Vor Missklängen geschützt

Glockenforschungsprojekt sucht nach dem reinen Wohlklang

16. Januar 2007

Glocke im Versuchslabor der Fachhochschule Kempten

Die Glocken läuten jeden Tag stundenlang. Zu hören bekommt den ohrenbetäubenden Klang jedoch fast niemand. Denn die kelchförmigen Klangkörper hängen nicht in einem Turm, sondern in einem Versuchslabor der Fachhochschule Kempten. Und aus dem Labor, einem schalldichten Raum, dringt kein Ton nach außen. Und was ebenso wichtig ist: Auch von außen kann kein Geräusch die Klangmessungen stören.

"Cognitioni sonare volo" (Ich will für die Erkenntnis erklingen) lautet die lateinische Inschrift auf einer der Glocken. Insgesamt zwölf Glocken werden nur für die Wissenschaft gegossen und geläutet, erklärt Professor Andreas Rupp von der Fachhochschule Kempten. Er leitet das Europäische Glockenforschungsprojekt "probell", an dem acht europäische Glockengießereien, die evangelische und katholische Kirche, der TÜV sowie die Universitäten Padua (Italien) und Ljubljana (Slowenien) beteiligt sind.

In dem zwei Jahre dauernden Projekt soll seit Oktober 2005 erforscht werden, wie man Schäden an den Klangkörpern frühzeitig erkennen und vielleicht ganz vermeiden kann. 1,6 Millionen Euro hat die Europäische Union dafür zur Verfügung gestellt.

Im Labor sind nicht nur Glocken installiert, sondern auch Geräte, die eine Beschleunigung des Klöppels registrieren, den Klang aufnehmen oder Verformungen messen. Zwei Wissenschaftler und ein Techniker werten die Daten aus. Sie wollen feststellen, wie man Glocken möglichst schonend, aber trotzdem lange und laut läuten kann.

Dazu werden beispielsweise unterschiedliche Klöppel benutzt und verschiedene Lautstärken getestet. Danach werden die Glocken an mehreren Stellen sogar beschädigt, um die Auswirkungen auf den Klang zu untersuchen.

Zwei der Klangkörper wurden von der Karlsruher Gießerei Bachert gegossen. Die Glockengießerei hat unter anderem Glocken für die Dresdner Frauenkirche hergestellt. Egal ob fürs Labor oder den Glockenturm: Aussehen und Material bleiben gleich. Die Zusammensetzung des Metalls Bronze ist in seiner Zusammensetzung seit Jahrhunderten gleich: 22 Prozent Zinn und 78 Prozent Kupfer. Die Mischung sei äußerst stabil und wenig anfällig für Umwelteinflüsse, erklärt Rupp.

Hitze oder Frost können den metallenen Instrumenten kaum etwas anhaben. Mit den neuen Erkenntnissen wollen die Experten alte kulturhistorisch wertvolle Glocken besser erhalten und schützen. Wie etwa die "Hosanna" im Freiburger Münster, die fast 750 Jahre alt ist. Oder die "Gloriosa" im Erfurter Dom, die 1497 gegossen wurde und als eine der schönsten Glocken gilt. Gesprungene Glocken können zwar repariert werden, doch das ist sehr aufwändig.

Wenn es um den "guten Klang" geht, lassen sich die Wissenschaftler auch von Kirchenmusikern beraten. Neben dem subjektiven Empfinden gibt es auch objektive Kriterien für den Wohlklang, berichtet der Leiter des Orgel- und Glockenprüfungsamts, der Karlsruher Kirchenmusiker Martin Kares. So spiele etwa die Nachklingdauer für die Beurteilung eine wichtige Rolle. Für die badische evangelische Landeskirche erstellt Kares eine Glocken-Datenbank. Darin sollen alle Kirchenglocken, digital aufgenommen, verzeichnet werden.

Die Veränderungen im Klang einzelner Glocken können geschulte Ohren früh hören. Der Vorsitzende des Beratungsausschusses für das deutsche Glockenwesen der evangelischen und katholischen Kirchen, der Karlsruher Kurt Kramer, erkennt auch feine Veränderungen früh. Noch schneller könne dies allerdings der Computer, sagt Kramer. Dazu müsse man die digitalen Klangbilder miteinander vergleichen, was jetzt in Kempten getestet wird.

Jede Glocke habe einen ganz eigenen Klang. "Sie besitzt einen akustischen Fingerabdruck", so Kramer. Dieser individuelle Fingerabdruck soll von berühmten Glocken abgenommen werden, damit Veränderungen und Schäden frühzeitig erkannt werden.

Informationen über Glocken und das Projekt "ProBell"