Grüne Woche

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

19. Januar 2007

„Unser tägliches Brot gib uns heute.“ So heißt eine der sieben Bitten im Vaterunser. Jesus sah darin eine der sieben wichtigsten Bitten überhaupt. Oft geht diese Bitte in Gedankenlosigkeit unter. Ab heute hat sie einen besonderen Platz in unserer Stadt. Denn ein Hauch frischer Landluft weht ab heute durch die Messehallen unter dem Funkturm. Die Grüne Woche öffnet für zehn Tage ihre Tore. Ernährungsbranche und Landwirtschaft stellen neue Trends vor.

Als vor einundachtzig Jahren, 1926, die Grüne Woche das erste Mal stattfand, war an die heutige industrielle Produktion von Nahrungsmitteln noch nicht zu denken. Es ging noch sehr bedächtig zu. Die Gäste kleideten sich in grüne Lodenanzüge; das Stück kostete 24 Reichsmark. Der Zentner Kartoffeln, nur zum Vergleich, kostete 1 Reichsmark 90.

Heute reden wir von Lebensmittelfabriken und Legebatterien. Milchseen, geschundene Tiere und der Streit um die Gentechnik werden uns immer wieder pünktlich zum Abendessen im Fernsehen gezeigt. Supermarktketten überbieten sich darin, preiswerte Lebensmittel in ihren Regalen zu stapeln.

Hier in Berlin, auf der größten Ernährungs- und Landwirtschaftsmesse der ganzen Welt, ist davon zu wenig die Rede. Am Sonntag wird ein Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche die Spannung zum Thema machen, die sich aus der Art unserer Nahrungsmittelproduktion ergibt. Wie gehen wir mit der Schöpfung um? Ist es gerecht, einen Überschuss an Lebensmitteln zu produzieren, während zugleich die Armut in unserem Land wächst?

Trotz preiswerter Lebensmittel brauchen immer mehr Menschen fremde Hilfe für ihren Lebensunterhalt. Auch in Berlin essen täglich viele in Suppenküchen und Obdachlosenheimen. „Laib und Seele“ heißt ein Gemeinschaftsprojekt, das Männer, Frauen und Kinder unterstützt, weil deren Einkommen nicht ausreicht. In 42 Kirchengemeinden erhalten sie für einen symbolischen Geldbetrag Brot und Käse, Obst und Gemüse. „Unser tägliches Brot gib uns heute“ - für sie ist das die wichtigste Bitte überhaupt.

Der Dank für das eigene Essen und die Bitte für das Wohlergehen unseres Nachbarn gehören zusammen. Wenn wir das haben, was wir für das tägliche Leben brauchen, sollten wir auch an den denken, dem all das fehlt. Das gehört zur Verantwortung für den Nächsten. Auch für sein Wohl sind wir in unserem reichen Land verantwortlich.

Es ist keineswegs überholt, am gedeckten Tisch innezuhalten. Es ist ein Grund zur Dankbarkeit, wenn wir wissen, was wir essen und trinken sollen. Ein Tischgebet macht mir das jeden Tag bewusst.