Zwischen Gabe und Tausch

Die schwierige Kunst des Schenkens

30. November 2006

Es soll ja Leute geben, die haben schon im August alle Weihnachtsgeschenke. Wenn Ihnen jetzt abwechselnd heiß und kalt wird und Sie diesen verdächtigen Druck in der Magengegend fühlen, weil ihnen stets die lange To-Do-Liste vor Augen steht, dann sind sie in guter Gesellschaft. Schenken ist nämlich eine ziemlich schwierige Angelegenheit, die viele aufschieben wie eine unliebsame Arbeit. Es ist schon interessant, auf was für Ausflüchte wir uns verlegen, um der schwierigen Übung des Schenkens zu entgehen. Vielleicht kennen Sie auch diese Mitmenschen, die mit todernstem Gesicht erläutern, warum sie sich in diesem Jahr mal gar nichts schenken. Das sind wahre Überzeugungstäter, die derart aufgeklärt durch die Gegend gucken, als hätten sie gerade erst kapiert, dass der Weihnachtsmann nicht mit dem Schlitten durch den Kamin gefahren kommt. „Wir haben schon alles“, unterstreichen sie ihren Entschluss und schauen mitleidig auf ihr Gegenüber. Oder sie flüchten in billige Konsumkritik. „Ist doch eh alles nur Rummel und Kommerz.“ Sprechen’s und plädieren dafür, Weihnachten lieber ganz ausfallen zu lassen. Hinter großer kulturkritischer Geste verbirgt sich bei genauerem Hinsehen oft genug nur die ängstliche Hoffnung, dass irgendwer sich der selbst verordneten Weihnachtsdiät nicht beugen möge.

Es soll Familien geben, in denen nur Geschenke im Wert von exakt 100 Euro getauscht werden. Damit alles schön gerecht zugehe und niemand sich übervorteilt fühlt. Geschenke sind in der Tat eine heikle Angelegenheit. Kaum haben wir das Papier aufgerissen, fragen wir uns schon, was unser Gegenüber als Gegengabe verlangt. Ja, mit Geschenkpolitik kennen wir uns aus. In die Welt der Politik und der Wirtschaft übertragen, wird das Geschenk schnell zur Affäre. Geschenke gebrauchen wir als Bestechung, als Handel, als Tausch, als Erpressung, oder als symbolische Überzeugungsstrategie. Wer glaubt, Geschenkpolitik sei nur eine Angelegenheit für Finanzminister und Transparency International, der packe sich ruhig an die eigene Nase. Mafiöse Praktiken gibt es auch im feierlich geschmückten Wohnzimmer. Es gibt zwar keine Statistik für innerfamiliäre Korruptionsskandale. Aber wir wissen nur zu gut, dass Geschenke gezielt eingesetzt werden, als handfeste symbolische Kommunikation. Die Schenkkultur ist eine heikle Praxis: Das gebrauchte Cabrio, damit der Sohnemann doch noch sein Juraexamen macht. Die Klavierstunden für die Tochter, weil die Mutter selbst immer Klavier spielen wollte. Und Fußballschuhe für den Enkel, der aus unerfindlichen Gründen Gefallen an den Ballettstunden der großen Schwester gefunden hat. Wir Erwachsenen wissen nur zu gut um die Tücken, die das Schenken bereithält. Schenken und Beschenktwerden, das ist erwartungsintensiv und enttäuschungsanfällig. Denn Geschenke sind auch eine Sprache des Begehrens. Das Gedicht zu zweideutig, die Dessous zu aufdringlich, der Sprachkurs zu pädagogisch, die Pralinen zu einfallslos, der Porsche zu erpresserisch. „Das musste doch nicht sein“, sagen viele, peinlich berührt, wenn ihnen jemand unverhofft ein Päckchen in die Hand drückt. Wir haben es verlernt, uns ohne Hintergedanken beschenken zu lassen.

Verkaufsoffene Sonntage, das ist eigentlich offensichtlich, helfen aus dem Dilemma nicht heraus. Sie mögen uns Dauerbeschäftigte ein paar weitere Stunden ermöglichen, um schnell noch die berühmte Liste abzuarbeiten. Dem Wesen des Schenkens helfen sie nicht auf die Sprünge. Im Gegenteil. Wer an jedem Tag der Woche einkaufen kann, verhindert endgültig, dass die verquere Kette aus Tausch und Gegentausch auch nur für einen Tag unterbrochen wird. Das ist kein politisches Kavaliersdelikt zugunsten des verbesserten Konsumklimas, sondern eine handfeste Fehlentscheidung von kulturellem Ausmaß, dessen Folgen uns noch zu schaffen machen werden. Hier wäre Gesetzesfolgenabschätzung genauso angebracht wie bei Gesetzen zur Risikotechnologie, weil wir hier eine kulturelle Tradition mutwillig aufs Spiel setzen. Jetzt wird jeder Tag vom Tausch regiert. Vielleicht halten wir uns so das Moment der Gabe in unserer Kultur nun endgültig vom Leibe. Martin Luther hatte einen guten Blick für unsere Unfähigkeit, Geschenke als das zu nehmen, was sie sind. „Die ganze Welt“, sagt er, „die ganze Welt ist toll und töricht. Sie ertragen es nicht, dass sie die Nehmenden sind. Sie wollen nichts umsonst haben.“

Das Weihnachtsfest ist die Urszene der Gabe, die keine Gegengabe erfordert, weil keine Gegengabe ausreicht, um das überbordende Geschenk Gottes an den Menschen zu vergelten. Im Weihnachtsfest kommen die Deals, der Handel und der permanente Wechsel von Gabe und Gegengabe zum Ende. Wir können nur staunend dastehen und annehmen, was uns in die Hand gedrückt wird: das Versprechen, dass wir selbst nicht aufgehen in dem, was wir tauschen, leisten oder kaufen. An Weihnachten wird klar, was der Kern des christlichen Menschenbildes ist. Und wenn wir uns an Weihnachten Geschenke machen, erinnern wir uns daran, dass auch die, die wir lieben, mehr sind als das, was sie leisten, kaufen oder können. Geschenke verkörpern diesen Überschuss. So werden wir selbst herausgerissen aus dem vertrackten Kreislauf, der alles und jedes zur Ware macht. Wenn wir uns auch die Suche nach Geschenken machen, können wir wieder neu lernen, dass Geschenke Beziehungssymbole sind, die das zum Ausdruck bringen, was alle Werte übersteigt. Schenken ist eine Zeichensprache der Liebe.

Die Langversion des Festvortrages im Wortlaut

Adventssonntage - Kolumne des EKD-Ratsvorsitzenden aus der BZ