"Von drauß' vom Walde komm ich her"

Theodor Storm war für seine Kinder "ein echter, rechter Weihnachtsmann"

05. Dezember 2006

Theodor Storm

Eines der bekanntesten Weihnachtsgedichte ist "Von drauß' vom Walde komm ich her", das Theodor Storm 1862 fernab seiner nordfriesischen Heimat in Thüringen geschrieben hat. In seiner Novelle "Unter dem Tannenbaum" gibt es auch eine Antwort auf die Frage in der letzten Zeile "Sind's gute Kind, sind's böse Kind?". Noch ausführlicher ist eine Spielfassung, in der Knecht Ruprecht das Verhalten der Kinder mit dem Vater bespricht.

Storm war Anhänger der schleswig-holsteinischen Bewegung, die sich gegen die Herrschaft Dänemarks in Schleswig und Holstein richtete. Seine Gesinnung zeigte sich sogar im Weihnachtsschmuck: Hinter dem Christbaum hing die blau-weiß-rote Landesfahne mit dem Leitspruch der Bewegung. Als ihm 1851 aus politischen Gründen die Anwaltszulassung aberkannt wurde, verließ er Husum und wurde nach Stationen in Berlin und Potsdam Richter im thüringischen Heiligenstadt. Erst als 1864 Schleswig-Holstein an Preußen fiel, ging er als Landvogt zurück nach Husum.

Im katholisch geprägten Heiligenstadt entstand im November 1862 die Novelle "Unter dem Tannenbaum", in deren Mitte das bekannte Weihnachtsgedicht steht. "Eine echte Weihnachtsidylle" nennt Storm sie in einem Brief. "Ein sehr glücklicher Griff und mit großer Herzenswärme zu Papier gebracht."

In der autobiografisch geprägten Novelle erinnern sich ein Amtsrichter und sein Sohn an frühere Weihnachtsfeste, bei der ein Onkel den Knecht Ruprecht spielte. Nachdem dieser das Gedicht "mit tiefer Stimme" vorgetragen hatte, antwortete der Amtsrichter auf die Fragen nach den guten und schlechten Kindern: "Hat nur mitunter was trotzigen Mut!/ Der Junge ist von Herzen gut". Doch Knecht Ruprecht ließ sich davon nicht beirren und schwang die Rute: "Nieder den Kopf und die Hosen herunter."

Daneben gibt es aber noch eine längere handschriftliche Spielfassung des Weihnachtsgedichts. Vermutlich wurde sie im Hause Storm zu Weihnachten mit verteilten Rollen aufgeführt. Anders als in der Novelle findet sich hier im Anschluss ein Gespräch zwischen Vater und Knecht Ruprecht über das Wohlverhalten der Kinder. Ruprecht: "Stecken sie die Nas auch tüchtig ins Buch,/ lesen und schreiben und rechnen genug?" Vater: "Sie lernen mit ihrer kleinen Kraft,/ wir hoffen zu Gott, daß es endlich schafft." Am Ende ist der strenge Knecht überzeugt: "So nehmet denn Christkindleins Gruß,/ Kuchen und Äpfel, Äpfel und Nuß."

Theodor Storm war ein großer Freund von Weihnachten: "Es war immer mein schönstes Fest." Er sei in diesen Tagen "ein rechtes Weihnachtskind". Und Tochter Gertrud schreibt: "Unser Vater war ein echter, rechter Weihnachtsmann." Wie der festlich geschmückte Weihnachtsbaum ausgesehen hat, können Besucher alljährlich in Husum sehen, wenn im Storm-Haus zum Advent der Christbaum nach den Beschreibungen Storms geschmückt wird. Eifrig hat Storm mit seinen Kindern das Fest vorbereitet.

Er habe zwei Tage lang nichts als Kisten gepackt und Pakete gemacht, schreibt der 65-Jährige in einem Brief. Gemeinsam mit den Kindern wurden Tannenäpfel vergoldet und weiße Netze geschnitten. Die langen, schmalen Streifen Rauschgold, so erzählt Gertrud, durften nur vom Vater mit seiner großen, alten Papierschere geschnitten werden. Am Ende hingen Flittergold, weiße Netze und goldene Eier, so beschreibt es Storm, "wie Kinderträume" in den dunklen Zweigen.

Die Bescherung an Heiligabend begann mit einer Tasse "besonders fein gemischtem Tee". Neben "Apfel, Nuß und Mandelkern" gab es in Fett gebackene, süße "Futjen" (Pförtchen), die mit Rosenwasser, Korinthen, Zitronenschale, "Cardemum" und 15 Eiern hergestellt wurden. Den großen Apfelkuchen nannten die Kinder "Tante Moritz". Als Festgericht gab es Fisch oder Sauerbraten, und die Erwachsenen tranken Punsch.

Für den achtfachen Vater war Weihnachten vor allem ein Familienfest. Storm war bibelfest, stand der Kirche jedoch eher skeptisch gegenüber. Wichtig war ihm das Anknüpfen an die Familientradition. Zugleich wurde mit Geschenken an die Kinder die Zukunft der Familie gestärkt. Storm galt als zuweilen strenger, in der Regel jedoch milder und liebevoller Vater, dem preußischer Drill fremd waren. So sagt es auch der Vater in dem gespielten Weihnachtsgedicht: "Wie einer sündigt, so wird er gestraft,/ die Kinder sind schon alle brav."

"Knecht Ruprecht" von Theodor Storm

Von drauss' vom Walde komm ich her; Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr! Allüberall auf den Tannenspitzen Sah ich goldene Lichtlein sitzen; Und droben aus dem Himmelstor Sah mit grossen Augen das Christkind hervor; Und wie ich so strolcht' durch den finstern Tann, Da rief's mich mit heller Stimme an: "Knecht Ruprecht", rief es, "alter Gesell, Hebe die Beine und spute dich schnell! Die Kerzen fangen zu brennen an, Das Himmelstor ist aufgetan, Alt' und Junge sollen nun Von der Jagd des Lebens einmal ruhn; Und morgen flieg ich hinab zur Erden, Denn es soll wieder Weihnachten werden!" Ich sprach: "O lieber Herre Christ, Meine Reise fast zu Ende ist; Ich soll nur noch in diese Stadt, Wo's eitel gute Kinder hat." - "Hast denn das Säcklein auch bei dir?" Ich sprach: "Das Säcklein, das ist hier: Denn Äpfel, Nuss und Mandelkern Fressen fromme Kinder gern." - "Hast denn die Rute auch bei dir?" Ich sprach: "Die Rute, die ist hier; Doch für die Kinder nur, die schlechten, Die trifft sie auf den Teil, den rechten." Christkindlein sprach: "So ist es recht; So geh mit Gott, mein treuer Knecht!" Von drauss' vom Walde komm ich her; Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr! Nun sprecht, wie ich's hier innen find! Sind's gute Kind, sind's böse Kind?