Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt

In wenigen Tagen beginnt das Paul-Gerhardt-Jahr

27. Dezember 2006

„Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben, ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.“ So mag es in manchen Gottesdiensten der letzten Tage geklungen haben und vielleicht hat die eine oder andere Familie bei ihrer weihnachtlichen Hausmusik auch dieses Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch angestimmt. Einigen mag in diesem Moment das großartige Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach eingefallen sein, in dem dieser Choral erklingt. Sein vierstimmiger Satz über diesem Lied gehört zu den Höhepunkten der alljährlich tausendfach aufgeführten Vertonung der Weihnachtsgeschichte.

Aber wer denkt bei dem Lied „Ich steh an deiner Krippen hier“ an Paul Gerhardt, den protestantischen Liederdichter des 17. Jahrhunderts, der bis zur heutigen Zeit der Spitzenreiter evangelischer Textschmiede für Gesangbuchlieder ist. Keine Revision und keine Veränderung des Gesangbuches konnte den 1607 in Gräfenhainichen geborenen Pfarrer und Dichter von seinem ersten Platz verdrängen. Der Theologe und Pfarrer, der den 30-jährigen Krieg als Kind, als Student und als Pfarrer miterleben musste, der in seinem Leben sowohl vier seiner fünf Kinder als auch die geliebte Frau beerdigen muss, hat es wie nur wenige andere geschafft, die je individuelle Situation des Leidens und Zweifelns, eine überzeugende theologische Antwort und den göttlichen Zuspruch in Reime zu fassen, die dann häufig sein Zeitgenosse Johann Crüger aber auch andere Komponisten vertont haben. Deutlich wird dies im zweiten Vers des erwähnten Weihnachtslieds: „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ Kann man eindrücklicher erläutern, dass nach christlichem Verständnis der Schöpfer der gesamten Welt, der auch mich erschaffen hat, als kleines, neu geborenes Kind in der Krippe liegt?

In Wittenberg, wo er Theologie studiert, erlebt er die Zerstörungen des Krieges und das Elend der Pest. Dort entsteht 1642 auch sein erstes Gedicht. Fünf Jahre später - nach seinem Umzug in das von Pest, Pocken und Ruhr um mehr als die Hälfte der Einwohner gebrachte Berlin - werden bereits 18 seiner Lieder in ein bekanntes Kirchengesangbuch aufgenommen, 1653 sind es bereits mehr als 80. Neben dem Weihnachtslied: "Ich steh an deiner Krippen hier" zählen "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" und "Oh Haupt voll Blut und Wunden" zu den bekanntesten von ihnen. 26 davon sind noch heute Teil des evangelischen Gesangbuches.

Die evangelische Kirche erinnert im kommenden Jahr an den Dichter, der vor 400 Jahren geboren wurde. Mit vielen Veranstaltungen, Veröffentlichungen und CD-Produktionen erinnern die EKD, die Landeskirchen und die Kirchengemeinden an den Dichter, der Namensgeber zahlreicher Gemeindehäuser und Kirchen ist. Selbst bekannte Pop-Komponisten und Jazz-Sängerinnen leisten ihren „tribute to Paul Gerhardt“, indem sie den bekannten Melodien zu den Liedern von Paul Gerhardt einen neuen, moderneren Klang schenken – ohne die Eindringlichkeit seiner Texte zu verlieren

Ins neue Jahr geleiten kann dabei ein anderes – bekanntes – Gedicht von Paul Gerhardt:

Befiehl du deine Wege / und was dein Herze kränkt / der allertreusten Pflege / des, der den Himmel lenkt. / Der Wolken, Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn, / der wird auch Wege finden, / da dein Fuß gehen kann.

Dem Herren mußt du trauen, / wenn dir's soll wohlergehn; / auf sein Werk mußt du schauen, / wenn dein Werk soll bestehn. / Mit Sorgen und mit Grämen / und mit selbsteigner Pein / läßt Gott sich gar nichts nehmen, / es muß erbeten sein.


Dein ewge Treu und Gnade, / o Vater, weiß und sieht, / was gut sei oder schade / dem sterblichen Geblüt; / und was du dann erlesen, / das treibst du, starker Held, / und bringst zum Stand und Wesen, / was deinem Rat gefällt.

Weg hast du allerwegen, / an Mitteln fehlt dir's nicht; / dein Tun ist lauter Segen, / dein Gang ist lauter Licht; / dein Werk kann niemand hindern, / dein Arbeit darf nicht ruhn, / wenn du, was deinen Kindern / ersprießlich ist, willst tun.

 

Weitere Informationen zu 400 Jahren Paul Gerhardt
Paul- Gerhardt-Jahr 2007