Die Armen bewirken die Gerechtigkeit der Reichen

Bibelarbeit zum Schwerpunktthema "Armut und Reichtum"

06. November 2006

Motto der Synode: Gerechtigkeit erhöht ein Volk - Armut und Reichtum

"Für Gerechtigkeit sind alle, strittig ist der Weg dahin." Die Diskussion, die sich in den letzten Wochen mit Blick auf die stetig wachsende Kluft zwischen armen und reichen Menschen in unserer Gesellschaft noch einmal zugespitzt hat, beschäftigt die 5. Tagung der 10. Synode der EKD - und sie ist der Hintergrund, "vor dem es neue auf biblische Aussagen zu hören gilt." Dieser Ausgangspunkt führte Frank Crüsemann, Professor an der Kirchlichen Hochschule in Bethel, am Montag in seiner morgendlichen Bibelarbeit zu der Frage, wie sich arme und reiche Menschen in unserer Gesellschaft begegnen sollen und können.

Denn: "Gott ist zweifellos auch in die Beziehung von Reich und Arm hinein verwoben. Aber der Gegensatz ist nicht einfach gottgemacht", so Crüsemann. Die viel zitierte Kluft zwischen Arm und Reich wachse mit dem Reichtum und deshalb auch die Neigung zum Wegschauen, Übertünchen, Umbenennen. Dazu komme das vielfältige Schweigen, am erschreckendsten das der Betroffenen selbst. Aber wo ist Gott in der Begegnung zwischen Reichen und Armen, fragte Crüsemann, "wirkt er nur in Gestalt eines schlechten Gewissens?" Viel mehr als das, betonte der Theologe: Die Kluft bedeute einen Abstand der Reicheren von Gott selber, sie ist eine Kluft hin zu Gott.

Crüsemann verwies auf das Regelwerk, das im 5. Buch Mose für den Umgang mit Menschen, die sich im sozialen Abstieg befinden. Die freiwillige und traditionelle Wohltätigkeit der Wohlhabenden wird dort in bindende Rechtsregeln gegossen - als Teil des Bundes Gottes mit seinem Volk. Grundgedanke ist der Kreislauf des Segens. Was die Wohlhabenden besitzen, ist von Gott geschenkt, die Teilung des im Segen Erarbeiteten bewirkt erneuten Segen.

Daneben sei auch der Begriff des Rechtes von Bedeutung: "Dass es um Recht geht, dass vor Gott und von Gott aus den Armen solches Recht zusteht, das verändert die Begegnung zwischen Arm und Reich", unterstrich Crüsemann. Die rechtlich zugesicherte Gewissheit, dass der Segen allen gilt und alle Anspruch darauf haben - das sei das Gegenmodell zur Kluft in der Gesellschaft, und die biblische Möglichkeit, die Kluft zu überwinden. Aber, so gab der Theologe zu bedenken: Die Gerechtigkeit des Reicheren kommt nicht unmittelbar aus seinem Handeln, sie kommt vom Armen. "Es sind die Armen, die die Gerechtigkeit des Reicheren bewirken und garantieren." Erst damit entstehe ein Kreislauf. Und erst wo dieser Kreislauf existiere, könne eine Begegnung auf Augenhöhe erfolgen. "Erst auf diese Weise entsteht ein wirkliches Miteinander, erst hier geschieht etwas, das die Kluft überwindet."

Die derzeitige Kluft innerhalb unserer Gesellschaft dürfe nicht weiter wachsen, wenn wir solchen Segen behalten wollen, warnte Crüsemann. Auch unser Bewusstsein, in einer halbwegs gerechten Gesellschaft zu leben, könne nur Bestand haben, wenn auch die Ärmsten dieses Gefühl in irgendeiner Form teilten und bestätigten. "Meine Gerechtigkeit hängt vom Votum der Armen über unsere Begegnung ab."

Wenn Gott uns also in den Armen begegnet, dann kann und darf der Akzent nicht allein auf der Hilfe von oben nach unten, von den Reicheren zu den Ärmeren liegen, schlussfolgerte Crüsemann. "Nur wenn wir lernen, wie die Hoffnung der angeblich Hoffnungslosen aussieht, wird sich die globalisierte Welt um das Notwendige ändern können", betonte er. Wo alte Muster verblassten, könnten neue nicht ohne die Erfahrungen der Herausgefallenen entstehen. "Wenn wir den Ärmsten so begegnen, dass uns in ihnen Gott begegnet, dann sind immer auch sie es, die uns das Evangelium, einen unaufgebbaren Aspekt des vollen Evangeliums so zu sagen haben, wie wir ihn sonst nirgends hören können. Wir müssen nur lernen, richtig hinzuhören."