Ergebnisoffen und zukunftsorientiert

Lern- und Anregungskongress in Wittenberg

24. Januar 2007

Aus Kiel reisen sie an und aus München. In Speyer machen sie sich auf den langen Weg und aus Dresden haben sie es nicht so weit: Über 300 Menschen der evangelischen Kirche hat der Rat der EKD zum Zukunftskongress in die Stadt der Reformation nach Wittenberg eingeladen. In der Stadt, in der Martin Luther mit Katherina von Bora die längste Zeit seines Lebens gelebt, mit Philipp Melanchthon und seinen Studenten diskutiert, und wo Hans Lufft seine Schriften gedruckt hat, treffen sich Bischöfe, Präsides, Kirchenpräsidenten, leitende Juristen, Synodenpräsidenten, Theologen und Angehörige anderer Berufe, Hauptamtliche und ehrenamtlich Engagierte, an kirchlichen Fragen Interessierte und für kirchliche Themen Verantwortliche. Drei Tage sitzen sie zusammen - nicht um sich an die Geschichte vor knapp 500 Jahren zu erinnern, sondern um über die nächsten 30 Jahre der evangelischen Kirche nachzudenken.

Die Herausforderungen sind deutlich: Die Alterspyramide der deutschen Gesellschaft verändert sich. Als demographischen Wandel bezeichnen Fachleute die Tendenz, dass die Menschen älter und gleichzeitig weniger Kinder geboren werden. Die Bindung der Kirchenmitglieder an ihre Kirche hat sich zwar nicht tiefgreifend verändert, das zeigen die seit 40 Jahren durchgeführten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen, aber die Zahl der Mitglieder sinkt. Die mittelfristige Finanzplanung zeigt - gerade auch aus wirtschaftlichen und steuerrechtlichen Gründen - das zukünftig der evangelischen Kirche weniger Geld zur Verfügung steht. Die Antwort darauf kann nicht sein, so weiter zu machen wie bisher, dessen war sich der Rat sicher.

So sind die Tage in Lutherstadt Wittenberg als Lern- und Anregungskongress angelegt: Kreativität steht im Vordergrund der Beratung im Plenum und in verschiedenen Foren. „Von anderen lernen“ wollen die Teilnehmende ebenso wie ihre eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen einbringen; gemeinsam werden sie auf die Stimmen derer hören, die ihre Lebenserfahrung einbringen können; jede und jeder einzelne wird seine Phantasie einbringen, wie die evangelische Kirche im Jahr 2030 aussehen könnte - und ihre Gedanken und Äußerungen der gegenseitigen Kritik aussetzen.

Ein Weg, der so in der EKD bisher nicht gegangen wurde, soll nach dem im Sommer 2006 veröffentlichten Impulspapier des Rates der EKD um einen Schritt weiter gegangen werden. In der Stadt, in der vor knapp 500 Jahren die Hammerschläge eines unbekannten Mönches, der 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche anbrachte, die Kirche ins Nachdenken über sich selbst brachte, berät die evangelische Kirche über ihre Zukunft: ergebnisoffen, zukunftsorientiert, lebenserfahren, jugendbewegt - eben so, wie die evangelische Kirche sich selbst versteht.

Der Ablauf des Kongresses in Wittenberg ist geplant, damit die über 300 Teilnehmenden wissen können, wann und wo sie sich treffen, und was auf der Tagesordnung steht. Aber für alle Beteiligte - Rat, Lenkungsgruppe, Organisatoren, Team, Teilnehmende und berichtende Journalisten - bleibt es offen, ob der suchende Blick der Neugier, der Geist der Wahrheit, eine zuversichtliche Hoffnung und der Funke des Mutes durch die Tagungsräume in Wittenberg weht und mit zurück in die Landeskirchen, Kirchengemeinde, Kirchenämter, Gemeindevorstände und Synoden genommen werden kann.