihre Trauer, ihre Ängste, ihre Sorgen vor Gott. Wo Menschen keine Worte mehr fanden, halfen die traditionellen Worte der Psalmen. So trauerten etwa Feuerwehrleute in Deutschland um die Kollegen in New York, die beim Einsatz, Menschen aus dem einstürzenden Twintower zu retten, selbst gestorben waren.

Da der Terroranschlag auf das World-Trade-Center in Manhattan und der nicht zu Ende gekommene Anschlag auf das amerikanische Verteidigungsministerium als religiös begründet verstanden wurde, hat der 11. September 2001 nicht nur ein neues Lebensgefühl eröffnet, sondern auch das Gespräch zwischen den Religionen verändert. Weltgeschichtlich schien der Kalte Krieg gerade zu Ende gegangen sein, schon gab es ein neues Muster, die der einzelne Mensch als Bedrohung empfinden musste. Seit „Nine-Eleven“ sind eine Reihe weiterer ähnlich motivierter Attentate geschehen, etwa in London oder Madrid: Terrorismus – gerade der religiös motivierte – gehört zur Lebenserfahrung der ersten Jahre des 21. Jahrhunderts.

Daraus ist an diesem Tag eine Herausforderung gewachsen: Menschen unterschiedlicher Religion und verschiedenen Glaubens müssen miteinander ins Gespräch kommen, um sich gegenseitig zu sagen, dass keine Religion – richtig verstanden – den Tod eines anderen Menschen will. Auch fünf Jahre danach bleibt die Hoffnung, dass Menschen überall auf der Welt in Frieden und Gerechtigkeit leben können und weder durch Krieg, noch durch Terror, noch durch Hunger oder Armut gefährdet sind.

Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, in der Netzzeitung zum 11. September