Am Kiosk gibt es Leberwurstbrote

Bilder aus der Bayreuther Straße in Ludwigshafen

26. September 2006

Älterer Mann

Eine Siedlung, wie es sie in jeder größeren Stadt gibt. Der Straße entlang stehen große Mehrfamilienhäuser. Notdürftig in Stand gehalten, sieht jeder sofort, dass sie als Sozialbauten der zu Ende gehenden Wirtschaftswunderzeit entstanden sind: Straßenlange Trostlosigkeit und dazwischen ein Kiosk und ein Kindergarten. In Ludwigshafen heißt diese Wohngegend Bayreuther Straße, in anderen Städten mag sie Talstraße oder Roderbruch genannt werden. Wer als Sozialarbeiter in solchen Gegenden arbeitet, bekommt zur Antwort: „Ach, das ist sicher spannend“, wer als Mensch dort wohnt, bekommt keine Lehrstelle, keinen Arbeitsplatz, keinen Anschluss an die Gesellschaft, die sich als „normal“ empfindet.

Das ist bundesdeutsche Wirklichkeit am Rand der Städte mit Menschen, die keine Zukunft mehr sehen, weil die Gegenwart so ist trist ist wie die Straße, in der sie wohnen. Die Männer treffen sich am Kiosk. Dort gibt es Leberwurstbrote mit zwei Scheiben einer sauren Gurke und Bier, dort gibt es aber auch Gesprächspartner und das Neueste aus dem Viertel.

Der Fotograf Thommy Mardo hat Menschen in der Bayreuther Straße in Ludwigshafen fotografiert. Entstanden sind eindringliche Porträts von Gesichtern, die das Leben gezeichnet hat. Armut hinterlässt Spuren, das zeigen die Bilder überdeutlich. Zu den Fotografien in Schwarz-Weiß gehören Geschichten: „"Was soll man da großartig erzählen. Ich lebe jeden Tag neu. Wenn man hier wohnt, bekommt man keine Arbeit. Ohne Arbeit gibt es auch keine normale Wohnung. Das ist wie ein Kreislauf, sagt einer der Fotografierten – und ein anderer weiß – wie er selbst sagt – auch nichts zu erzählen: „Ich habe elf Kinder, von verschiedenen Frauen.“

Thommy Mardo fotografiert sonst Menschen, die mehr besitzen als die Bewohner der Bayreuther Straße. So gehören die „Söhne Mannheims“ zu seinen Kunden. Die Agentur „Die Fortschrittlichen“ hat die Fotos aufgezogen und aufgehängt. Alle, die beteiligt waren, wissen, durch diese Aktion hat sich das Leben verändert. Es sei spannend gewesen, Menschen zu fotografieren, die sonst übersehen werden.

Die Bilder sind nun im Kindergarten in der Bayreuther Straße zu sehen – dazu die Texte derer, die fotografiert worden sind: „Bin 34 Jahre, war von den 34 Jahren 4,5 Jahre im Knast, wohne 11 Jahre hier und mir geht es noch nicht mal schlecht. Ich freue mich, dass ich jeden Tag meine Leute sehe, wie den Robert.“ Letzte Woche wurde die Ausstellung eröffnet: Stadträte sind in den Kindergarten gekommen und der katholische und der evangelische Dekan. Eine Band hat gerockt. Seit drei Monaten spielen die Jugendlichen, die aus der Bayreuther Straße stammen, erst zusammen: „Knocking on heaven’s door“. Die Menschen, die in der Bayreuther Straße zu Hause sind, haben vor dem Kindergarten gewartet, bevor sie gemeinsam rein gegangen sind. Zu ungewohnt war die Situation. Die Bewirtung während der Vernissage machte das Kiosk, das an diesem Abend geschlossen hatte: Es gab Leberwurstbrote mit zwei Scheiben einer saueren Gurke und Sekt.

Und demnächst sind die Bilder auf der 5. Tagung der 10. Synode der EKD in Würzburg zu sehen. Dort wird es keine Vernissage geben, aber dafür werden die 120 Mitglieder der Synode, die Kirchenkonferenz und der Rat über Armut und Reichtum diskutieren: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk“. Die Bilder werden verdeutlichen, was im Plenum und in den Arbeitsgruppen besprochen wird.